DIE RUNE OTTOS DES GROSSEN

Bild von Otto dem Großen: In anonymer Kaiserchronik für Kaiser Heinrich V. um 1112/14 „Corpus Christi“, Cambridge, Ms 373, fol. 42v
1. Unterschrift Otto I.: Urkunde Ottos des Großen für das Mauritiuskloster in Magdeburg, ausgestellt am 23. April 961. Magdeburg, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Rep. U 1, Tit. I, Nr. 14
2. Unterschrift Otto I.: Schreiben Ottos an die sächsischen Großen zur Verkündung der Gründung des Erzbistums Magdeburg (Oktober/November 968). Magdeburg, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Rep. U 1, Tit. I, Nr. 31
 
DIE RUNE OTTOS DES GROSSEN
 
Ich lese die Runen -, hab‘ meine Gesichte,
ich weiß die geheime deutsche Geschichte.
­­­­Was man uns glauben macht ist ein Gewirsche,
das schrieben Mönche und Paffen der Kirche.
 
Die Wahrheit ist anders, sie lebte „sub rosa“,
ich kenne die altdeutsche runische Prosa.
Unser altdeutscher Glaube ist nie gestorben,
getarnt hat er weiter gewirkt und geworben.
 
Was Namen und Zeichen ewig bezeugen:
Der Heidenglauben ließ sich nicht beugen,
auf Wodan, auf Odin hofften die Mannen,
während die Frauen der Freia nachsannen.
 
Nach außen hin, begann man zu heucheln,
die Kirche fuhr fort, die Seelen zu meucheln.
Doch unbezwungen und ungebrochen
blieben die Starken den Ahnen versprochen.
 
Der Ahnen-Glauben war nicht zu besiegen,
nur kirchen-christlich arg zu verbiegen -,
aber die Herzen verblieben beim Alten,
aus Baldur tät man den Christus gestalten.
 
Die Herrscher nutzten des Volkes Willen,
so lebte die Eigenart weiter im Stillen.
Und wenn wir die alten Zeichen verstehen,
ist das was ich sage, daraus zu ersehen.
 
Otto der Große, der Ungarn-Bezwinger,
galt als des Od-Gottes Hulde-Erbringer,
dessen heilige Lanze trug er zur Schlacht,
auch im Banner hat er des Gottes gedacht.
 
Ottos Reiter führten die Michael-Fahnen,
Mikkel, „der Große“, war Gott seiner Ahnen.
Und Ottos, Herrn Othos teutsches Fortune
war gebannt im Signum der Odil-Rune.
 
Wir Heutigen haben - trotz einer Fülle uns zur Verfügung stehenden mittelalterlichen Texten - ein völlig unzureichendes Bild über die geistigen Zustände der frühchristlichen Gesellschaften, und zwar deshalb, weil allein die Kirche bzw. Kleriker die Überbringer unserer Nachrichten sind. Sämtliche Texte sind im kirchenchristlichen Sinne geschönt und massiv gefälscht. Es wird vermittelt, als sei die gesamte Gesellschaft bereits durchevangelisiert und christlich gefestigt, was sich als weit entfernt von den wahren Zuständen schon daran erweist, dass noch über etliche weitere Jahrhunderte hinweg die Kirche und die von ihr abgängigen Obrigkeiten bemüht waren durch, oft genug drakonische Strafandrohungen, die altheidnischen Sitten und Gebräuche dem gemeinen Volk abzuzwingen. Maximal ca. die Hälfte einer Gesellschaft, so ist es bis heute geblieben, unterstützt als Nutznießerin regierungskonforme Entscheidungen und Maßnahmen -, die Opposition steht im kritischen Abseits, entweder als Fundamentalgegner, oder zumindest in missgünstiger Lauerstellung. Auch auf diese Volksschichten muss jedwede Obrigkeit indirekt Rücksicht nehmen, um sie möglichst allmählich umzustimmen, vorher aber von Aufständen abzubringen versuchen und über ihre Hilfen in Notlagen verfügen zu können. Jeder deutsche König und Kaiser bedurfte zum einen der beratenden Loyalität seiner internationalistisch empfindenden, mönchischen Geistlichkeit und ebenso der Mannestreue seiner stammesbezogenen nationalistischen Soldaten.
 
