LIEBESTANZ IN DEN TOD

Düsseldorf, 01.10.2014, Alla Klyshta und Reydi Argote beim Pole-Dance am Verkehrsschild der Rheinuferpromenade. Die beiden waren damals als „Duo Reyal“ eine der umjubeltsten Nummern im Programm „Stars of Hollywood“ im Apollo Varieté.
 
LIEBESTANZ IN DEN TOD
 
Die Künstlerin und der Kubaner -
heißer Sinnen Liebes-Paarung -
Kraft und Grazie in Vollendung,
reiner Schönheit Offenbarung.
 
Hula-Hoop und „China-Stange“,
„Pole-Dance“ auf Glemmer-Bühnen,
Glanz, Applaus und hohe Gagen,
für die akrobatisch Kühnen.
 
Reydi Argote und Alla Klyshta,
das Liebespaar im Sinnen-Feuer,
wahre „Stars of Hollywood“,
die „Dinnershow“ war ungeheuer.
 
Supertalente, kaum zu toppen,
„Liebestanz“ - „Salto Vitale“,
Varieté- und Zirkus-Schimmer -,
doch nur bunte Scheinweltschale.
 
Wer hinan steigt auf den Stangen,
auf den glatten, lichtumflorten,
muss auch wieder abwärts gleiten,
dorthin wo die Furien schmorten.
 
Allas Leiche trieb im Rheinstrom,
dort wo sie sich kennenlernten,
wo ihr Liebestanz begonnen
musst‘ sie auch sein Ende ernten.
 
Jeder Rausch birgt auch Gefahren,
jedes Unmaß wilder Sitten !
Haltet Augenmaß -, bleibt bieder -,
des Menschen Maßstab sei die Mitten !
 

