EIN FILMEMACHER

Werner Herzog und Klaus Kinski
 
EIN FILMEMACHER
 
Es gibt Könner und Konfuse,
Künstler mit und ohne Muse.
Schubiaks und Scharlatane,
eingehüllt im eitlen Wahne.
 
Filmer gibt es wie Mel Gibson,
Autoren genial wie Ibsen.
Männer die ihr Fach versteh‘n,
Texte schreiben, Filme dreh‘n.
 
Ebenso gibt‘s die Abstrakten
und die ganzheitlich Beknackten,
schillernd-bunte Psychopathen,
die durch Geistessümpfe waten.
 
Werner Herzog ist so einer,
Filme macht er wie sonst keiner,
kein Egomane ist zu stoppen,
er meint Hollywood zu toppen.
 
Bilder hängt er aneinander,
doch ein Film ist kein Mäander,
er muss logisch sich entwickeln,
die Sinnfolge nicht zerstückeln.
 
Die Dialoge müssen stimmen,
da sollte etwas Geist erglimmen,
doch einfallslose Blödigkeiten,
können keine Freud‘ bereiten.
 
Wem das Filmen nicht gegeben,
muss nach Sensationen streben,
will Schiffe über Berge ziehen,
so dass die guten Geister fliehen.
 
Er glaubte an die große Nummer,
aber Kinski brachte Kummer,
ein Mann der immerzu nur glotzte,
tobte, schrie und blöde motzte.
 
Ganz ohne Mimik, nie ein Mime,
wie sich‘s eigentlich gezieme.
Ganz ohne Ausdruck die Visage,
grundlos kam der Mann in Rage,
 
schüttelt gelb gefärbte Quasten,
die zur alten Haut nicht passten.
Werner Herzogs Kinski-Macke,
produzierte Leinwand-Schlacke !
 
Klaus Kinski (1926-1991) hatte als Schauspieler keinerlei Qualtäten, gemessen an den Großen Mimen des deutschen Films, wie Werner Johannes Krauß, Hans Albers, Emil Jannings, Heinrich George, Willy Birgel, Zarah Leander, Elisabeth Flickenschildt und Paul Henckels. Ohne sein außergewöhnliches Gesicht, mit den basedow‘schen Glotzaugen und den dicken Karpfenlippen, hätte der Mann nie zur Bühne gefunden. Der Regisseur Werner Herzog hatte einen Narren an ihm gefressen, weil er sich durch ihn einen Bekanntheitsdurchbruch versprach. Herzog als Spielleiter seiner Filme, wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972), „Fitzcarraldo“ (1982) und „Cobra Verde“ (1987), war aber nicht in der Lage das Potential Kinskis hervorzulocken. Kinski konnte lachen, konnte wohl minimale mimische Leistungen erbringen, aber in den genannten Streifen ist er nur am mehr oder weniger grimmigen Glotzen, so gut wie ohne jede Veränderung seiner mimischen Muskulatur. Eine beängstigende Gefährlichkeit in diesem Blick - was wohl beabsichtigt war - kommt beim Beschauer nicht an, der schmale Zwerg Kinski verkörperte weder einen konquistadorischen Haudegen, den er in „Aguirre“ spielen sollte, noch einen erbarmungslosen Sklavenjäger, wie in „Cobra Verde“. Da hilft‘s auch nicht, dass er mal mit einem Lohnausgeber keift, einem Missionspfaffen in den Hintern tritt, sich mit Inka-Sklaven zofft, oder einen seiner stereotypen hysterischen Schreikrämpfe aufführt. In allen diesen Filmen war Kinski eine klare Fehlbesetzung, er blieb absolut unglaubwürdig. Da hätte ein Kerl wie der Hamburger Zehnkämpfer Raimund Harmstorf hingehört !
 
