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„Verflucht sei Jesus“

 (1. Kor. 12,3)

Jesuskult und Christentum
- die wahren Ursprünge -

 

 

Es ist zum Erstaunen, wie gering der Ertrag des anderthalbtausendjährigen christiani­schen Einwirkungsversuches auf die geistige Wesenheit der Großen Deutschen doch letztlich geblieben ist - die kleinen Seelen aber wurden davon schon arg zerrissen. Kaum einem der wahrhaft hohen, vorbildgebenden Geister wäre es in den Sinn gekommen, sich zu dieser Religionsidee zu bekennen, die im Kern ihrer orientalischen Fremdartigkeit eigent­lich unvermittelbar und unverstanden bleiben musste. Wolfgang v. Goethe, die vollkom­menste, feinste Ausprägung des deutschen Typus, bezeichnete sich selbst wie­der­holt als alter Heide und gab seiner Abscheu gegenüber den bekannten kirchenchrist­li­chen Selbst­darstellungen unverblümtesten Ausdruck. Das Kreuzemblem nannte er das wi­der­wär­tig­ste unter der Sonne. Die quälende, von Generation zu Generation weiterge­reichte Frage des ins Christentum geworfenen Volkes hat Reiner M. Rilke in ergreifende schlüs­sige Worte gefasst: „Wer ist denn dieser Christus, der sich in alles hineinmischt ? Der nichts von uns gewusst hat, nichts von unserer Arbeit, nichts von unserer Not, nichts von un­serer Freude, so wie wir sie heute leisten, durchmachen und aufbringen und der doch, so scheint es, immer wieder verlangt, in unserem Leben der erste zu sein. Oder legt man ihm das nur in den Mund ? Was will er von uns ? Er will uns helfen, heißt es. Ja, aber er stellt sich eigentümlich ratlos dabei an in unserer Nähe. Seine Verhält­nisse waren so weitaus andere.“ (aus „Brief des jungen Arbeiters“, 1922)

 

Für einen ernsthaften Wahrheitssucher, der sich durch den Anteil honigsüßer Sprüch­lein von „Feindesliebe“ und „Gottesgüte“ in den christlichen Traktaten nicht irreführen und einnehmen lässt, bleibt die Gestalt des zum Gottessohn hochgelobten jüdischen Wander­predigers undurchsichtig und unaufrichtig. Die Widersprüchlichkeit seiner Worte und auch seiner Taten hätten in Wirklichkeit und Wahrheit einer großen starken Person, wie sie von entzückten Parteigängern gezeichnet wurde, keinen Raum gehabt. Er pre­digte Liebe und gleichzeitig Hass; er sprach von Vergebung und gleichzeitig von Ver­fluchung. Das werbewirksame Bild des „Rabbi Josua“ (hebr. „Jahwe hilf“, wurde Jehóschua oder Jeschúa ausgesprochen; gräzisierte Form: „Jesus“) ist verklärt, geschickt verfälscht und von den historischen Gegebenheiten weit entfernt. Nicht zuletzt durch fleißige Bücher- und Menschenverbrennungen, die den geschichtli­chen Weg der christli­chen Kirchenor­ganisationen säumen, ist es gelungen, die Wahrheits­findung über die Gestalt Jesu hinaus­zuzögern. Wer aber heute die bedin­gungslose Frage stellt, der wird erschöpfende Ant­wort erhalten. Die neutestamentlichen synergistischen Standard­schriften können jetzt mit essenischen sowie man­däischen Quel­lenfunden verglichen und zusammenge­schaut werden. Insbeson­dere die frühchristlichen Schriftsammlungen aus einem Kopten-Kloster zu Nag-Hammadi und der Essenerbibliothek zu Qumran ge­währen Einblicke hinsicht­lich einiger wichtiger Geschehnisse des ersten Jahrhunderts nach Null. Die Tempelrolle, Kriegs­rolle, der Habakuk-Kom­men­tar und die Damaskus­rolle entstam­men der Herr­schaftszeit herodianischer Dynastie. Es fanden sich zahlreiche verlässliche Anhaltspunkte für die Da­tierung. Dem Habakuk-Kommentar zufolge opferten die Invas­oren Palästinas (die Römer) vor ihren Standarten; das taten sie jedoch erst in kaiserzeit­licher und noch nicht in republikanischer Epoche. Die Zeit, in der wir angewiesen wa­ren, die Echtheit des Jesusbildes allein aus den Fälschungszertifikaten seiner Werbestra­tegen beur­teilen zu müs­sen, ist vorbei. Aus­führliche fachwissenschaftli­che Abhandlun­gen, an die sich ein interes­sierter Laie kaum herantraut, sind zur Ge­nüge veröffentlicht worden. Die Aufgabe vor­liegender Arbeit soll es sein, eine knappe, über­schaubare, all­gemeinver­ständliche Orien­tierungsmöglichkeit zu liefern. Erstmalig werden die aussage­starken zeit­genössischen Quellen so betrachtet, dass sie sich zu einem ge­schlossenen, widerspruchs­freien Ge­schichtsbild der Jesusgestalt und der Ent­wick­lung zum Christen­tum ergänzen.


Ausgangslage

 

Eine Grundvoraussetzung, um die Person Jehoshua/Jesus zu verstehen, ist die Kenntnis um die religiösen und politischen Zustände seiner Zeit und seines Lebensraumes. Die jüdische Glaubenswelt war in drei Hauptrichtungen gespalten: in Pharisäer, Sadduzäer und Essener. Die Pharisäer (aramäisch, die „Besonderen“, „Abgesonderten“ - im Sinne jüd. Exklusivität) stellten die breite, einflussreiche religiös-politische Partei dar, die einer­seits bemüht war, durch genaue Befolgung des jüd. Gesetzes (Thora = Gebot, Weisung‚ Belehrung) den recht­gläubi­gen Weg zu wahren, andererseits aber auch mündlich überlieferte Auffassungen nicht völlig auszugrenzen, somit also der religiösen Entwicklung gegenüber nicht gänzlich ver­schlos­sen zu sein. Von diesem - aus jüdischer Sicht gesehen - vernünftigen Judaismus stammt das gesamte heutige Judentum. Die Sadduzäer (nach dem salomonischen Ho­heprie­ster Sadok) vertraten eine Geistesrichtung, die ihre Anhänger unter der konserva­tiven Elite des Landes fand. Sie lehnten mündliche Überlieferungen und Neuerungen ab, in­dem sie sich auf die enge Sicht altjüdischer Traditionen beschränkten. Sie glaubten bei­spielsweise nicht an die iranische Idee der Totenauferstehung und die Fortdauer der Seelen. Natür­lich hatten sich diese einflussreichen Kreise mit den politischen Machtver­hältnissen, d.h. mit der römischen Oberhoheit, ebenso arrangiert wie die pharisäische Mehrheit. Die Essener (von aramäisch Ossenes, die „Befolger“ des jüd. Gesetzes); mit ihrer Unter­gruppe der Nazoräer/Nasiräer/Nasaräer (aramäisch nasar = beobachten, beach­ten), die „strengen Be­achter“ der Satzungen und Gebote des jüd. Gesetzes, wie sie sich aus den reichen Handschriftenfunden vom Toten Meer (nahe dem Ruinenfeld Qum­ran), auch der Bergfeste Masada und in Ägypten (Nag Hamadi) zu erken­nen ge­ben, waren eine ethische Er­neue­rungsbe­we­gung, die den „Neuen Bund“, eine kämpferi­sche Geheim­organisation im jüdi­schen Gemein­wesen, auf­gebaut hatte. Sie hielten sich gera­deso wie ihre Mitbewerber für die eigent­lich Recht­gläubigen, standen im schroffen, un­versöhnli­chen Gegensatz zu den eta­blier­ten Parteien und gingen in ihrer Ablehnung des offiziellen Judentums so weit, dass sie sich von diesem nicht nur geistig, vielmehr auch in seinen Wohnbezirken, abzu­sondern versuchten. „Von jeder falschen Sache sollst du dich ent­fernen“, heißt es in ihrer Geset­zesrolle. Eine wirk­lich eigene Stadt hatten sie aber nach der Aussage des jüd. Historikers Flavius Josephus (37-100 n.0) nicht, viel­mehr lebten sie inmitten der ande­ren möglichst ihr Eigen­le­ben. Ihr Hauptquar­tier eines über ganz Palästina verteilten zu­sammenhängen­den Ge­meindeverbandes war die Stätte Khir­bet Qumran am wüsten Nordwestrand des To­ten Meeres, die sie in ihrer Geheim­spra­che „Damaskus“ nannten (s. Damaskusrolle). Dort leb­te die Führung des Or­dens, zum Teil auch mit Frauen und Kindern. Knochenfunde zeigen, dass diese Frauen und Männer auffallend muskelschwach waren, es muss sich um eine geistige Elite gehandelt haben, die körperliche Arbeit nicht gewohnt war (Der Spiegel 7/2000, 192). Im Zentrum ihres Glaubens stand die urjüdi­sche Treue zur Thora, den mosai­schen Gesetzesschriften, und iranische Hoffnungen auf den un­sterblichen Ewigkeitswert und die Erlösungsfähigkeit der Menschenseele. Zwar setzte sich die jüdische Religion all­gemein aus alten Anleihen zu­sammen, die sie bei den gro­ßen nachbarlichen Kulturnatio­nen Ägypten und Babylon aufgenommen hatte; die Esse­ner fußten aber - ihnen selbst wohl unbewusst - zusätzlich auf jün­geren Beeinflussungen aus den Jahrhunderten griechisch-hellenistischer bzw. seleukidischer und vorausgegangener persi­scher Vorherrschaft. War es doch der Perserkönig Kyros, wel­cher im Jahre 538 durch ein großzügiges Edikt den jüdi­schen Neuanfang mit dem Jeru­salemer Tempelbau erst er­möglicht hatte.

