DER TOD AM MATTERHORN

Absturz vom Matterhorn - Lithographie von Gustave Doré, 1865
 
DER TOD AM MATTERHORN
 
Wie Ehrgeiz eine Tugend ist,
ist Ehrsucht doch ein Laster.
Der Edward Whymper frönte ihm,
er giert‘ nach Ruhm und Zaster.
 
Er wollt‘ der Allererste sein
hoch auf dem Matterhorn,
er schnitt sich von der Seilschaft los
und stürmt‘ wie toll nach vorn.
 
Er war der Erste auf dem Grat,
die anderen war‘n ihm gleich,
sechs Kameraden folgten ihm
ins Sehnsuchts-Gipfelreich.
 
Ohne Bergführer geht es nicht,
auf sie war stets Verlass,
Taugwalders Peter und sein Sohn,
zwei Deutsche waren das.
 
Der junge Brite Hadow war’s,
der hat‘ gar schlechte Schuh‘,
er rutschte aus und stürzte ab,
riss drei Mann mit im Nu.
 
Da war des Whympers Mut dahin,
er schlotterte wie ein Greis,
durch der Taugwalders Umsicht nur,
gelang das End‘ der Reis‘.
 
Und Whymper, typisch Englishman,
schrieb ein „Münchhausen“-Buch,
als Strahlemann vom Matterhorn,
mit Eichenlaub-Geruch.
 
Taugwalder war der wahre Held,
ein Schweizer aus Zermatt,
dem Whymper und der Klettersport
zutiefst zu danken hat !
 
Tod am Matterhorn – Die tragische Geschichte der Erstbesteigung >>
 
 
Die Sippe der Taugwalder benannte sich ursprünglich nach dem „Taug-Wald“, welcher sich am rechten Ufer der Vispa am Dorfeingang vom Schweizer Zermatt befindet, das seinen Namen seit mindestens 1495 als „zer Matt“ („zur Matte/Alm/Bergwiese“) aus der alemannischen Besiedelung bekam. Bekannt wurden Vater Peter und Sohn Taugwalder wegen ihrer Führung zur Erstbesteigung des Matterhorns, nachdem sie am 14. Juli 1865 die englische Bergsteigergruppe um Edward Whymper, nach dem tödlichen Absturz seiner vier englischen Kameraden, den völlig geschockten Whymper heil ins Dorf zurück bringen konnten. Der Unfall geschah, weil der schwächste Berggängern, der überforderte junge Engländer Douglas Hadow, zusätzlich mit schlechtem Schuhwerk gerüstet, ausrutschte und damit den Sturz auslöste. D. Hadow tat sich schon beim Aufstieg so schwer, so dass er in den um die 40° steilen Steigungen Unterstützung brauchte. Er hing zwischen den beiden Taugwalders und wurde den Überlieferungen nach vom jungen gezogen und vom alten geschoben. Über das Matterhorn-Thema, mit dem tagischen Absturz von vier Bergkameraden, drehte Luis Trenker später unter den Titel „Der Berg ruft“, 1937/38, sein bekanntestes Filmwerk. Als die mitgerissenen Charles Hudson, Lord Francis Douglas und schließlich der Bergführer Michel Croz aus Chamonix, den Halt verloren, schlang Vater Taugwalder blitzschnell sein Seilstück um einen Felsengrat und versuchte das Seil zu halten, es brannte tiefe Verwundungen in seine Hand und riss. Die Narben konnte Tauwalder zeitlebens vorweisen. Genau diese Darstellung bestritt Whymper beharrlich, denn eine Schlinge hätte bedeutet, dass er selbst das Seil nur lose und damit wenig fachmännisch gehalten hätte. E. Whymper war angeseilt zwischen Taugwalder Vater und Sohn, als letzter der Seilschaft. Sie retteten E. Whymper, der sich später als der eigentliche Held vom Matterhorn aufspielte, das nackte Leben. „Whymper zitterte, dass er kaum einen sicheren Schritt tun konnte. Mein Vater stieg voraus, kehrte immer wieder um und setzte von Whymper die Beine in die Felsabsätze. Oft und oft mussten wir Halt machen und uns erholen, denn es war uns nicht wohl zu Mute“, vermerkte der Taugwalder-Sohn in einer damals unveröffentlichten Niederschrift. E. Whymper hätte seinen Traum ohne die Zermatter Bergführer Peter Taugwalder und Sohn niemals bis zur „Hore-Spitze“ (Walliserdeutsch) realisieren können und wäre erst recht nicht wieder heil nach unten gelangt. Seinen ruhmsüchtigen und unkollegialen Charakter hatte Whymper kurz vor dem Erreichen des Gipfels gezeigt. Er zerschnitt mit seinem Taschenmesser das Seil, kurz bevor die Gruppe das Gipfelziel erreichte, löste sich dadurch aus der Seilschaft und stürmte voran, um wirklich als alleiniger Erster oben anzukommen. Weil er das dickere Seil selbst zerschnitten hatte, musste beim Abstieg auf das dünnere Reserveseil zurückgegriffen werden.
 