Am Beginn deutscher Volkwerdung, aus einer Vielzahl gleichartiger germanischer Stämme, standen die beiden tatkräftigen Sachsenherrscher Heinrich I. (876-936) und sein Sohn Otto I. (912-973). Sie schufen mittels ihrer Kraft und Weisheit die stabile europäische Schutzmacht im Herzen des Abendlandes. Der Kleriker und Historiker Widukind von Corvey (925-973) beschrieb in seiner „Sachsengeschichte“ Ootto den Großen als vorbildlichen Herrscher und Menschen: „Er selbst also, der großmächtige Herr, der älteste und beste der Brüder, war vor allem ausgezeichnet durch Frömmigkeit, war in seinen Unternehmungen unter allen Sterblichen der beständigste ... Seine Geistesgaben waren bewunderungswürdig […] Auf die Jagd ging er häufig, liebte das Brettspiel und nahm bisweilen mit Anmut und königlichen Anstand am Reiterspiel teil. Hinzu kam noch der gewaltige Körperbau, der die volle königliche Würde zeigte, das Haupt mit ergrauendem Haar bedeckt…“, „Ottos Tracht war die heimische, die er nie mit Fremder vertauschte.“ Dass die Masse der Kämpfernaturen zur Zeit Ottos des Großen den christlich-paulinischen Bibelglauben verstanden und gar verinnerlicht hätten, wäre abwegig anzunehmen ! Ottos Hochzeit mit der Angelsächsin aus Wessex Editha (910-946) erfolgte im Jahre 929. Das königliche Ehepaar, das aus gleichen sächsischen Blutwurzeln kam, liebte sich heiß und innig, es konnte sich in der gemeinsamen niederdeutschen Muttersprache unterhalten. Keine 150 Jahre waren seit den karolingischen Massentötungen von heidnischen Sachsen vergangen; von denen eine im Jahre 782 erfolgte und als „Blutgericht von Verden“ in die Erinnerung einging. 4.500 ausgezeichnete Sachsen sind bei Verden an der Aller auf Befehl des Frankenkönigs Karl (747-814) gemetzelt worden. Alle diese von der fremdländischen Christenkirche gewünschten und abgesegneten Untaten konnten in Sachsen niemals vergessen gewesen sein. Das heißt, die große Politik richtete sich nach dem internationalen Zug der Zeit, in der ein Papst in Rom von Bedeutung wurde, aber der einfache Landsasse in Sachsen war bestenfalls ein Lippenbekenntnis-Christ, nicht mehr. Und in den meisten germanischen Gauen war es nicht viel anders. Weil ein christenkirchliches Umbiegen der hartnäckigen Sachsen auf absehbare Zeit unmöglich war, aber nach außen hin der Schein eines „christlichen Reiches“ gewahrt werden sollte, begannen die krampfhaften Verchristlichungen, also die Umdeutungen von herkömmlich-heidnischen Feiertagen, Brauchtümern, Sinnbildern und religiösen Vorstellungsbildern, um die Volksmassen bei der klerikalen Stange zu halten und sie immer tiefer in das katholisch-päpstliche Weltverständnis einzumanövrieren.
 