 

Die iranische Religiosität besaß eine magische Anziehungskraft weit über das politische Einflussgebiet der Perser hinaus. Ihr war einst im 9. Jh. Zarathustra Spitama, ein charis­matischer Reformer, geschenkt worden, der die Religionsgeschichte wie kaum ein ande­rer bestimmen sollte. An der altarischen Volksreligion arbeitend, war er bestrebt, sie zu veredeln und insbesondere für den einzelnen Gläubigen tiefer und verinnerlichter zu ge­stalten. Trotz mancher Rückschläge entstand eine iranische Religion von höchster Fein­heit und kräftigster Glaubensinbrunst. Was hätten, abgesehen von den stammverwand­ten Arioindern, die Nachbarkulturen an religiösen Werten dem entgegenzusetzen ge­habt ?! Die Babylonier mit ihrer Überbewertung des Gestirnskultes, die Ägypter mit ih­rem ge­danklichen Gebanntsein auf die Jenseitsreise oder die hebräische Staatsreligion mit ihrem Auserwähltheitsdünkel einer zu engen Selbst­bezo­genheit. Zwar beeinflussten iranische Jen­seitshoffnungen und Eschatolo­gien allge­mein die jüdische Religion, doch befruchteten zusätzlich die aufwühlenden ira­nischen Erlösungsmysterien und der Dua­lismus von Licht und Finsternis das jüdische Es­senertum. So war die essenische An­schauung von der Herr­schaft zweier in der menschli­chen Brust ringender Geister (Rol­lenfragment Q 4) unbe­streitbar zarathustrisch. Darüber hinaus wurde aber die gesamte hellenistische Gnosis ira­nisch geprägt, und auch die sich hervorbildende Christologie mit ihrem paulinischen Grundlagenkonzept bediente sich dieser Ideenangebote. Die christli­che Erlösungslehre ist nicht denkbar ohne die vorausgegan­gene iranische Lehre von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen !

 

Während der schrittweisen Auflösung des jüdischen Staates etwa ab 66 n.0 wurden seine verschiedenen Religionsverbände gezwungen, sich in anderen Weltgegenden nie­der­zulassen. Flavius Josephus (Jüd. Krieg VII 3,43) berichtet: „Das jüdische Volk ist näm­lich stark unter die eingeborene Bevölkerung auf dem ganzen Erdkreis zerstreut.“ Nun wanderten sie wiederum scharenweise aus, flohen vor den Drangsalen in schon be­stehen­de ausländische Judengemeinden und ließen in vielen fremden Städten die jüdi­schen Be­völ­ke­rungs­anteile nochmals anwachsen. Auch die Essener der Siedlung Qumran versteck­ten rechtzeitig vor den zu erwartenden Auseinandersetzungen ihre wertvollen Schriftrol­len in den umliegenden Höhlen und werden sich nach bestandenen Kämpfen abgesetzt haben. Ein Großteil der Essener-Nazoräer-Sekte verließ im Verein mit ande­ren ebenso abseitsstehenden Bevölkerungsgruppen die palästinensische Heimat in Rich­tung Osten; sie sie­delten sich im unteren Babylonien, südlich von Bhagdad und in den angren­zenden persi­schen Gebieten an. Unter ihrem Namen Nasoräer oder Mandäer (von osta­ramäisch manda = Erkenntnis) existieren sie in schwachen Resten bis heute. Sie hielten sich alle­zeit bewusst für Johannesjünger. Ihre Hauptschriften sind: Das Jo­hannesbuch, eine Hym­nensammlung des Titels Qolasta sowie der rechte und der linke Ginza (d.h. Schatz) mit seinem Front­teil, dem Buch des Herrn der Größe, mit der Apokalypse als Abschluss; seine Einzel­schriften stammen aus ca. 70 n.0 bis 700 n.0. Die Mandäer be­trachten sich selbst als die „Treugebliebenen“ und die Juden als den abgefallenen Teil einer ehemali­gen palästi­nensischen Volks- und Religionsgemeinschaft.


Spaltung

 

Die altisraelische Gesellschaft war heillos theologisch vergiftet. Die begüterte akademi­sche Ober­schicht der Schriftgelehrten dünkte sich haushoch über jene erhaben, die un­kundig, teilnahmslos oder gar unwillig den strengen nationalen Religionsgesetzen gegen­überstanden. Diese „Gesetzes­un­kundigen“ (eigentlich die gesamte soziale Unterschicht) wurden wie Krank­heits­träger erachtet, an denen man fürchtete, sich mit dem Virus des Unheils anzustec­ken. Mit grässlichen Tabus und Verfluchungen wurden sie belegt. Die Heirat mit einer Tochter derselben wurde verboten, denn sie galten als Geschmeiß, Ge­würm, Vieh - und man „darf nicht beim Vieh liegen“ (I 366/7; II 69. 502). Geset­zes­unkundige durfte man töten, durfte sie verhungern lassen (II 515/6. IV 541), sie er­schienen wie Hunde (III 621). Sie durften auch vor Gericht nicht zeugen, bekamen kein öffentliches Amt und waren wie Nichtjuden, Sklaven, Frauen und Kinder vom ge­mein­samen Tischgebet ausgeschlossen (siehe „Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Mischna“, Strack und Billerbeck, Berlin 1922/8).

 

So standen sich die verschiedenen Stände und Klassen in einer kaum zu steigernden Feindseligkeit gegenüber. Glaubenseifer, Hass, Verachtung und dünkelhafte Selbstge­rech­tigkeit schufen das gesellschaftliche Klima am Vorabend des Jüdischen Krieges. Jede einzelne Gruppe war eifernd überzeugt, sie allein besäße das rechte Gottesver­ständnis. Aus je­ner Bewegung der vom offiziellen Tempeljudentum abgerückten, aggres­siv-revolu­tionä­ren Essenerpartei bzw. aus deren Untergruppe der Nazoräer war der Mann aus Ga­li­läa, Jesus (geb. ca. 6/7 v.0), hervorgegangen. Die Essener bezeichne­ten die reli­giöse Füh­rung in Jerusalem kompromisslos als „Lehrer der Finsternis im Haus der Sünde“, sich selbst aber als „Söhne des Lichtes“. Maßlos anmutende Schimpfreden ge­gen eine verachtenswerte Obrigkeit in Jerusalem hatte schon der Prophet Jesaja im 8. Jh. geführt. Er legte den Herrschenden die Worte in den Mund: „Wir haben mit dem Tod einen Bund und mit der Hölle einen Vertrag gemacht; wenn eine Flut dahergeht, wird sie uns nicht treffen; denn wir haben die Lüge zu unserer Zuflucht und die Heu­chelei zu unserem Schirm ge­macht.“ (Jes., 28,15) Und er drohte: „...dass euer Bund mit dem Tode zunichte werde und euer Vertrag mit der Hölle aufgelöst sei. Und wenn eine Flut dahergeht, wird sie euch zertreten; sobald sie dahergeht, wird sie euch vertil­gen.“ (Jes., 28,18) Auch in den Augen der Essener waren die Jerusalemer Höllenfür­sten der kommenden Flut ver­fallen. Einen „Neuen Bund“ wollten sie er­richten, in Beru­fung auf dem Propheten Je­remia: „Siehe, Tage kommen, spricht Je­hova, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund machen werde: nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern gemacht habe, da ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Lande Ägypten herauszuführen, welchen meinen Bund sie gebro­chen ha­ben.“ (Jer. 31,31f)

 