Wer war der damals 25-jährige Engländer E. Whymper ? Ein mit Zeichentalent begabter Holzstecher aus einfachen Verhältnissen, dessen Vater in London ein Holzschneideratelier betrieb. Er hatte einen Narren am Alpinismus gefressen, nachdem ihn ein Kunde gebeten hatte, ein Alpenbuch zu illustrieren. Er war er in die Schweiz gefahren, um sein Geld mit Illustrationen beliebter Berg-Panoramen zu verdienen. Dann hatte ihn der Ehrgeiz zum Besessenen gemacht, besonders am Matterhorn. Er wollte unbedingt sein Erstbesteiger werden. Zwischen 1861 und 1865 versuchte er es über fünf Jahre, acht Mal ohne Erfolg. Im Juli 1862 fand er keinen Bergführer, zog trotzdem allein los, kletterte auf 4.085 Meter, dann fiel er angeblich 60 Meter hinab und zog sich etliche Verletzungen zu: „Noch drei Meter weiter, und ich wäre in einem riesigen Satz von 250 Metern auf den Gletscher hinuntergestürzt“ und „mein Blut floss aus mehr als 20 Wunden“, schrieb er später theatralisch in seinem Buch „Scrambles amongst the Alps“, 1871, in dem er seine Erlebnisse am Matterhorn beschrieb und mit eigenen Illustrationen so bebilderte, als wäre es eine Live-Reportage. Durch Whymper geschickte Selbstbeschreibung galt er trotz der Tragödie bald als bester Bergsteiger seiner Zeit. Sein Buch, wurde als Meisterwerk der Alpenliteratur gefeiert. Im 2. Buch „The Ascent oft he Matterhorn“, 1880, schmückte er seine Position noch weiter aus. Es schien, als hätte er allein diesen Berg besiegt. Für den eitlen Whymper sollte der Triumph zur Eintrittskarte in die bessere Gesellschaft werden. Den anderen sechs Männern brachte er kein Glück. Der Brite machte die beiden Deutschschweizer in seinen internationalen Veröffentlichungen schlecht: „Ich will Sie nicht mit Details unseres Abstiegs belasten. Es reicht zu sagen, dass ich während mehr als zwei Stunden danach dachte, jeder Moment könnte mein letzter sein. Die beiden Taugwalders, vollkommen entnervt, weinten wie Kleinkinder und zitterten derart, dass sie uns mit dem Schicksal der anderen bedrohten.“ Später hätten sie sich vor allem um ihre Bezahlung gesorgt. Und: „Wenn das Seil zwischen den Verunglückten ebenso angespannt gewesen wäre, wie zwischen mir und Taugwalder, hätte das Unglück verhindert werden können.“ Dies schrieb Whymper dem Schweizer Geologen und Alpinisten Edmund von Fellenberg zwei Wochen nach der Erstbesteigung. Das aber war eine unehrliche Aussage, denn hätte er sein Seil straff gehalten, hätte es Taugwalder nicht um den Felsengrat winden können. Whymper weigerte sich, jegliche Verantwortung für die Tragödie zu übernehmen. Der perfide Whymper hat sogar die Unterstellung aufgebracht bzw. kolportiert, das Seil der Kletterer sei nicht vom Gewicht der vier stürzenden Männer gerissen, sondern von Taugwalder senior möglicherweise selbst zerschnitten worden, um sich zu retten. Die These vom durchschnittenen Seil wurde auch genährt durch ein Stück Seil, das in Zermatt spektakulär hinter Panzerglas ausgestellt ist. Es weist Schnittspuren auf. Handelt es sich dabei um die tatsächliche Rissstelle des Seiles ? Die Frage bleibt ohne endgültige Antwort. Denn es ist gesichert, dass sich Whymper