Keinem vernünftigen Menschen gelingt es, den Christenglauben rational zu verstehen, was ihn so irrsinnig attraktiv für alle mystisch und okkult veranlagten Leute machen kann. Der Ex-Rabbiner Schaul-Paulus aus Tarsos hat ihn aus irrationalen Kultbräuchen der Moses-Religion entwickelt. Die mystifizierende, scheinreligiöse Vorstellung: „Gott liebt das Unverständliche“, ist auch in anderen Religionskulturen anzutreffen. Leicht zu verstehen, und mithin Folge zu leisten, sind aber die Symbolzeichen, vornehmlich wenn sie altvertraut erscheinen. Ottos Angelsächsin Edita, eigentlich hieß sie Edgitha (aus altangelsächs. Odgitha = „die Od-Verlangende“) hatte eine ältere Schwester namens Eadgifu (auch: Odgiva, Ottogeba = „die Od-Gebende“). Sie waren Töchter des Königs Eduard des Älteren, ihr Ahnherr war König Oswald (604-642) des Reiches Northumbria. Um König Oswald (aus Asen-Walt/-Walter) hatte sich im christlichen England ein Kult gebildet, er war zum „Heiligen“ erklärt worden, den auch Königin Editha-Edgitha in ihrer neuen Heimat Magdeburg publik zu machen suchte. Das fiel nicht schwer, denn in seinem Namen, wie in seinen Attributen, spiegelte sich des altheidnische Od-Gottes  Asen-Kult (Ahnen-Kult). Er wird in der Ikonographie mit Odins Rabe Hugin, der Odins Zauberring Draupnir im Schnabel hält und dem goldenen Sonnenhirsch dargestellt. Zu seinen Attributen zählen auch die Ähren, als Fruchtbarkeitsbeschwörung, der Pokal, als Erinnerung an den mythischen Met- oder Bierkessel, die populärverständliche Kriegerrüstung und die christliche Märtyrerpalme, welche Oswald gar nicht verdient hätte, denn er fiel regulär in einer Eroberungsschlacht.
 
Das wichtigste Sinnbild des altdeutsch-germanischen und sächsischen Gottes, bezüglich seines kriegerischen Aspektes, aber war der heilige Speer Gungnir. Seine Gleichnisse hatten die heidnischen Herzöge und Vorkämpfer zum Beginn einer Schlacht rituell über die gegnerischen Heere geworfen, mit der Beschwörungsformel: „Odin hat Euch alle !“ Wie mochte es gelingen, an diese die Kämpfer verbindende Tradition anzuknüpfen, ohne damit offen heidnische Bräuche wiederbeleben zu müssen ? Diese Frage des jungen Königtums hatte bereits Otto I. Vater Heinrich I. gelöst. Während des Hoftages zu Worms, im Jahr 926, kaufte der König eine legendäre Lanze vom burgundischen König Rudolf II., der sie 922 von einem langobardischen Grafen Samson samt Herrschaft über Italien erhalten hatte. Die Südwestecke des Ostfrankenreichs-Deutschlands, mit der Stadt Basel, musste für die Lanze bezahlt werden. Die christliche Weihung soll das Lanzenblatt durch Einarbeitung eines Nagels vom „Kreuz Christi“ bekommen haben. Schon um zehn Jahre darauf bestätigte sich die Kraft um den Mythos, als Heinrich I. seinen Sieg in der Schlacht bei Riade, über die Magyaren-Ungarn, im Jahr 933 erfocht. Ebenso führte 955 Sohn Otto I. diese Fahnenlanze während der Schlacht auf dem Augsburger Lechfeld mit sich, in der die reiternomadischen, asiatischen Raub- und Mordscharen der Ungarn endgültig geschlagen werden konnten. Und zwei Monate später bezwang Otto die sog. „Sclaveni“ an der Recknitz. Ab jetzt wurde der bedeutendste Ottonenherrscher als „Vater des Vaterlandes“ von einer großen Volksmehrheit geliebt und geehrt. Die Heilige Lanze befindet sich heute in der Schatzkammer der Reichsinsignien zu Wien.
 