Die Qumraner vom „Neuen Bunde“ lebten im krassen Gegensatz zum offiziel­len jüdi­schen Mondkalender nach einem Sonnen­zeitweiser und beteten konsequent nicht in Richtung Jerusalem, sondern zum Sonnenaufgang hin, weil ihnen der Jerusalemer Tem­pel durch Frevel und Lüge unrettbar verdorben schien. Die Morgensonne galt ihnen als Sinnbild des göttlichen Aufganges, und sie hielten den nicht­jüdischen Ritus der Was­ser­taufe. Philon von Alexandrien (25 v.0 - 40 n.0) schrieb: „Sie halten den Körper für vergänglich, die Seele aber für unsterblich.“ Auch darin standen sie im Widerspruch zum traditionellen und offiziellen Judentum. Das „Alte Testament“ kennt weder die Unsterb­lichkeit der See­le noch irgendwelche Gefilde der ewigen Seligkeit. Zum Ver­ständnis der Essenerge­mein­schaft müssen mehrere außerjüdische Vorbilder herangezo­gen werden, beispiels­weise auch die Bruderschaften der griechischen Philosophie, insbe­sondere die elitären Schulen des Pythagoras. Es erwies sich als richtig, was der jüdische Historiker Flavius Josephus mitteilte: „Sie suchen sehr nach alten Büchern und lesen sie, erfor­schend, was in fremden Ländern getan wird, Verständnis aus ihnen empfangend und aufmerksam auf das, was der Seele und dem Leibe zum Nutzen ist.“ (Jüd. Krieg II 8,2) So wünschten sich besonders die eifernden Essener, von den Wohn­be­zirken der gemeinen Juden, der vermeint­lichen Sünder, abzu­sondern, zogen in die judäi­sche Wüste und er­richteten in der Nähe des Toten Meeres ein Zentrum (Qum­ran, ab ca. 150 v.0), wo sie in klösterlicher Zucht ihr Gemein­schaftsleben organi­sierten. Auch die Zerstörung ihrer Ansiedlung durch ein Erdbeben im Jahre 31 v.0) scheint sie im Eifer eher bestärkt zu haben, obschon sie die Stätte jahr­zehntelang verödet liegen lie­ßen. Sie werden von da ab noch strenger gegen sich selbst und andere vorge­gangen sein. Ihr geistiger Führer war in den Jahren ca. 15-25 n.0 Johannes der Täufer, von dem sich die Mandäer als Glau­bensvolk direkt ableiten. Er empfing in der Nähe der Siedlung Qumran zuweilen gro­ße Scharen von Pilgern. Manche waren Es­sener, die von weit hergekommen waren, um von ihrem Sektenoberhaupt die Was­sertaufe zu erhalten; andere waren begie­rig, die Pre­dig­ten des Johannes zu hören, und wurden nach gelunge­ner Überredung mit der Taufe in den johanneischen Sektenverband aufgenom­men. Fla­vius Jose­phus berichtete, dass die Essener den Brauch übten, Kin­der zu adoptieren, die sie ganz ih­­rem Einfluss aussetzten, sie also zu fanati­schen Glau­benskämp­fern ausbil­deten. Sowohl von Johannes (Lk. 1,80) wie auch von Jesus (Lk. 4,1) wird berichtet, dass sie „in der Wüste“ waren. Johannes nahm of­fenbar schon als Kind, Jesus vielleicht als Jüng­ling die Bot­schaften der Essener in sich auf. Völlig abwegig wäre der Gedanke, Johannes der Täu­fer hätte von Anfang an einen eige­nen Sonderweg beschrit­ten, er wäre kein Es­sener gewesen. Diese streitbare fanatisch-ze­loti­sche Gemein­schaft würde unmittel­bar vor ihrer Haustüre keine andere als nur die Pre­digt ihres Sek­ten-Evan­geliums gedul­det haben. Zudem beweisen Funde in den vielen nahegelegenen Höhlen, dass auch etliche Anhänger im Umfeld der klösterlichen Kleinsiedlung wohnten. In dieses essenische Hoheitsgebiet hätte sich kein Fremder mit falschem Zungenschlag hineinwagen dürfen. Die Entfernung zwischen Qumran und der Taufstelle be­trägt nur ca. 15 Kilo­meter. „Er tauf­te zu Bethabara jen­seits des Jordans“ (Joh. 1,28). Wir müssen Johannes als den Ge­gen­hohepriester der essenisch-nazoräi­schen Sonder­ge­meinde im damaligen Judenstaat ansehen.

 

Aufschlussreich ist die Schilderung des Zeitgenossen Flavius Josephus, der aus Sicht des nüchternen Beobachters die leidenschaftlichen, für das Judentum so typischen Schwarm­geister beschrieb. Die hat es vor, während und nach Johannes und Jesus alle­zeit gegeben: „Es waren dies Verführer und Betrüger, die unter dem Vorwand göttli­cher Sendung auf Umwälzung und Aufruhr hinarbeiteten und das Volk zu religiöser Schwärmerei hinzurei­ßen suchten, indem sie es in die Wüste lockten, als ob Gott ihnen dort durch Wunder­zeichen ihre Befreiung ankündigen würde“ (Jüd. Krieg II. 13,6). Jedenfalls wanderte auch Jesus zu Johannes und dessen Schülerkreis in die Wüste hin­aus, schloss sich an und ließ sich unterrichten. Es entwickelte sich ein echtes, länger wäh­rendes Jüngerverhältnis (Lehrer-Schüler-Beziehung). Bei den Essenern war bekanntlich die Wassertaufe fester Be­standteil ih­res religiösen Brauchtums. Die Taufe Jesus durch Johannes bedeutete nichts anderes als die Aufnahme in den johanneischen Verband unter der Schirmherrschaft des Essener­tums. Über diese Anfangsphase berichten die mandäischen Schriften: Im Ginza le­sen wir, wie Jesus als Neuankömmling zuerst „in Demut einhergeht, die Taufe des Jo­hana [Johannes] empfängt und erst durch die Weis­heit des Johana weise wird.“ Er scheint seinen Lehrer zu Beginn der Schülerphase mit überschwänglichen Worten geprie­sen zu haben, was sogar noch aus einigen Evangelien­stellen hervorgeht (z.B. Mt. 11,7-11). Zweifellos wurde er dessen Lieblingsschüler. Die genannte Stelle besagt aber auch in aller Klarheit, was unüberbrückbar zwischen die bei­den treten musste: Jesus schmeichelte dem Johannes, er sei der Größte unter den Men­schen, „... aber der Kleinste im Him­mel­reich ist größer als er.“ Gleichzeitig lockte er seine Zuhörer: „Wer sich selbst ernied­rigt wie ein Kind, der ist der Größte im Himmel­reich.“ (Mt. 18,4) Da sich Rabbi Jesus ja in zunehmendem Maße selbst vom „Himmel­reich“ ableitete, degradierte er damit den po­pulären Täufer-Johannes zur Bedeutungs­losigkeit.

 

Nachdem Jesus mythisches Wissen und Überredekunst seines Lehrers erschöp­fend aus­ge­beutet hatte, begann er sich von diesem mehr und mehr abzuwenden, ja, er fing an zu predigen, er selbst sei derjenige, den Johannes als den großen kommenden Erlöser ver­kün­dete; er selbst wäre der Messias/Christus (der Gesalbte), der zum Ende der Welt­zeit er­wartet wurde. Für die erhitzte Phantasie des Jesus schien jetzt die Endzeit unmit­telbar bevorzustehen. Dass er sich darin gründlich getäuscht hatte, muss nicht näher aus­geführt werden. Johannes und der feste Kern seiner essenischen Anhängerschaft machte diesen Schritt nicht mit und erklärte den Messiasanspruch Jesu für Exaltiertheit und Verrückt­heit. Der Ginza berichtet: „Dann aber verdrehte er [Jesus] die Rede des Jo­hana [Johan­nes], verän­derte die Taufe im Jordan, verdrehte die Rede der Wahrheit und predigte Frevel und Trug in der Welt.“ Der essenischen Schule, aus der Jesus her­vorging, galt die veränderte Lehre eine Irrlehre. Johannes und die Nazoräer nahmen Anstoß und „är­ger­ten sich an ihm“ (Mt. 13,57); „und sie wurden voll Zorn, als sie ihn reden hörten“ (Lk. 4,28), d.h. sie ver­moch­ten die plötzliche Wandlung vom kleinen Schüler zum gott­ge­sendeten Messias nicht mitzuvollziehen. Jesus hatte die Stirn, in An­sprachen vor den Jo­hannes­jün­gern deren Mei­ster herabzusetzen, sich selbst als den be­deutenderen hinzu­stel­len, Jo­han­nes lediglich als seinen Vorankünder oder Wegbereiter zu bezeichnen, und folgerichtig begann er auch, des­sen essenisch-mei­sterlichen Taufritus nachzuahmen (Lk. 7,24-29). Wie überspannt und abstoßend die Selbstüberhebung des Jesus auf die mei­sten seiner früheren Genossen ge­wirkt haben muss, besagt die Stelle im Ginza von der „Verkündung des Lügenmessias: Ich bin Gott, ich bin Gottes Sohn.“ Geradeso berichten die Evangelien, man warf ihm vor: „Du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.“ (Joh. 10,33) Daraufhin spal­tete sich die Gemeinde.

 

Jesus gelang es, einige An­hänger des Johannes auf seine Seite zu ziehen. Gegenüber dem orthodoxen Judentum gab es zwischen den beiden Gruppen eine gewisse Solidari­tät, aber untereinander herrschte bald scharfe Konkurrenz. Fortan gab es ein Nebenein­ander von Johannesjüngern und Jesusjüngern. Wie immer in solchen Fällen, standen etliche auch dazwischen, schwankten hin und her und fanden keine endgültige Entschei­dung. Die Johannesjünger fasteten, die Jesusjünger nicht (Mk. 2,23ff; Mt. 9,14f). Die Jesus­jünger verstießen sogar gegen das strenge Sabbatgebot (Mk. 3,20ff), obschon die Esse­ner die Sabbatruhe noch peinlicher einhielten als Pharisäer und Sadduzäer (Jüd. Krieg II 8,9).

 

