ALLTAGS-HELDENTUM

 
ALLTAGS-HELDENTUM
 
Da ging ich neulich durch den Wald
und hörte wie’s nach Hilfe schallt’,
das schrille Schreien eines Weibes,
aus angstgequälten jungen Leibes.
 
Ich eilte diesem Schreien nach,
und als ich durch die Zweige brach,
stand ich vor einem Schauderbild,
bei dem mir leicht die Ader schwillt.
 
Mein Zorn als Mann erwachte gleich -;
ich bin mehr eisenhart als weich,
und meiner Muskeln Federstahl,
die kennen keine Qual der Wahl.
 
Die springen an und sind bereit,
zur guten Tat zu jeder Zeit !
Ich zog das lange Bowiemesser -,
trat nah heran -, da sah ich besser.
 
Ein schnaubend wilder Grizzlybär,
stand zimmerhoch so ungefähr,
vor mir, nicht mehr als Armeslänge,
und hob die bösen Krallenfänge.
 
Ein schönes Mädchen lag am Boden,
des' Leben wollt’ das Untier roden;
schon sehr zerrissen war das Kleid,
ihr Ende schien nicht allzu weit.
 
Doch da trat ich rasch auf den Plan,
griff gleich beherzt den Bären an -;
ich hatt’ als Knab’ Karl May gelesen,
und bin Old Shatterhand im Wesen.
 
Ein Mann wie ich kennt keine Furcht,
selbst wenn er durch die Hölle schlurcht,
und wenn’s der Teufel selber wär’ -,
doch vor mir brüllte nur ein Bär.
 
Kein Unhold hat mich je geäfft -;
ich stieß mein Messer bis zum Heft,
dem Ungetüm ins Herz hinein -;
das ist gewiss kein Jagdlatein !
 
Da mir’s vor nichts und niemand graut,
zog ich geschickt die Bärenhaut,
vom toten, fetten Bärenrumpf,
als Trost-Trophäe und Triumph.
 
Doch dann ward mir der schönste Lohn,
das schöne Weib erhob sich schon,
ganz ohne das zerfetzte Kleid,
war es zum tiefsten Dank bereit.
 
Natürlich konnte ich sie trösten -,
ich deckt’ mit Küssen die entblößten,
noch bebend zarten Glieder zu -;
das war mein Helden-Rendezvous !
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