Um den gemeingermanischen Volksgott Wodan-Odin dem ostfränkisch-deutschen Volk als Identifikationsgröße erhalten zu können, kreierte ihn Otto der Große - nach dem Vorbild der italischen Langobarden - in einem christlich verbrämten Gewande, nämlich dem des „Erzengels Michael“, aus der altjüdisch-kirchenchristlichen Mythologie. Der „hl. Michael“ wurde seit Otto I. siegreicher Schlacht auf dem Lechfeld am 10.08.955 zum Schutzpatron des deutsch-germanischen „Ostfrankenreiches“ erklärt. Dagegen hatten die Pfaffen nichts einzuwenden und dem Volk blieb die liebe Gewöhnung auf Dauer, denn unter der germanischen Lautung des „Michael“, ahd. „Mikkel“ (mhd. „Michel“), was germ. mächtig/groß bedeutet, erinnerte  sich das einfache Volk an nichts anderes als an den großen Wodan, der in seiner legendären Jugendform, dem Sigurd-Siegfried, als Drachenbesieger galt. Der „Erzengel Michael“ wurde seit dem 7. Jahrhundert unter den Namen „Mikal / Mika'il“ verehrt, besonders bei den ursprünglich langobardischen Wodan-Verehrern in Italien, die zu exzessiven Michaels-Verehrern wurden. Der Mikkel ist noch heute die skandinavische Namenslautform - besonders im dem Deutschen nahestehenden Dänischen und Norwegischen - für den männlichen Michael. Im Hebräischen wird „Mi-ka-el“ = „Wer (ist) wie Gott ?“ erklärt. So wie der Psychopompos („Seelengeleiter / Seelenführer“), griech. Hermes, röm. Mercurios, germ. Wodan, so galt der Mikkel-Michel als Seelenwäger, wie der ägyptische Schreiber- und Schrifterfinder-Gott Thot-Tehut, der schon lautlich dem gallogermanischen Teut / Teutates nahekam, dem Gott der jütländischen Teutonen und keltischer Stämme. Nach der Interpretatio Romana verstanden die Römer gleich dem Teutates als Mars und Mercurius, zwei Aspekte die auch für Wodan-Odin zutrafen. Der Michaels-Festtag ist der 29. September, ein Herbstfest, ebenso wie schon das alte germ. Asa-Alfa-Blod ein Ahnen- und Seelenfest war.
 
So wie der Seelenhauch-Belebungs- und Heilgott Wodan-Odin galt der hl. Michael als Heilkundiger, als himmlischer Arzt und Patron der Kranken. Im 2. Merseburger Zauberspruch tritt Gott Wodan als unübertroffener Heilzauberer auf: „Phol [Baldur] und Wotan ritten zu Walde. Da verrenkte sich Balders Fohlen den Fuß. Es besprach ihn [heilzauberisch] Sinthgunt [Zum-Streit-Gehende ?] und Sunna [Sonne], ihre Schwester, da besprach ihn Frija [Herrin] und Volla [Fülle], ihre Schwester, da besprach ihn Wotan, der es besser konnte: ,Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, sie sollen wieder geleimt sein !‘“ So war der altdeutsche Volksgott unter verchristlichender Tarnkappe am Leben geblieben; man begann sich in Sachsen und im übrigen Reich der Deutschen - vom Schwabenmeer im Norden, bis zu den Gestaden des Mittelmeeres - zu arrangieren. Denn Otto I. war im Jahr 951 auf Bitten der Adelheid, Witwe des Langobardenkönigs Lothar (928-950), über die Alpen gezogen und brachte Oberitalien unter seine Herrschaft. Weihnachten 951 heiratete er in zweiter Ehe Adelheit, erhielt damit die rechtmäßige Herrschaft über Oberitalien, seine langobardisch-italienische Königskrönung feierte er in Pavia. Der Mönch Odilo von Cluny (961-1049) erarbeitete eine Lebensbeschreibung der Adelheid von Burgund (932-999), die deutsche Kaiserin wurde und als Ottos Gattin die Reichspolitik ganz wesentlich aktiv selbst mitgestaltet hat. Odilo reimte: „Nicht eine war vordem ihr gleich, So hob und mehrte sie das Reich. Die trotzige Germania, Die fruchtbare Italia. Und ihre Fürsten untergab Sie Romas Schwert und Herrscherstab. Der edle König Otto dann Durch sie den Kaiserthron gewann. Der Sohn auch, den sie ihm gebar Des Reiches Stolz und Zierde war.“ Es ist ersichtlich, dass Otto I. durch seine beiden wunderbaren Gattinnen die damals modernen Formen der Wodan-Verehrung in seine Regierungskonzeption aufgenommen hatte: Von der Angelsächsin Editha den Oswald-Kult und von der Schwäbin-Langobardin Adelheit den Michael-Kult.
 