Jesus gab sich durchaus weltlich, den fleischlichen Freuden zugetan, zumindest nicht abgeneigt. Er pflegte mit einer Freundin umherzuziehen. Im „Evangelium des Phillipus“ (Nag-Hammadi II,3) bekundet der Spruch 32: „Es waren drei, die allezeit mit dem Herrn wandelten: Maria, seine Mutter, und ihre Schwester und Magdalene, die man seine Gefährtin nennt. Denn [eine] Maria ist seine Schwester und seine Mutter und seine Gefährtin.“ Der Spruch 55 sagt: „Und die Gefährtin von [Jesus] ist Maria Madgalena. Der [liebte] sie mehr als [alle] Jünger, und er küsste sie [oftmals] auf ihren [Mund]. Die übrigen [Jünger], sie sagten zu ihm: ,Weshalb liebst du sie mehr als uns alle ?` Es antwortete der Erlöser, er sprach zu ihnen: ,Weshalb liebe ich euch nicht [so] wie sie ?`“ Spruch 56: „Wenn ein Blinder und einer, der sieht, beide im Finsteren sind, sind sie nicht voneinander unterschieden. Wenn [aber] das Licht kommt, wird der, der sieht, das Licht sehen, und der Blinde wird im Finsteren bleiben.“ Im 1946 zu Nag-Hammadi in Mittelägypten gefundenen „Thomasevangelium“, einem alten Kodex aus dem 2. Jahrhundert (Logion 114), kommt zum Ausdruck, dass die männlichen Parteigänger des Jesus seinen Frauenverkehr nicht schätzten; da heißt es: „Simon Petrus sagte zu ihnen: ,Mariham soll von uns gehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig !`“ Wie stark die Spannungen innerhalb der Gruppe waren, kommt in den weiteren Dialogen zum Ausdruck (21): „Maria sprach zu Jesus: ,Wem gleichen deine Jünger ? Er sprach: Sie gleichen kleinen Kindern, die sich auf einem Feld niedergelassen haben, das ihnen nicht gehört. Wenn die Herren des Feldes kommen, werden sie sagen: Lasst uns unser Feld. Sie (die Jünger) sind ganz nackt wehrlos) in ihrer (der Herren) Gegenwart, damit sie es ihnen lassen und ihnen ihr Feld geben.“ Ebenso findet sich dort (NHC II, 2) ein Gespräch zwischen einer Frau namens Salome und Jesus aufgeschrieben: Salome sagte (61): „,Wer bist du, Mensch ? Du bist in mein Bett gestiegen und hast von meinem Tisch gegessen.“ [sie meint damit: „Du hast mich penetriert und hast dich zusätzlich noch bei mir durchgefuttert] Jesus sagte zu ihr: ,,Ich bin der, der entstanden ist aus dem, was gleich ist. Man gab mir von dem, was meines Vaters ist. [Jesus antwortet auf den Vorwurf der Frau also: Ich/wir kommen alle aus der gleichen Ursubstanz, ob ich jetzt bei deinem Körper liege oder von deiner Speise esse, was soll es, alles kommt doch aus Gott, auch du und ich; warum sollen wir uns nicht gemeinsam daran erfreuen !] [Salome sagte daraufhin:] ,,Ich bin deine Jüngerin. [also: Wenn du es so siehst, wird es schon richtig sein !] [Jesus sagte zu ihr:] ,,Deshalb sage ich: Wenn er/es gleich ist, wird er/es sich mit Licht füllen/gefüllt werden, wenn er/es getrennt ist, wird er/es sich mit Finsternis füllen/gefüllt werden.‘ [d.h.: Wenn wir erkennen, dass wir alle eigentlich gemeinsam - auch die scheinbaren Gegensätze von Frau und Mann - aus Geist sind, wird uns alles licht -, wenn wir aber diese materielle Scheintrennung im Vordergrund sehen, dann bleibt uns alles finster und unserem Begreifen verschlossen !] Der Codex II von Nag Hammadi, in dem das „Thomasevangelium“ überliefert ist, gilt al eine geschehnisnahe Quelle. Er wird ca. auf das Jahr 400 datiert, aber seine Entstehungszeit im östlichen Syrien um Mitte des 2. Jhs. angenommen. Es ist aber nachweisbar, dass die Handschrift eine bedeutend ältere koptische Vorlage gehabt hat. Bereits 1952 hat H.-Ch. Puech festgestellt, dass Teile dieses Evangeliums schon längere Zeit in griechischer Sprache vorlagen, nämlich in den um die Jahrhundertwende gefundenen Oxyrhynchus Papyri 1,654 und 655.

 

Des Jesus essenisch eingestellter Freundeskreis, seine Familie, „die Seinen“, die es gut mit ihm meinten, suchten den - selbst für die damaligen überspanntesten jüdische Gemüter - von einer ganz außerordentlich anmutenden religiösen Psychose ergriffenen Zimmermanns­sohn; sie wollten ihn festhalten, zur Vernunft bringen, denn sie waren überzeugt, er sei wahnsinnig geworden. In Mk. 3,21 lesen wir: „Und als es seine Brüder hörten, gingen sie aus, ihn zu fangen, denn sie sagten, dass er aus seinem Verstande herausgegangen sei.“ Die Freunde meinten: „Ein Dämon ist über ihm und er ist völlig irrsinnig.“ (Joh. 7,20) „Von da an drehten sich viele Jünger um und gingen mit ihm nicht weiter.“ (Joh. 6,66) Bezeichnend ist der Satz: „Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn.“ (Joh. 7,6) Jesus wurde aus der Ge­meinde ausgestoßen und als Irrlehrer verflucht. Es heißt: „sie warfen ihn aus der Stadt“ (Lk. 4,29) oder „sie warfen ihn aus dem Wein­berg“ (Mk. 12,8); Symbolbegriffe wie das „Hinauswerfen“ aus „Stadt“ und „Wein­berg“ bedeuteten im essenischen Verband soviel wie „den Bann vollziehen“. Das Bild der Pflanzung wie des gehegten Weinberges haben die Qumraner oft auf sich ange­wen­det (z.B. Gesetzes­rolle VIII,5). Dass Jesus von seinen ehemaligen Glaubensbrüdern ver­flucht wurde, geht aus frühchristlichen Schriften (1. Kor. 12,3) deutlich hervor: Die Verdammungsformel lautete:  - „Verflucht sei Jesus“. Johannes muss selbst noch kurz vor sei­ner Festnahme durch die pharisäisch gelenkte Obrigkeit oder aus dem Kerker her­aus vor seiner Ent­hauptung sei­nen ehemaligen Lieblingsschüler als ungetreu erkannt, verworfen und über ihm den Bann ausgerufen haben. Deshalb durfte Jesus unmöglich nach dem Tode des großen Lehrers dessen Nachfolge in der Lei­tung des Nasoräerver­bandes antre­ten. Die Warnung vor ihm ging in die johanneisch-mandäischen Liturgien ein. So heißt es in der Oxforder Samm­lung XX,10: „Nehmet euch in acht, meine Freunde, nehmet euch in acht, meine Brü­der, vor dem nichtigen Jesus Christus, vor dem, der die Gestal­ten ver­dreht und die Worte meines Mundes ver­ändert...“. Im man­däischen Buch des Herrn der Größe wird „Christus der Verführer“ genannt; oder es heißt: „er ist der Sa­tan“, „der Lügenmes­sias“, der „Höllenfürst“; und weiter: „dem Lü­genmessias sind die verborgenen Dinge nicht geoffenbaret“, oder: „Je­sus der Heiland nennt er sich, er ist der Satan“.

 

Deckungsgleich berichten die Qumraner Schriftrollen (Habakuk-Kommentar) einerseits vom „Leh­rer der Gerechtigkeit“, der alle Geheimnisse der Propheten-Worte zu wissen bekam (II,9; VII,5), in dem Johannes der Täufer zu erkennen ist - und andererseits vom „Lügenpriester“, dem „Mann der Lüge“, „Lügenprophet“, „Lügenprediger“, der „das Gesetz verworfen hat inmitten ihrer ganzen Gemeinde“, „der viele verleitete... eine Ge­meinde der Lüge zu errichten“, womit nur Jesus gemeint sein kann. Er ist einst als Au­ßenstehender in die Urge­meinde aufgenommen worden, erwies sich dann aber als Ab­trünniger, mit dem der „Lehrer der Gerechtigkeit“ in Streit geriet, weil er die Lehre der Gemeinde zum Teil nachahmte, in anderen Teilen verfälschte und etliche Gemein­de­mitglieder auf seine Seite hinüberzog. Ebenso berichtet die Damaskusrolle (B XX 11-16) vom „Mann der Lüge“ und den „Män­nern des Streites“ oder den „Männern des Ge­schwät­zes“, die sich ihm angeschlos­sen ha­ben und „Irriges geredet gegen die Gesetze der Gerechtigkeit“. Folgt man dieser Textaussage, fand eine Spaltung statt, die einen Teil der Anhänger des Leh­rers seinem Einfluss entzog. Wörtlich heißt es: „Sie haben den zu­verlässigen Bund ver­schmäht, den sie geschlossen hatten [oder: „dem sie sich ange­schlos­sen hatten“] im Lande Damaskus [d.h. dem Neuen Bund]“. Laut Qumraner Schrift­rol­len ist der „Lügenmann“ (Jesus) der Gegenspieler des „Lehrers der Gerechtig­keit“ (Jo­hannes), also ein Gegner in­nerhalb der Gemeinde. In der Damaskusschrift (B XX,14) wird der „Lehrer der Gerech­tigkeit“ auch „alleiniger Leh­rer“ geheißen. Dieser Wechsel in der Bezeichnung muss ei­nen Anlass haben, wahrschein­lich doch den, dass seine Auto­rität in der Gruppe selbst oder in verwandten Kreisen be­stritten worden ist. Bestritten wurde sie, wie wir wissen, von dem ungetreuen Schüler Jesus. Aus den Schrif­ten geht auch dies hervor: Der Lehrer wurde nicht für den Messias angesehen, denn es wird aus­drücklich gesagt, der Messias käme erst (Damaskus V XX, 1). Die Pre­digt des Johannes lautete geradeso: Der Erlöser werde erst in der Zukunft kommen. Dann wird von der Wegnahme des „Lehrers der Gerechtigkeit“ gesprochen (B XIX,35f u. XX,14), womit die Verhaftung des Johannes beschrieben ist. Auch der Ha­bakuk-Kommentar (XI,6) be­richtet, der feindliche Hohe­priester von Jerusalem, der „Fre­velpriester“, hätte nach dem „Lehrer der Gerechtigkeit“ in der Wüste ausgegriffen, ihn „aufgesucht“, „um ihn in jä­hem Zorn im Hause seiner Haft zu verder­ben/verschlin­gen“, schließlich also zu töten. Dass Johan­nes der Täufer tatsächlich auf Anstiften der Sy­nago­genlei­tung von Herodes ge­köpft wur­de, steht außer Frage. Während dieser Verfolgun­gen und nach der Hinrich­tung des Johannes tauchte Jesus unter und hielt sich einige Zeit versteckt (Mt. 14,13).