Im Jahre 2010 tanzte sich die Ukrainerin Alla Klyshta als Hula-Hoop-Künstlerin bei der RTL-Show „Das Supertalent“ in die Herzen der deutschen Zuschauer. Jeder kennt ihn aus Kindertagen, den Hula-Hoop-Reifen. Ein altes Spielgerät, das in den 50ern aus Kunststoffrohr wiederbelebt wurde. Beim Auftritt von Alla K. beim „Binzer Sommervarieté“ bewegte die ukrainische Rekordhalterin 102 Reifen gleichzeitig. „Das sind 22 Kilogramm, was eine zu schwere Belastung für den Rücken wäre, sollte das jeden Abend gestemmt werden. Daher jongliere ich in der Show mit 50 Reifen“, erzählte die damals 30-jährige, die in eine Kiewer Zirkusfamilie hineingeboren wurde. Seit Ende 2013 verging kein Tag, an dem Alla nicht im Schmerz an die Ukraine denken konnte. Gerade als die Unruhen in Kiew begonnen hatten, weil Präsident Viktor Janukowitsch angeblich ein Abkommen der Ukraine mit der Europäischen Union blockierte, wollte die junge Artistin nach Hause reisen. Ihre Mutter riet ihr ab, zu gefährlich sei die Lage in Kiew, wo die Familie in der Nähe des Maidan-Platzes wohnt. 2014 gastierte Alla als Artistin erstmals auch im Bochumer „Varieté Et Cetera“. Der kriegerischen Gewalt in ihrer ukrainischen Heimat war sie entkommen. Ihre Gefühlslage beschrieb sie damals: „Ich bin in erster Linie traurig, weil die Ukraine mein Heimatland ist, in dem ich geboren wurde“, obgleich sie sich in Deutschland sehr wohl fühle. Die Artistin konnte damals nicht nach Hause reisen. Ein entfernter Verwandter starb in Odessa. Alla mochte nicht darüber urteilen, wer Recht oder Unrecht hat in diesem Konflikt, doch eines wusste sie sicher: „Wenn Menschen sterben, kann es nur schlecht sein. Putin sollte seine Soldaten aus der Ukraine holen. Für mich ist die Vorstellung, dass Russen in der Ukraine beschützt werden müssten, völliger Unsinn“. 2016 feierte in Frankfurt der italienische „Circo Aquatico“ seine Deutschland-Premiere. 100.000 Liter Wasser im Zirkuszelt sollen die Illusion einer zweistündigen Reise in die Unterwasserwelt illustrieren. Fontänen und Fabelwesen in tollen Gewändern ließen die Zuschauer abtauchen in eine faszinierende Geschichte von Freundschaft und Gut und Böse. Zu den Artisten gehörte das „Duo Reyal“, welches Akrobatik am „Chinesischen Mast“ präsentierte: Alla Klyshta und ihr aus Havanna/Kuba stammender Freund Reydi Yoan Ar­go­te Frias. Sie führten einen fantastischen „Liebestanz“ auf - ein leidenschaftlicher Kuss gehörte dazu; sie sorgten für Gänsehaut im Publikum, die prickelnde Erotik war dabei zum Greifen nah. Ihre Performance an der Stange galt als eine höchste Form der Akrobatik, die größte Muskelkraft erfordert. Nur selten wird sie von einem Mann und einer Frau ausgeübt. Einer der Höhepunkte dieses brillanten Partnerstücks ist eine Balance, bei der Alla freihändig auf Reydi steht, während der mit aller Muskelkraft seiner Arme den Körper vom Pole waagerecht wegstreckt. Dieser „Chinese Pole“ ist eine vertikale Stange zwischen drei und neun Metern hoch, auf dem die Artisten augenscheinlich voller Leichtigkeit klettern, rutschen und posieren. Dabei setzt diese Form der Akrobatik extreme Konzentration und vor allem Muskelkraft voraus. Der berühmteste Trick ist die „Menschliche Flagge“, wobei der Artist, im rechten Winkel zur Stange, sich nur mit seinen Händen festklammert. „Nur stehe ich dabei auch noch auf ihm. Gut, dass Reydi durchtrainiert ist. Ich bin eigentlich nicht für den Pole prädestiniert. Ich bin etwas zu groß und auch nicht leicht genug. Ich esse einfach zu gern“, gestand Alla. Sie lernte den etwas jüngeren Reydi bei einem Dinnershow Engagement im „Europapark Rust“ (Baden-Württemberg) kennen und lieben, wo Reydi mit einem kubanischen Ensemble als Akrobat auftrat. Die Kraft hat sich der 26-jährige Reydi bereits seit seinem 12. Lebensjahr antrainiert. Vier Jahre besuchte er die Zirkusschule in Havanna. „Mein Vater regiert modern. Er sagte nur, wenn ich es wirklich will, könne ich auf seine Unterstützung zählen. Meine Mutter war nicht so zufrieden mit meiner Berufswahl.“ Seit Ende April fehlte dann plötzlich von der Ausnahmetänzerin jede Spur. Am Samstagmorgen, dem 18. Mai 2019, sahen Spaziergänger eine Frauenleiche im Rhein bei Rust. Das Schreckliche wurde zur Gewissheit, es war die getötete Alla. Ein Bekannter der Ermordeten sprach von Beziehungsprobleme zwischen den beiden Artisten: Es sei ein ständiges Auf und Ab gewesen. Alla Klyshta habe ihm vor kurzem gestanden, sie wären „kein Paar mehr, würden aber trotzdem zusammenarbeiten“, so die „tz“. Auch von einer komplizierten Dreiecksbeziehung mit einer Tänzerin war die Rede. Die ermordete Alla K. trat immer wieder bei Veranstaltungen im Europapark in Rust auf, so auch bis zuletzt. In ihrer letzten Show im Europapark trat Alla mit einem neuen Partner auf. Wurde sie von ihrem Ex-Freund ermordet und im Rhein „entsorgt“ ? Die Polizei nahm ihn fest. Eine Sonderkommission „Altrhein“ wurde eingerichtet. Die Ermittler sind sich sicher: Der Fundort der Leiche war nicht der Tatort. Ein Sprecher des Ruster Freizeitparks teilte mit: „Wir sind sehr bestürzt und wünschen den Angehörigen viel Kraft in dieser schweren Zeit.“ Auch in Varietee-Shows und im Zirkus Knie hatte Klyshta immer wieder das Publikum ins Staunen versetzt. Der Zirkus sprach Entsetzen aus. Man trauere „um eine Ausnahmekünstlerin“ - „Die Künstlerwelt ist bestürzt“; jeder der von der unverständlichen Tat erfahren hat ist entsetzt und empfindet tiefe Trauer, um diese schöne und talentierte Frau die mit ihrer Kunst Millionen Menschen froh und heiter gemacht hatte.