Die Zeit Ottos des Großen war eine Phase des Synkretismus, also der Durchmischung von antiken Glaubensformen mit denen der ursprünglich jüdisch-essenisch-jesuisch-paulinischen Sekte, einer Absplitterung des Mosaismus, die sich kosmopolitisch gemausert hatte, um als byzantinische und römische institutionalisierte Weltmacht aufzutreten, für das westliche Europa in Gestalt der katholischen Rom-Kirche unter der Herrschaft eines Oberpriesters, des sog. Papstes. Synkretistische Überlappungen religiöser Systeme hatte es immer und überall geben, für die Sachsen und Nordeuropa gediehen jetzt solche Mischglaubensformen. Das alte Heil der Ahnen, der Eltern, der Großeltern war nicht vergessen und überwunden, aber das Neue vermochte sich mit dem Geist der Griechen und den Erfolgen der Römer zu schmücken; so war es schwer es zu negieren. Die Folge waren die beschriebenen Zusammenschauungen, eben die wuchernden Mischformen in germanischen Landen. Und die damalige Germanica reichte weit über die nordischen Meere bis England, Island und Norwegen bis Nowgorod, zur Ukraine und Kiev, im Westen aber bis ins nordiberische Navarra und Galicia, im Süden über die Lombardei und Spoleto bis zum süditalischen Benevent, wo die Wallfahrtskirche „San Michele“ vom langobardischen Michael-Glauben seit dem 5. Jahrhundert kündet. Dort ist der Michaelskult in den gleichen Verehrungsriten des Wotan vollzogen worden. Die Gläubigen betrachteten die beiden als wesensgleich. Wodan wie Mikkael-Michel waren höchster Gott des Krieges, die Geleiter der Seelen und die Beschützer der Helden und Krieger. Ab dem siebten Jahrhundert wurde die Kirche das Nationalheiligtum der Langobarden und der wichtigste Ort des Michaelkultes. Von ihr aus ging die Verbreitung der Verehrung des wodanischen Mikaels, vorbildhaft für zahlreiche andere Kirchen, die im übrigen Europa gebaut wurden, inbegriffen des grandiosen „Mont-Saint-Michel“ in der Normandie.
 