 

Unser wichtiger Textblock in der Damaskusrolle (B XX11-16) lautet: „Die Männer des Geschwätzes haben Irriges geredet gegen die Gesetze der Gerechtigkeit. Sie haben den zuverlässigen Bund verschmäht, den sie geschlossen hatten im Lande Damaskus [Qum­ran]. Von dem Tage, an dem der alleinige Lehrer fortgenommen wurde, bis zur Ver­nichtung der Männer des Streites, die gegangen waren mit dem Mann der Lüge, sind es 40 Jahre. In jener Zeit entbrennt der Zorn Gottes gegen Israel.“ Hier wird davon ge­sprochen, die Spalterpartei sei vernichtet worden. Abgesehen davon, dass gegnerische Gruppen sehr gerne voneinander vorschnell behaupten, sie seien endlich zerstört, wird die Jesusgruppe wahr­haftig am Rande ihrer Auflösung gestanden haben. Die Tötung ih­res zweiten Anfüh­rers, des Jakobus 62 n.0, gehörte nämlich zu einer größeren Aktion der hochpriesterli­chen Behörden unter Herodes Agrippa II auch gegen die kleinen Mit­läufer. Es gab einen Be­fehl, alle Mitglieder der Jesussekte festzunehmen. Es werden nicht wenige getötet wor­den sein (Clemens Romanus, Erkenntnisse I. 71, aus ersten Jahren 3.Jh.). Dass es sich dabei um einen großen Polizeischlag gehandelt haben muss, ist zu ersehen, weil in seinem Gefolge ernstzunehmende innenpolitische Spannungen entstan­den, in deren Verlauf der Hohepriester auf römischen Befehl hin seines Amtes enthoben wurde. Was die Nennung der 40 Jahre betrifft, könnte man annehmen, daß es sich da­bei um eine symbolische, im jüd. Denken immer wiederkehrende Zahl handeln würde, aber von der Tötung des Täu­fer-Johannes bis zum Ausbruch des Jüdischen Bür­gerkrie­ges, dem Beginn der altjüdi­schen Endphase, liegen wahrhaftig ca. 40 Jahre: von 26 bis 66 n.0. Die Damaskusrolle wäre demzufolge unmittelbar vor Beginn der Unru­hen ge­schrieben worden. Genauer könnten wir uns die historische Schau kaum wün­schen.

 

Die in mehreren Qumran-Schriftrollen (Kommentare zu den Büchern Habakuk, Micha, Zephanja und zu Psalm 57 u. 68) wiederkehrenden Gegensätzlichkeiten zwischen dem „Lehrer der Gerechtigkeit“ und dem „ruchlosen Priester“ sind ein Topos, ein festes Denk- und Ausdrucksmuster dieser Literaturgattung. Sie haben ihre Wurzeln in der Mak­kabäerzeit (175-135 v.0), als die fundamentalistische nationaljüdische Bewegung alle Auf­weichungstendenzen, also Kompromisse gegenüber hellenistischen Neuerungen be­kämpf­te. Die Radikalnationalen warfen den Realpolitikern Anpassung und Kollabora­tion mit dem Besatzungsregime vor. Die „Lehrer der Gerechtigkeit“ waren entschiedene Tho­ralehrer. Im Micha-Kommentar werden die Priester Jerusalems Verführer und ihre ein­fältigen An­hänger das letzte feindliche Geschlecht genannt. Im Zephanja-Kommentar nennt der Verfasser Jerusalem und alle Einwohner des Landes Juda, über die der Zorn Gottes kommen werde. Im gleichen Sinne werden Juda und Jerusalem im Haba­kuk-Kommentar verflucht, an anderer Stelle „die Stadt Jerusalem, wo der gottlose Prie­ster Greuel verübt und das Heiligtum Gottes verunreinigt hat“. Der letzte Gerech­tig­keitsleh­rer einer lan­gen Ahnenkette vor ihm aber war Johannes der Täufer; 40 Jahre nach sei­ner Ermor­dung brach das „Strafgericht Gottes über den Frevelpriester“ und das vorläu­fige Ende über Israel herein.


Hader und Hass

 

Jesus kam bis zum baldigen Ende seines Lebens nicht mehr zur Vernunft. Er ging den nun mal eingeschlagenen egozentrischen Weg weiter bis in den Tod. Dieser Mann konnte und wollte sich nicht mit den Gegebenheiten abfinden, nicht anpassen und un­terwerfen. Er war gegen fast alles Bestehende, gegen die recht vernünftigen Pharisäer, gegen die stren­gen Sadduzäer und letztlich ebenso gegen die hochgradig radikalen, aber asketischen Esse­ner, also die da­mali­gen Jo­hannesjünger - alle hatte er sich zu Feinden gemacht. Nur sich selbst moch­te er gelten lassen und natürlich seine Selbstprojektion, „seinen Vater im Himmel“. Er war so voller Hass !

 

Im „Thomasevangelium“ (NHC II,2, Logion 10) wird Jesus zitiert: „Ich habe Feuer auf die Welt geworfen und siehe, ich hüte es, bis sie lodert.“ Er verfluchte mit einem schrecklichen Weheruf ganze Ortschaften, die ihm nicht so hul­digten, wie er es sich wünschte (Mt. 11,20ff). Das einzige „Ver­bre­chen“ dieser Sied­lungen war es sicherlich, dass sie dem Nazoräertum des Johannes treu blieben. Er ver­fluchte jene, die nicht an seine Gottessohnschaft glaubten (Mt. 10,15). Er ver­fluchte das ganze Geschlecht, welches seine Größe nicht anerkannte (Mt. 12, 41f). Er ver­fluchte im cholerischen Ärger einen unschuldigen Feigenbaum zu Ba­tha­nien (Mt. 21, 19) wohl nur deshalb, weil dies die Stätte war, wo Johannes zuerst ge­predigt hatte. Wer seine Botschaft nicht hören und annehmen wollte, dem solle es er­gehen wie den Sodo­mern und Gomorrhern (Mt. 10,14 u. 15). Er verlangte den Selbst­hass und den Hass ge­gen die eigenen Hausgenossen, gegen Vater, Mutter, Brüder und Schwestern (Lk. 14,26). Die Zerstörung der Familieneinigkeit war ihm gleichgültig (Mt. 10,35ff). Er sagte: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ (Lk. 11,23). Er wollte kei­nen Frie­den bringen, sondern Entzweiung (Lk. 12,51ff); er kün­digte den Krieg um sei­netwillen an (Mt. 10, 34). Er verhieß den Pharisäern die Ausrot­tung (Mt. 15.13f) und den Un­ver­ständigen die Verbrennung im Feuerofen (Mt. 13,42+50). Er wollte ein gnadenlo­ser Richter sein (Mt. 25,41). Von Verzeihung und Vergebung mochte er nichts wissen (Mt. 7,23). Es gibt in den Berichten über ihn nicht ein einziges ernstzunehmendes Bei­spiel, wo er Feindesliebe selbst praktiziert hätte, trotz seines Wortes in Mt. 5,43. Er hielt Scheltreden von nicht zu über­bietender Maßlosigkeit, die Schärfe seines Zornes war ang­sterregend. Seine Gegner nannte er Narren, Heuchler, Blinde, übertünchte Gräber, Schlangen, Natternbrut, Otterngezücht, Fliegen, Säue, Kinder der Hölle. Er ging in sei­nem krankhaften Haß so weit, dass er hoffte, die Ver­stockten blieben ver­stockt auch bis zum Ende, damit sie grauenhaft bestraft werden dürf­ten (Mk. 4,12). Er behauptete von sich, größer und bedeutender als der Tempel zu sein (Mt. 12,6). Das Volk war entsetzt von seiner Redeweise (Mt. 7, 29; Mk. 1,22). Er wusste, dass soviel eingepeitschter Hass natürlich Gegenhass erzeugen würde; „Ihr müsst gehasst werden von jedermann um mei­nes Namens willen“ (Mt. 10,22), und „mich aber hasst die Welt, weil ich ihr sage, dass ihre Werke böse sind“ (Joh. 7,7), bekannte er sei­nen Mitläufern. Er schwelgte in schrecklichen Untergangs­phantasien aller bestehen­den Zustände; er ver­kün­dete (aus es­senischem Gedankengut) die Zer­störung des jüdischen Zen­tralheiligtums (Mk. 13,1-25). Schließlich ist es nicht verwun­derlich, dass auch das Volk ihn wider­hasste und als es die Wahl hatte, lieber einen Krimi­nellen frei ließ, ihm aber zu­rief: „Er werde ge­kreuzigt !“ (Mt. 27,23).

 

Diesen ganz fürchterlichen Hass sowie die eigenartige Bindungslosigkeit an Familie (Mt. 12,48) und andere reale Gegebenheiten kompensierte der Psychopath Jesus seelenge­setzlich durchaus folgerichtig mit gleichzeitiger Empfehlung einer völlig irrealen fiktiven Liebeslehre, die weder er selbst vorzuleben vermochte noch irgend ein anderer nachle­ben könnte. Vielleicht erklären sich seine destruktiven Verwerfungen aus den Drangsa­len seiner eigenen Jugend, die nicht völlig unbeschwert gewesen sein dürfte, gilt er doch nach jüdischer Tradition als der aus einem Gewaltakt hervorgegangene „Sohn der Ma­ria“. Auch die Muslime nennen Jesus „Isa Bin Marjam“. Dies sind unzweifelhafte Hin­weise darauf, dass er als uneheliches, also eigentlich vaterloses Kind zur Welt kam - ein im damaligen Judentum nicht einfaches Los. Die extreme An­bindung an den von ihm visionär erschauten Geistvater im Himmel als Ersatz eines wah­ren leiblichen Vaters hätte damit ebenfalls eine sehr verständliche Erklärung gefunden.

