LIEBESTÄNZE

 
Kunst von Alex Grey
 
LIEBESTÄNZE
 
Scherbenstücke sind wir alle,
seit dem Auseinanderfalle,
seit in fernsten Urzeittagen,
dem Beginn der Erdenplagen,
als die Urmenschkräfte schwanden
Weib und Mann getrennt entstanden.
 
Seitdem suchen sich die Teile,
sehnen sich nach einstiger Heile,
woll‘n sich finden, wieder fassen,
nimmer voneinander lassen,
um erneut, sich zu ergänzen,
in verzückten Liebestänzen.
 
Wir ergänzen uns zum Ganzen,
Pfauenaugenfedern tanzen,
wenn sich unsere Glieder ringen,
Adern ineinander springen,
kreisen himmelwärts die Kräfte,
mischen sich im Grund die Säfte.
 
Ungezählte Fasern sprießen,
Zellen funken, Quellen fließen,
aus zwei dürren, armen Besen
formen sich Geschlechterwesen,
die ihr ICH beiseite wälzen,
um zur Einheit zu verschmelzen.
 
Fleisch und Bein wird wieder Eines,
im Urzustande göttlich Reines,
dass der Mensch auf seiner Erde,
liebevoller Schöpfer werde,
denn der Liebe und dem Leben
gilt des Kosmos bestes Streben.
 
„Kugelmenschen“: Germanische bronzene Schmuckscheibe von Soest,
ähnlich derer aus dem allamanischen Raum. Die Scheibe zeigt ein sich kreuzendes Paar,
in enger Verflochtenheit, mit ihrer beider Seelenvögel.
 
Die altindisch-vedischen Mythologien sprechen davon, dass der Urmensch zunächst eine männlich-weibliche Einheit war, die auseinanderfiel und sich aus ihrer Getrenntheit in Gestalt der vielen Formen irdisch-paariger Lebewesen vereinigte, um die Menschen- und Tierarten zu zeugen und zu gebären. Der griechische Philosoph Platon (428-348 v.0), welcher davon gehört haben mag, spricht hingegen inkonsequenter Weise davon, dass es in der Frühzeit drei menschliche Arten gegeben habe, eine männliche, eine weibliche und den vollkommenen männlich-weiblichen „Kugelmenschen“. Platon hat in seinem „Gastmahl“ den Dichter Aristophanes in einem fiktiven Gespräch über die Kugelmenschen nachdenken lassen und sinniert auch in seinem Dialog „Timaios“ von einem vollkommenen urmenschlichen Kugelwesen. Der Begriff „Kugelmensch“ darf als ein sinnbildlicher Kunstbegriff verstanden werden, denn mit der Kugel wird ein Objekt ohne Ecken und Kanten in Verbindung gebracht. Was rund ist, ist in sich geschlossen und reicht in der Wahrnehmung an die Vorstellung des Vollkommenseins heran. Im „Timaios“ heißt es: „Aus diesem Grunde […] gestaltete er [der Gott] aus lauter Ganzen als ein vollkommenes, nie alterndes noch erkrankendes Ganzes und verlieh ihm die ihm angemessene und verwandte Gestalt. Dem Lebenden aber, das bestimmt war, alles Lebende in sich zu umfassen, dürfte wohl die Gestalt angemessen sein, welche alle irgend vorhandenen Gestalten in sich schließt; darum verlieh er ihm die kugelige, vom Mittelpunkte aus nach allen Endpunkten gleich weit abstehende kreisförmige Gestalt, die vollkommenste und sich selbst ähnlichste aller Gestalten, indem er das Gleichartige für unendlich schöner ansah als das Ungleichartige. […]“ Hier wird ein Ideal von erfüllter „Liebe“ und Vollkommenheit beschrieben das den Göttern derart suspekt erschien, dass sie das „Runde“ trennten, welches seitdem danach strebt, sich wieder zur „runden“ Ganzheit zu vereinen. Der Mythos wird in Platons „Gastmahl“ verkürzt wie folgt beschrieben: „Unsere ehemalige Naturbeschaffenheit nämlich war nicht dieselbe wie jetzt, sondern von ganz anderer Art. […] Denn Mannweib war damals nicht bloß ein Name, aus beidem, Mann und Weib, zusammengesetzt, sondern auch ein wirkliches ebenso gestaltetes Geschlecht; jetzt aber ist es nur noch ein Schimpfname geblieben. Ferner war damals die ganze Gestalt jedes Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einander stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile, und so alle übrige, wie man es sich hiernach wohl vorstellen kann. Man ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher Seite man wollte, sondern, wenn man recht schnell fortzukommen beabsichtigte, dann bewegte man sich, wie die Radschlagenden die Beine aufwärtsgestreckt sich überschlagen, so, auf seine damaligen acht Glieder gestützt, schnell im Kreise fort. Es waren aber deshalb der Geschlechter drei und von solcher Beschaffenheit, weil das männliche ursprünglich von der Sonne stammte, das weibliche von der Erde, das aus beiden gemischte vom Monde, da ja auch der Mond an der Beschaffenheit der beiden anderen Weltkörper teil hat; eben deshalb waren sie selber und ihr Gang kreisförmig, um so ihren Erzeugern zu gleichen.
 
Sie waren daher auch von gewaltiger Kraft und Stärke und gingen mit hohen Gedanken um, so dass sie selbst an die Götter sich wagten […]; dass sie sich einen Zugang zum Himmel bahnen wollten, um die Götter anzugreifen. Zeus nun und die übrigen Götter hielten Rat, was sie mit ihnen anfangen sollten, und sie wussten sich nicht zu helfen; denn sie wünschten nicht, sie zu töten und ihre ganze Gattung zugrunde zu richten […] - denn damit wären ihnen auch die Ehrenbezeugungen und Opfer von den Menschen gleichzeitig zugrunde gegangen […] Endlich nach langer Überlegung sprach Zeus: ‚Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, wie die Menschen erhalten bleiben können und doch ihrem Übermut Einhalt geschieht, indem sie schwächer geworden. Ich will nämlich jetzt jeden von ihnen in zwei Hälften zerschneiden, und so werden sie zugleich schwächer und uns nützlicher werden, weil dadurch ihre Zahl vergrößert wird, und sie sollen nunmehr aufrecht auf zwei Beinen gehen […].‘ Nachdem er das gesagt, schnitt er die Menschen entzwei, wie wenn man Beeren zerschneidet, um sie einzumachen, oder Eier mit Pferdehaaren. […] Als nun so jeder Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme um einander und hielten sich umfasst, voller Begierde, wieder zusammenzuwachsen. […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen. Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.“
 
Eben dieser Grundgedanke muss dem Runenschöpfer bekannt gewesen sein, denn er schuf die „Mannus“- bzw. Menschheits-Rune - konsequent als 5. Zeichen des ODING-FUThARK - in einer Form, die aus zwei linearen Wesenheiten gebildet wird, welche sich in ihrer Mitte kreuzen. Der tiefsinnige Runen-Symbolismus reicht noch weiter, ist doch die Mannus-Rune zu den Makrokosmos-Symbolen des Pentagramms und Hexagramms erweiterbar, so dass sie als deren Teilsegment zu deuten ist, ganz im Sinne der antiken Lehren von der Identität des Mikro- und Makrokosmos.
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