Wir dürfen scher sein, dass Otto der Große, der in Mannesjahren noch Lesen und Schreiben lernte, der als König und Kaiser der Deutschen einen weltweiten Blick gewann, nicht unkundig geblieben sein wird, was seine sächsischen Weistümer und Traditionen betraf. Er hat die geheimnisvolle, heilig-dunklen Runenschrift seiner Vorfahren und ihr Sinnbildgut gekannt. Auch über den weihevollen eigenen Od-Namen wird er aufgeklärt gewesen sein, war doch der Begriff „Od“, dem die Form „Otto“ zugrunde liegt, der heilträchtigste des germanischen Vokabulars überhaupt, indem er engstens  mit dem alten Gottesheil verquickt war. Im Od-Wort schwingt das seelisch-himmlische Gut ebenso mit wie das irdische Odal, des Edlen Heim, welches zum Seelenadel verpflichtet. Otto malte die beiden „o“ seines Namens indem er sie mit einer Linie verband, ebenso verband er die beiden „t“ seines Namens mit einer Linie und erhielt somit ein Kreuzzeichen. Durch die Linienverbindung der beiden „o“ ergibt sich gleichzeitig das Heilszeichen der ódil-Rune im Otto-Monogramm. Seit Kaiser Karl wurden derartige aussagestarke graphische Symbole auf Urkunden des Mittelalters verwendet. Schon das Karlsmonogramm des Frankenkönigs war ein sprechendes Signum, bei dem, um die zentrale runische Raute, sich die vier Buchstaben strahlengleich gruppierten: K, R, S, L. Die obere Hälfte des Rauten-O sollte für A und die untere Hälfe für U gedacht sein, damit KAROLVS zu lesen sei. Der angeberische lineare Text beiderseits des Kreuzrhombus-Monogramms lautet „Signum (M.) Caroli gloriosissimi regis“, d.h.: „Zeichen des überaus glorreichen Königs Karl“. Aber Karl und seinen Heilsberatern muss absolut bewusst gewesen sein, dass die das Monogramm dominierende Raute die altheilige Ing-Rune darstellt, dem Zeichen des solaren Heilbringers, welchen das Heidentum als Ingo-Frō und das Kirchenchristentum als Jesus-Christus definierte. Dass man die Ing-Rune als Zeichen des Neuen Kreuzgottes gebrauchte, um dessen solaren Charakter für das Publik hervorzuheben, demonstriert der möglicherweise schon vorkarolingische „Geisenheimer Türsturz“ (Wiesbaden, Nassauische Altertümer-Sammlung). Der christliche Kunstgott hängt hier noch nicht am Kreuz, er darf noch der solare Heilbringer sein, ganz ohne Kreuzestod, aber mit den großen Segenshänden, wie er schon auf den bronzezeitlichen skandianavischen Felsbildern und ebenso auf altirischen Kreuzen zur Abbildung gelangte. Er steht vor dem Kreuz, dem schon steinzeitlichen Sonnenemblem. Vom Beschauer aus gesehen, an linker Kopfseite, ist auf dem Geisenheimer Tympanon das Sonnenzeichen der markanten Ing-Rune herausgemeißelt worden. Auch Otto wollte sich auf jeden Fall, neben dem Kreuzzeichen, ebenso das Heil des altsächsischen Zauberzeichens zu Nutze machen. Als Bild 1.) sehen wir die senkrechte Odil-Rune in eckiger Form als Unterschrift Otto I. in Ottos Urkunde für das Mauritiuskloster in Magdeburg, ausgestellt am 23.04.961 (Magdeburg, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Rep. U 1, Tit. I, Nr. 14). Als Bild 2.) sehen wir die runde Form der Odil-Rune in Ottos Unterschrift seines Schreibens an die sächsischen Großen zur Verkündung der Gründung des Erzbistums Magdeburg, im Oktober/November 968 (Magdeburg, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Rep. U 1, Tit. I, Nr. 31). Diese altnord. ódil-Rune ist auf dem zweiseitigen Brakteaten vom dänischen Lyngby zu sehen. Der Germanist und Philologe Hans Ferdinand Maßmann (1797-1874) beschrieb in „Runen aus Rom und Wien“, 1871, zwei Runenschriftverzeichnisse in denen die sog. „vergessene“ odil-Rune enthalten ist. Es handelt sich um die „Annales Brunwilarenses“, die ein Mönch der Abtei Brunweiler bei Köln, um 988 n. Chr. in einem Codex niederschrieb, indem er zwei nordgermanische Runenreihen, eine in Alphabet-Folge und eine in Futhark-Folge aufzeichnete. Den Hinweis zu den Runen-Pergamenten im Vatikan hatte Maßmann von dem ebenfalls an deutschen Altertümern und Runen interessierten Prof. Reifferscheid aus Breslau erhalten. Was sie bedeutet, soweit wir uns, nach dem Studium vieler dergestalten Funde, in die altgläubige Denkweise hineinzusetzen vermögen, wäre: Verbindung von Himmel und Erde und Ewiges-Seelen-Leben bzw. Wiedergeburt.

 

Letzter unterer Teil der Runenreihe aus „Annales Brunwilarenses“ (Vatikan Hs. Urbin 290 membr. fol.)
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