 

An seinen hysterischen Hass- und Rachegedanken wie auch an seiner überstrengen un­rea­listischen Tugendlehre gibt sich Jesus gleichermaßen als Essenerschüler zu erkennen. Die Essener schworen einen furchtbaren Eid, die „ungerechten“ Juden zu hassen und den „gerechten“ Volksgeschwistern beizustehen. Ihr Sektenkanon schrieb ausdrücklich Hass gegen die „Söhne des Frevels“ vor. Sie verpflichteten sich zum gnadenlosen Kampf und gleichzeitig zur selbstlosen Barmherzigkeit. Philo von Alexandrien bescheinigte ih­nen eine „Leidenschaft der Menschenliebe“, die allerdings ausschließlich innerhalb des jüdi­schen Volkstums Gültigkeit besaß. Da heißt es: „Keinem will ich vergelten das Böse, mit Gu­tem will ich den Menschen verfolgen“ (Damaskusrolle X, 17+18; X,23; XI,1-3); „Ein jeder soll seinen Bruder [nicht jedermann!] lieben wie sich selbst“ (Damaskus­rolle VI, 21). Die von Jesus gepredigte Sittenlehre deckt sich Punkt für Punkt mit dem, was Fla­vius Jose­phus über die Essener bekanntgab (Jüd. Krieg, Kap.8,2) und was wir aus ihrem Qumra­ner Sektenkanon entnehmen können. Sie waren eine konspirative, mi­litante Ge­heimorganisation (so weit Geheimhaltung möglich war) zur geistigen und poli­tischen Befreiung des jüdischen Volkes. „Sie trugen alle ein Schwert“, berichtete Jose­phus - und Jesus sagte seinen Jüngern: „Wer nichts hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert.“ (Lk. 22,36) Festzustellen ist: Auch die Qumraner wollten missionieren, geradeso wie es Johannes und Jesus unternahmen. Im Sektenkanon steht: „Alle Willigen herbeizubringen ...“ (X, 7); „Jedermann, der willig ist, ist der Gemein­schaft der Einung anzuschließen“ (VI, 13), war also bei Eignung willkommen.


Stein des Anstoßes

 

Über den eigentlichen unüberbrückbaren Grund für den Bruch zwischen dem ehemali­gen Lehrling Jesus und seinem Lehrer Johannes ist viel gerätselt worden. Sie stritten um den Sinn der Taufe, um den Wert des Asketentums, also um den rechten Grad der Ent­haltsamkeit. „Johannes aß nicht und trank nicht“, Jesus „isst und trinkt [...] Siehe wie ist der Mensch ein Fresser und Weinsäufer“ (Mt. 11,18f). „...die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel [...] und deine [Jesus] Jünger fasten nicht.“ (Mk. 2,18) Sie stritten um das Rätsel, ob die Endzeit un­mittelbar bevorstünde oder nicht, sicherlich auch über ihre Selbsteinschät­zungen. Aus den neutestamentarischen christlichen Propa­gandaschriften, welche ja sämt­lich unter dem Einfluss des von Haus aus strenggläubig eifernden Juden Saul-Paulus ent­standen sind, ist auf die Frage nach dem Hauptstreit­punkt keine erschöpfende Antwort heraus­zu­lesen. Die Synoptischen Evangelien wollten keine historisch getreuen Berichte sein, son­dern werbewirksame Instrumente, um auch die essenischen Johannesschüler an sich zu ziehen. Der bittere, abstoßende Streit wurde von ihnen aus kluger Berechnung ver­tuscht. Hinreichenden Aufschluss erhalten wir aber von den mandäisch-nasoräischen Schriften der Gegenseite. Im Genza wird Jesus als „Vollender des Judentums“ be­schimpft und be­kämpft. Sein Christentum bezeichnete man als eine neue, vom Judentum ausgegangene Religion; es heißt: „Vom Judentum sind alle Irrlehren ausgegangen“ und in nicht zu überbietender Deutlichkeit: „Jesus Chri­stus, der Prophet der Juden.“ Hat er doch selbst gesagt: „Denkt nicht, dass ich gekom­men bin, das [jüd.] Gesetz oder die [jüd.] Prophe­ten aufzulösen, ich bin nicht gekom­men aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Mt. 5,17); „Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom [jüd.] Gesetz, bis dass alles geschehe.“ Er war ersichtlich vom gleichen kind­haften Wahn besessen wie sämtliche jüdischen Thora- oder Gesetzesfanatiker, deren Überzeu­gung es einstmals war und noch immer ist, dass Jahwe, den sie als den göttli­chen Welten­schöpfer betrachten, das Volk Is­rael mehr liebe als alle Völker und dass er damit „einen Eid hielte, den er geschworen hat“ (5 Mose 7,8; 9,5). Der „Christianis­mus“ des Jesus und ebenso der seines fleißi­gen Verkünders Paulus dürfen sehr wohl als orga­nische Fort­setzung eines ins Weltniveau erhöhten und also eigentlich erst vollende­ten Altju­dentums (nicht des Judentums schlechthin !) gedeutet werden. Abwegig ist diese Betrachtung keineswegs, hat doch allein dieser ju­däo-christliche Sonderweg der Judenheit als „Gottesvolk“ den Bonus des geisti­gen Ein­trittes - und im gleichen Atemzug die Akzeptanz ihrer internatio­nalen Macht - als Fremdvolk im Kreise seiner Gastvölker verschafft.

 

Die „Urchristen“ (Nazoräer), also „Messiasgläubige“, waren schar­fe Gegner des offiziell bestehenden jüdischen Staates und seiner römischen Mario­net­ten­regierungen. Das hin­derte sie trotzdem nicht, ihre Fäden bis in die Kreise der Tempeldiener hinein zu spin­nen. Dort existierten sicherlich vereinzelte Sympathisanten als Verbindungsmänner und Zuträger. Die Nazoräer bezeichneten Jerusalem als Sitz des „Frevelpriesters“, seine Mit­arbeiter als „Finsterlinge“ und das ihm dienende, angepaßte Israel als verfluchens- und vernich­tenswertes „letztes Geschlecht“, über dem sich am Tag der Rache die Schale des göttli­chen Zornes aus­gösse. Natürlich hofften sie, dass ihnen eines Tages gottbegnadete Män­ner geschenkt würden, die ihr Los als unterjochte, gedemütigte Nation änderten. Ihre Kö­nige und ihre Hochpriester wurden durch die verruchten, „ungläubigen“ Römer be­stimmt. Schon seit dem Jahre 334 v.0 standen sie unter griechisch-makedonischer Fremdherr­schaft, und seit 63 v.0 war ihr Land eine römische Provinz. So hofften sie also auf einen weltlich-militärischen und einen geistlich-religiösen Erlö­ser/Messias/Christus. Ein Qum­ranfragment (4 Q 246) spricht davon, dass einer kom­men werde, der „mit Namen Gottes Sohn gepriesen und den man den Sohn des Höch­sten nennen wird.“ Je­ner und eigentlich jeder Auserwählte, der aus dem Geiste Gottes kommen sollte, musste als „Got­teskind“ verstanden werden, doch nicht im Sinne einer leiblich-fleischlichen Sohn­schaft, so etwa im Sinne menschlicher Fortpflanzungsart. Der essenische Gegen­ho­he­prie­ster, Jo­hannes der Täufer, verkündete diesen Sohn des Höch­sten, und sein Schüler Jesus be­gann in ir­gend einem Moment seiner beginnenden reli­giösen Psychose zu glau­ben, er selbst sei jener, von dem sich seine nationalfanatischen Genossen so Großes er­hofften. Er wurde auch wirklich für kurze Zeit ein Hoffnungsträ­ger der re­volutionären, essenisch-zelotischen Auf­standsbewe­gung. Deshalb ist er folge­richtig - unter der Beschul­digung, ein politischer Um­stürzler zu sein - in adäquater Weise nach römischem Besat­zungsrecht hin­gerichtet wor­den. Die von Juden geschriebe­nen christlichen Evange­lien sind zum al­leini­gen Zweck verfasst worden, vorrangig jüdi­sche Anhänger zu schaffen, Men­schen zu „fi­schen“, zu überreden, bislang fern­stehende Stammesgenossen zu gewin­nen. Sie durften in ihrer Ge­samttendenz nicht grob antijü­disch gehal­ten sein; doch um jene nicht von vorn­herein zu verprellen, die das offizielle Tempelju­dentum hassten - wie die jo­hanneischen Nazoräer-Kreise, die Sama­ri­taner u.a. - blieben letzte Spuren auch einer „antijüdisch-christlichen“ Urwahrnehmung er­halten: „Euer Vater ist der Teufel...“ (z.B. Mt. 23,33 u. Joh. 8,44). In ihren Qumran-Schrif­ten lasen die Eiferer Worte wie diese: „Die Fürsten Ju­das sind sol­che geworden, über die Zorn ausgegossen werde.“ (Damas­kusrolle A VIII,3). Die dem realen Judentum gegenüber milder ge­stimmten Jesus-Jün­ger ver­suchten im zä­hen Rin­gen, die radikalen Johannes­-Jünger auf ihre Seite zu ziehen (Ap. 19, 3). Von die­ser Ab­sicht zeugt noch das spätere Johannes­evangelium, welches wie ein Fremdkörper inner­halb der vier sy­noptischen Evange­lien anmu­tet. Seine Sprache ist überwie­gend jene der jüdisch-iranisch-dualistisch gepräg­ten Qum­ran-Leute bzw. ent­spricht dem Tenor der samaritanisch-man­däischen Gleichnissprache.