die Rissstelle damals aushändigen ließ, um sie nach London mitzunehmen. Warum wollte er das Seilstück unbedingt an sich bringen ? Oder war es so, wie die österreichische Zeitung „Neue Freie Presse“ munkelte: Hinter dem erschöpften Vater Taugwalder, der die vier Gestürzten nicht mehr habe halten können, sei plötzlich die rettende Hand Whympers erschienen, der „mit kaltem Stahl und sicherem Schnitt“ das Seil durchtrennt habe. Schließlich hatte er sein Messer greifbar, mit dem er vorher schon ein Seil, unmittelbar vor der Erreichung des Gipfels, durchschnitten hatte. Wenn man die Ergebnisse anschaut, fällt auf, dass sich Whympers Berichte mit den Monaten und Jahren immer schärfer gegen die Taugwalders richteten. Unmittelbar nach dem Unfall keine Spur von Vorwürfen, und dann tauchen sie auf und beginnen zu wuchern; wieso das ? Natürlich wollte der Ehrgeizling lieber als Held denn als Schuldiger dastehen, sich den Ruhm des tollkühnen Erstbesteigers nicht schmälern lassen. Whympers Unterstellungen wurden immer bizarrer. Für den Abstieg hatten die drei Überlebenden sieben Stunden benötigt, sie verbrachten die Nacht im Berg, sprachen kein Wort miteinander und kehrten erst am Morgen nach Zermatt zurück. Whymper gab an, er habe in dieser Nacht Angst verspürt, die beiden Taugwalders könnten im Sinn haben, ihn zu ermorden. Das klang anfangs ganz anders. „Ein einziger Ausrutscher oder ein falscher Schritt war der Grund für all dieses Elend.“ So lauteten seine ersten Berichte, den Bergführern Taugwalder könnten überhaupt keine Vorwürfe gemacht werden. Das Gegenteil von Whympers späteren Vorwürfen waren der Fall, beteuerte Taugwalder junior. In den britischen Nationalarchiven ist die Originalversion des Briefes des jungen Taugwalder gefunden worden, der nie zuvor veröffentlicht wurde. Lediglich eine englische Version, die dem Londoner „Alpine Club“ gehört, war bisher publiziert worden, die jedoch vom deutschen Original beträchtlich abweicht. Niemand hatte sich bisher die Mühe genommen, diese Version mit dem Originalbrief zu vergleichen. Es heißt in dem Brief: „Whymper zitterte so heftig, dass er kaum fähig war, einen Schritt vorwärts zu tun... ohne uns wäre auch er umgekommen, obwohl er sich später als Held der Seilschaft ausgab und Sachen erzählte, die nicht der Wahrheit entsprachen.“ Es gibt auch die Niederschrift des Unfalls von einem Zermatter Priester, dem sich wohl der junge Peter Taugwalder anvertraut hatte, sie lautet: „Während ihres Abstiegs, nicht weit unterhalb des Gipfels, rutschten die drei erwähnten Engländer einer nach dem anderen aus, das Seil riss bei Pet. Taugwalder Senior, und der Bergführer aus Chamonix, der vorausging und bis dahin sicher stand, fiel um, und diese vier stürzten über die gewaltige Felswand hinunter auf den Gletscher.“ Im Ausland, vor allem im britischen Königreich, setzte sich die Aufschneiderei des gut vernetzten „englischen Gentleman“ durch. Mit schlimmen Folgen für die Taugwalders, vor allem für den Vater. Er litt unter Whympers Anschuldigungen, gegen die er machtlos schien, und bekam kaum noch Aufträge.
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