Aber Herzog hält Kinski für so eine Art Giganten der Filmgeschichte, erzählt, sich interessant machend, dass die beiden sich gegenseitig hätten umbringen wollen, so spannungsreich sei die Zusammenarbeit gewesen. Bezüglich seiner Selbstüberschätzung und der seines Wundertieres Kinski wird Herzog regelmäßig über alle Maßen albern, so versteigt er sich in den Dialogen mit Steff Gruber im „Filmtagebuch zu Cobra Verde“ („Location Africa“, 1987), zu folgendem Pathos: „Wir haben in diesem Jahrhundert vielleicht zwei oder drei Leute gehabt vom Kaliber Kinskis, es gibt niemand anderes, er ist ein Weltwunder und das kann hier noch einmal besichtigt werden [lautete seine Selbstvermarktungsthese]. Ich will ein guter Soldat des Kinos sein.“ Andauernd plustert sich Herzog zum tragisch-komischen Helden auf, den „Star gebändigt“ zu haben: „Filmemachen ist keine gute Arbeit“, wie zermürbend das sei und die „chaotischen Filme Hollywoods“ wären, „bis auf wenig Ausnahmen, leblose Filme“ und die „Regisseure Hollywoods gehörten in die Klinik“, weil sie keine guten Drehbücher schreiben könnten. Ich habe das völlig anders wahrgenommen; es geht dabei nicht um die Inhalte der Filme, sondern um ihre Publikumswirkung, die bei den Hollywood-Streifen excellent ist, während die Herzog-Filme oftmals unverständliche Sprünge aufweisen und daherholpern, dass immer erneut der rote Faden abzureißen scheint. Kinskis gelb gefärbte Haare sind besonders in „Fitzcarraldo“ geradezu kasperhaft, eine solche krasse Fehleinfärbung müsste ein Spielleiter erkennen und Abhilfe schaffen, aber Herzog blieb geblendet von seinem „Star“ und ließ ihn ausdruckslos, stumm und starr und möglichst wild vor sich hinglotzen, als würden dicke Lippen einen Film veredeln können. Herzog hat einfach kein Gespür für richtig dosierte Effekte. In „Aguirre“ lässt er einen Neger auftreten, um mit dem „Schwarzen-Mann“ die Indios zu erschrecken, aber der Leienschauspieler ist nur mäßig milchkaffeebraun und wirkt somit kein bissen erschreckend. Kein Indio wäre vor einem nackten Bräunlichen weggelaufen. War Herzog unfähig, einen echten Schwarzafrikaner zu engagieren ? Minenspiel gibts bei Kinski nur wenn er seine Schrei- und Tobsuchtsanfälle bekommt oder markiert. Das einzige Grinsen entlockt „Cobra-Verde“-Kinski seinem Gesicht beim Anblick des „Nonnenchors“ barbusiger ghanesischer Negermädchen, die aus unerfindlichen Gründen einem Transport von Export-Sklaven ein Ständchen singen. Und vor diesem Auftritt, hinter der Kulisse, ist der selbstverzückte Kinski, der eitle Fatzke, von seinen quittengelb gefärbten Binsen so berauscht, dass er sie immer wieder minutenlang, dabei in den Spiegel starrend, hin und her schob, wob, strähnte und wähnte, dass sie endlich wild genug und abenteuerlich anzuschauen seien. Keine logischen Handlungsfolgen, Unlogisches und Unaufgeklärtes, keine geistvollen Dialoge, keine vielsagende Mimik, nicht einmal bei den Liebeshändeln des sexistischen „Cobra-Verde“, der gleich alle drei Töchter des Zuckerrohrfarmers schwängert, kein begehrlicher Blick, kein verliebtes Zwinkern, nichts ! Plötzlich taucht er vor dem Halbblut-Mädchen auf, sagt ihr, dass er es nicht nötig habe, zu reden, wirft seinen Mund gegen den ihren, reißt sie um und sie liegen, unsichtbar für Kinogänger, auf dem Dschungelboden; man sieht sie nur umkippen. Sein kurzzeitiger Chef aber, der brasilianische Zuckerrohrbaron, gibt eine tiefenpsychologisch bedeutsame Selbsterkenntnis preis, dass er die Vorstellung kaum verkraften könne, noch immer von Mulattenmädchen zu wissen, die er nicht geschwängert habe. Das alles ist keine Filmemacherei, nicht einmal ein kleines Geklimper, das ist ein konzertierendes Gestümper.
 
Um sein Image als Tigerbändiger zu steigern drehte Werner Herzog den Film „Mein liebster Feind“ (1999), über das schwierige Regisseur-Darsteller-Verhältnis zwischen ihm und seinem „Weltwunder“. Herzog zeigt mehrere Wutausbrüche Kinskis, die während der diversen Drehs aufgenommen wurden, sowie Ausschnitte aus Kinskis Tournee „Jesus-Christus-Erlöser“, Anfang der 70er Jahre, die zu einem der widerlichsten Spektakel im Showbusiness wurde, wenn man bedenkt, was der „Jesus-Enthusiast“ Kinski sich vom 5. bis zu ihrem 19. Lebensjahr an seiner Tochter Pola vergangen hat und ihr drohte, wenn sie sich offenbare, müsse er ins Gefängnis. In einer Talkshow 1977 hatte er über den „legalen Sex mit Minderjährigen“ fabuliert, wie es die ebenso widerlichen Grünfinken in der Politik geradeso taten. Kinsky war einerseits ein haltloser Primitvling und anderseits von krankhaft übersteigertem megalomanem Geltungsdrang gepeitscht, der ihn immerfort in die Bühnenrolle und den Mittelpunkt der Aufmerksamkeiten drängte, aber ohne jede Noblesse, mit der plebäischen Angewohnheit einer ganz niederen Umganssprache, ohne Manieren und ohne jegliche Selbstbeherrschung und Manneszucht. Kinski gehörte entschieden selbst zu dem „Geschmeiß“, ein Begriff mit dem er seine Mitmenschen zu belegen pflegte. Erst bei Reinhold Beckmann am 18.01.2013 offenbarte sich seine Tochter Pola: „Ich habe nicht mehr ausgehalten, dass ich mich immer noch so quäle und mit Ängsten kämpfe - und sein Glorienschein immer größer wurde. Es gab noch einen Bildband, noch einen Gedichtband. Er mutierte langsam zum hochsensiblen Künstler. Da hat es mir gereicht.“ Als Werner Herzogs „Weltwunder“ 1991 stirbt, fühlt seine Tochter zunächst nichts. Kurz darauf, so sagt sie, sei sie froh gewesen. „Ich habe mir gedacht, so ein Mensch soll nie geboren werden, der anderen so weh tut.“
  
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