 

Wenn wir versuchen, an den eigentlich geringfügig erscheinenden konkreten Streit­punk­ten zwischen Johannes und Jesus - also zwischen Altessenern und Urchristen - vor­beizu­schauen, um ihre dahinterstehenden wesentlichen, nämlich strategischen Differen­zen zu erforschen, dann drängt sich folgende Erkenntnis auf: Die Essener waren vorrangig Glau­bensfanatiker; sie fühlten sich als ein auserwähltes Volk innerhalb des Judenvolkes, als der „gute Rest des Volkes“; wenn die anderen nicht dazugehörenden Volksgeschwi­ster nach göttlichem Heilsplan zugrunde gehen müssten, das würde sie zu keiner Träne rüh­ren. Die Jesus-Urchristen dachten hingegen als völkisch-patriotische Juden zuerst an die Rettung des ganzen Volkes, sie fühlten sich für das Gesamtwohl verantwortlich. Bei den Johannes-Essenern hatte sich die religiöse Inbrunst verselbständigt, bei den Jesus-Esse­nern war sie bewusst noch Mittel zum Zweck der religiösen (jüdischen) Volkswohl­fahrt.


Rabbi Jesus

 

Der Grund dafür, dass die Botschaft Jesu so viele Missverständnisse hervorrief und sich so viele Menschen daran stießen, lag an ihrer schier undurchdringlichen Widersprüch­lich­keit. Sie ist heute aufklärbar ! Rabbi (d.h. Meister/Lehrer) Jesus - wie ihn seine Jün­ger nannten - beschritt eine Art dritten Weg oder Mittelweg; er lehnte das etablierte Juden­tum in der bestehenden Form energisch ab, er lehnte aber ebenso ab den kampf­besesse­nen esseni­schen Geist, der dieses damalige Tempeljudentum und die regierende Ober­schicht mit Stumpf und Stiel auszu­rotten ge­dachte. Er wollte eine Reform des Ju­daismus und eine Verinnerlichung des Jahweismus (im Sinne der Essener), nicht aber den radikal­re­volutionären Umsturz mit notwendig werdendem anschließendem völligem Neuauf­bau. Ihm muss die qumranische Kriegs­rolle der Esse­ner bekannt gewesen sein; er wusste von ihren kriegerischen Plänen; er kannte die Zelo­ten (extremistische Wider­stands­kämp­fer gegen die röm. Besatzungsmacht), er hatte sie selbst in seine Truppe ge­rufen. Einer davon war „Simon, genannt Zelotes“ (Lk. 6,15f). Er kannte auch aus nächster Nähe jene, die den Dolch im Gewande tru­gen und damit blutige Terroran­schläge gegen die romfreundlichen/romhörigen Volksver­räter durchführ­ten. Einem die­ser patriotischen Meuchelmörder hatte er die Kassenverwaltung seiner Einheit anver­traut: „Judas Ischa­riot“ (Schreibweise von Sicarri, d.h. Dolchmann). Die Dolchmän­ner /Sicarri waren be­sonders radikale Zeloten. Diese zornigen Leute hielten alles Be­ste­hende für unrett­bar ver­seucht; Ehr­furcht gebot ihnen allein noch die eigene Idee von der gründlichen Erneue­rung. Bald sollte sich zeigen, dass sie kein Heiligtum und nicht ­mal den prächtigen Tempel in Jerusa­lem schonen wollten. Solch einen militanten, selbstzer­störerischen Glaubens­wahn gegen die eigenen Volksgenossen scheint der in die­ser Hin­sicht besonnenere - oder im Laufe seines Wirkens besonnener gewordene Jesus abge­lehnt zu haben. Seine man­gelnde Radikalität gegenüber der Be­satzungsmacht Rom musste an ei­nem Mann aus dem Esse­nerkreis seltsam unjüdisch-pazifistisch wir­ken. Dies Ver­halten, zusammen mit dem Vor­wurf, sein Vater sei ein römischer Besatzungs­soldat gewesen, be­scherte ihm bei den Mandäern den verächtlichen Namen „Jesus der Rho­mäer/Rumaya“, was mit „Römling“ zu übersetzen wäre.

 

Was er predigte, war ge­speist von der ira­nischen „Menschensohn-Lehre“, doch die ihm am Herzen liegenden altehrwürdigen Tra­ditionen seiner Nation, insbesondere den jüdi­schen Nationaldünkel, mochte er als ei­fernder Jude freilich nicht preisgeben: „Das Heil kommt von den Ju­den“, belehrte er eine samaritani­sche Frau (Joh. 4,22). Er hat kei­nen einzigen Nichtjuden unter seine Jünger gerufen und sich deutlich gegen die „Hei­den­mis­sion“ ausgesprochen: „Diese zwölf sandte Jesus, gebot ihnen und sprach: Gehet nicht auf der Heiden [Nichtjuden] Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“ (Mt. 10,5-6). Er umgab sich deshalb mit 12 Jüngern, weil er sich ausschließlich um die 12 Stämme Isra­els sorgte. Er beabsich­tigte, den geistigen Tempel der Juden zu reinigen, so wie er auf dem wirklichen Tempel­vorhof einstmals seinen Unmut über das Händlerwesen ausgelebt hatte (Mk. 11,15). Seinem Judenvolk eine höhere Sittlich­keit zu schenken, schien sein Wille; Nichtju­den waren ihm herzlich gleichgültig (Mt. 15,24). Jesus beabsichtigte er­sichtlich, für seinen eigenen Stamm der gleiche zu werden, der Zarathustra einstmals für sein Per­servolk gewor­den war. Er wollte wachrütteln aus ver­meintlicher Glaubenslauheit und Ver­äußer­lichung, mit scharfen, schlimmen Worten - aber er mochte nicht, wie die esse­nischen Johannes­jünger, die Tempeljudenheit grundsätz­lich be­kämpfen und vertil­gen. So stellte sich dieser ein­stige Nazaräer Jesus zwischen die Fronten und ließ sich zermal­men.

 

Wäre Paulus, der Je­sus in seinem Seelenkern gut begriffen hatte, nicht gewesen - der aus der Vita Jesu, den iranisch-essenisch-nazoräischen Lehren vom erlösungsbedürftigen Men­­schensohn-Er­löser und den jüdisch-alttestamentarischen Prophetien eine Weltreli­gion zu­sammen­braute - wäre nach Jesu Tod bei seinen Anhängern nichts als eine klein­jüdische Ratlosig­keit zu­rückgeblieben. Die Johannes-Lehre wie auch die Jesus-Lehre wa­ren Re­formversu­che des Judentums, welche beide gleichermaßen völlig fehlschlugen, dafür aber ander­wärts ganz wundersam unsinnige Wirkungen erzielten.

 

Über Herkunft und äußeres Erscheinungsbild des Rabbi Jesus ist viel spekuliert worden. H. Steward Chamberlain (1855-1927) und seine Nachfolger vertraten die These von einem „arischen Jesus“ aufgrund der vielen scheinbaren Gegensätzlich­keiten zwischen Judenheit und Christen­tum. Sie durchschauten und werte­ten dabei nur ungenügend die vordergründig wider­sprüchlich anmutende Zerrissenheit der antiken jüdischen Religions­landschaft bei gleich­zeitig einmütig-fanatischen Bekennt­nissen der zerstrittenen Juden­sek­ten zu den al­ten Verheißungen, basierend auf dem selbstgefälligen Auserwähltheits­dün­kel sowie zum ge­mein­samen Patriarchen Moses und dem von ihm propagierten all­jüdi­schen Stammes­gott Jahwe. Die Chamberlain-Schule ging davon aus, die Mutter Jesu sei ein Mädchen hethitisch-indogermanischer Blutlinien aus Dan im Norden des „Hei­den­gaues“ Galiläa ge­wesen, die von einem römischen Soldaten na­mens Pan­dera­/Panthera geschwängert wor­den sei. Die Be­weisführung ist jedoch unzuläng­lich. Für eine solche Abstammung der Maria fehlt jede konkrete Nachricht, aber ihre Notzüchti­gung von ei­nem Offizier der Besatzungsarmee ist durchaus glaubhaft. Ein „arisches“ Aus­se­hen dürfte Jesus trotzdem kaum besessen ha­ben. Der römische Beamte Lentulus (nach antiken Quellen ein überge­ordneter Beamter des Pilatus) beschrieb ihn mit üppi­gen braunen Haaren, vollem Bart und einer Körper­länge von fünfzehneinhalb Fäusten - et­was weniger als 1,50 Meter. Vermittelte er also das Bild eines eifernden, streitlustigen Zwerges ? Nach Joh. 8,33 u. 8,41 u. 8,48 ent­gegneten ihm die Juden während eines Wortge­fechtes: „Wir sind Abrahams Samen“, „Wir sind nicht aus Ehe­bruch/Hurerei hervor­gegangen“, „Ist es nicht so, dass du ein Sa­maritaner bist und den Dämon in dir hast ?“ - also: „Wir sind reine Juden, und nicht wie du ein Mischblütiger, der aus Ehe­bruch her­vorgegangen ist.“ Nach dem Gesagten hielten die Juden Jesus für einen, an dessen Ge­burt ein Makel haf­tet. Un­verblümt: Sie bezeich­neten ihn als einen samaritani­schen Ba­stard - als einen, des­sen Va­ter unbekannt und des­sen Mutter samaritanische „Hei­din/Nichtjüdin“ sei. Die Samarita­ner waren Nachkom­men der vom assyrischen Herr­scher Salmanassar angesie­delten Nichtjuden aus Babel, Kutha, Awa, Hamath und Se­pharwaim. Dass Rabbi Jesus einen semitisch-babylonischen, zen­tral­meso­potamischen Ras­seeinschlag besaß, darf dieser abfäl­ligen Be­merkung seiner Diskus­sionsgegner ent­nommen werden. Damit wäre auch je­ner für einen Juden der damali­gen Zeit ungehörig-vertraute Umgang mit dem samari­tischen Weib zu erklären (Joh. 4,9). Er verkündete ihr, der reli­giöse Ge­gen­satz zwi­schen Sama­ria und Judäa werde schwinden (4,23). Schien er glau­ben zu wollen, von einer samari­tanischen Mutter und einem jüdi­schen Vater abzustam­men ? Der Vor­wurf, Jesus sei ein samaritanisches Hurenkind, wur­de, dem Evangelienbe­richt (Joh. 8,41) zu­folge, von Ju­den im Tempel, also im un­mittel­baren Angesicht ihres Gottes er­hoben. Kein frommer Jude würde solche herabset­zen­den Äußerungen ausge­sprochen haben, hätte er sie nicht für wohlbegründet halten dür­fen.

 

Aus den Aufzeichnungen ist folgender Sachverhalt zu entnehmen: Der jüdische Zim­mermann Josef er­lebte während seiner Verlobungszeit, dass seine Braut Mariam schwan­ger wurde, bevor er sich mit ihr geschlechtlich vereinigte. Ein römischer Hauptmann mit Namen Pan­dera/Pantera, der im Talmud als Stada/Fronvogt bezeichnet wird, soll die arme Landmagd Ma­riam mit Spinnarbeiten beschäftigt und geschwängert haben, wes­halb Jesus in jüdischen Schriften mitunter „Ben Stada“ oder „Ben Pantera“ (Sohn des Fronvogts/Pantera) genannt wird. Der Evangelist Matt­häus erklärte (1,19): „Er [Jo­seph] wollte sie hienach nicht zum Gerichte schleppen, sondern heimlich fortschicken.“ Celsus, ein römische Philosoph, veröffentlichte um das Jahr 178 n.0 eine Schrift unter dem Titel „Wahres Wort“, in der er die jüdischen Überlieferungen heranzog (Orig. I, 28): „Verstoßen von ihrem Mann und ehrlos her­umirrend, gebar sie in der Dunkelheit den Jesus. Dieser verdingte sich aus Armut nach Ägypten und lernte dort einige Kräfte kennen, auf welche die Ägypter stolz sind, kehrte, in den Kräften groß sich fühlend, zurück und erklärte sich ihrethalben öffentlich als Gott.“ Nach den ursprüng­lichsten Berichten (Justin, Dial. 78) geschah seine Geburt in einer Höhle nahe dem Dorfe Chomh. Celsus führte weiter aus (und der Kirchenvater Origenes wider­sprach ihm nicht ! Orig. I, 38), dass der uneheliche Junge bemakelter Her­kunft im Ge­heimen aufge­zogen wurde. Es spricht alles dafür, dass der alternde, bie­dere Zimmer­mann eines Tages seine Verlobte mit dem Stiefsohn von ihrem Aufent­haltsort in Ägyp­ten abholte, um sich mit ihnen in einem unbekannten Ort Galiläas häuslich nieder­zulassen. Der Dorf­name Nazareth wurde erst nach dem Jüdischen Krieg erfunden, um eine neue Erklärung für den Begriff des „Jesus der Nazaräer“ anbieten zu können. Die Nazaräer hatten sich als romfeindliche Rebellen erwiesen, ein Bekenntnis zu ihnen wäre innerhalb der römi­schen Welt unklug gewesen. In den griechischen Urtexten wird Jesus zwar grammatisch korrekt als „Nazaräer“ bezeichnet, trotzdem übersetzte Luther unrich­tig: „Jesus aus Na­za­reth“. Im „Phillipusevangelium“ (NHC II,3: Spruch 47) heißt es: „Die Apostel, die vor uns waren, nannten ihn so: ,Jesus, der Nazoräer, Messias`. Was heißt: ,Jesus, der Nazoräer, Christus` [?]. Der letzte (10) Name ist ,Christus`; der erste Name ist ,Jesus`, der in der Mitte ist ,der Nazoräer`. ,Messias` hat zwei Bedeutungen: sowohl ,Christus` als auch ,der Gemessene`. ,Jesus` heißt auf hebräisch ,die Erlösung`. ,Nazara` heißt ,die Wahrheit`. Der (15) ,Nazarener` heißt daher ,die Wahrheit`. Christus hat man gemessen. Den Nazarener und Jesus hat man gemessen.“ Wie auch immer der Name des Fleckens gelautet haben mag, in dem Jesus Teile seiner Jugend verbrachte, dort, wo man ihn kannte, vermochte er keine einzige Menschen­seele zu beeindrucken. In seiner Heimatstadt konnte er kein Wunder tun. Diese psy­chologisch interessante und bezeichnende Notiz ist gemeinsamer Bestand der Evange­lien: „Und er konnte allda nicht eine einzige Tat tun.“ (Mk. 6,5) „Und er tat daselbst nicht viele Zei­chen ihres Unglaubens willen.“ (Mt. 13, 54-58) „Und sie wurden zornig [...] stießen ihn zur Stadt hinaus [...] und wollten ihn hinabstürzen.“ (Lk. 4,28) „Denn er selber, Jesus, zeugte, dass ein Prophet daheim nichts gilt.“ (Joh. 4,44)


Ruhmvoller Tod

 

Der Tod des Jesus - richtiger ist es wohl, von Selbstmord zu sprechen - war kalt berech­net. Oft schon war er den Spürhunden der von ihm bekämpften religiösen Obrigkeit nur knapp entronnen (Mt. 12,15f; 14,13; 15,21). Er durfte sicher sein, dass er sei­nem sicheren Tod entgegenzog, wenn er in deren Hochburg Jerusalem, also in die „Höhle des Löwen“, eindringen würde. Doch er stand unter Zwang, es blieb ihm auf dem Weg zur Größe keine andere Wahl, er mußte sich opfern, um auch seiner eigenen Sektengruppe den Märtyrer zu schenken, über den die essenische Konkurrenz in Gestalt des enthaup­teten Johannes schon stolz verfügte. Seit der Makkabäerzeit (ca. 152 v.0) hatte ein ge­wisser Märtyrer­kult von den religiösen Eiferern in Israel Besitz ergriffen; er ist also vor­christlich. Nach dem Glauben - auch der essenischen Schwärmer - vermochte das Marty­rium der Blut­taufe alle Sünden auszutilgen. Für Gott zu sterben, galt diesen Kreisen als die höchste Form des Gottesdienstes. Das Martyrium des Johannes wird ver­ständlicher­weise im „Neuen Testament“ als religiös bedeutsames Ereignis keineswegs gewürdigt. Es hatte aber für die johanneische Nazoräergemeinde einen Stellenwert, der der urchrist­lichen Einschätzung der Passion Jesu nur wenig nachsteht. Allein durch sei­nen Opfertod ver­mochte der Gründer des neuen jesueischen Sektenverbandes seiner Schöpfung die Wür­de und Weihe mitzu­geben, die ihr noch fehlte, um gegen die Johan­nesgruppe er­folgreich auftreten zu kön­nen. Josephus schrieb von den Essenern: „Das schrecklichste Ungemach lässt sie kalt, denn Schmerzen überwinden sie durch Seelen­stärke und einen ruhmvollen Tod ziehen sie dem längsten Leben vor“ (Jüd. Krieg II. 8,10). Er beschrieb die Hinrich­tung eines von Römern gefangenen Juden, welcher „lä­chelte, als man ihn kreuzigte, über die To­desqual.“ (Jüd. Krieg III. 33,316) Der Tod am Kreuz war in je­nen Zeiten ebenso banal wie ein mannhaftes Sterben. So ist, nüch­tern gesehen, der zum außerordentlichen, un­fassbar heiligen Geheimnis hochstilisierte „Opfertod Christi“ um keines anderen Men­schen Willen geschehen als nur für die Glo­rie des „Geopferten“ selbst !

 

Der egozentrische Glaubensfanatiker Jesus hielt sich in seinem Prozess - unter der Folter und der Hin­richtung - nicht anders, als es vor ihm und nach ihm Unzählige seiner esse­ni­schen Glau­bensgeschwister taten - und es ebenso Anhänger völlig andersgearteter Re­ligi­onsgemein­schaften durchlitten haben. Die unbeugsame Gesinnung der Essener trat so recht im Krieg gegen die Römer zutage. Auf die schrecklichsten Arten wurden sie - Männer, Frauen und sogar Kinder - auf Streckbänken verrenkt, sie wurden verbrannt, zerbrochen, man quälte sie auf alle erdenklichen Weisen, aber sie blieben in ihrem Glau­ben fest. Man wollte sie zur Lästerung ihrer Lehre oder zum Genuss einer ihnen verbote­nen Speise ver­führen oder zwingen - es gelang nicht. Und obwohl viele dieser Essener ein ungleich qualvolleres Martyrium erleben mussten als das des Jesus, gingen sie ebenso gleichmütig in den Tod, wie dieser es getan hatte (Jüd. Krieg II. Kap.8). Sein Tod war alles andere als eine erwähnenswerte Besonderheit in damaligen Zeiten, in denen ein Men­schenleben nicht viel galt.

 

Erst als er am Hinrichtungspfahl des Kreuzes hing und vergeblich auf das wohl insge­heim erhoffte rettende Eingreifen seines visionären Traumvaters im Himmel warten musste, da begann die religiöse Psychose des Jesus einer gewissen Erschütterung zu wei­chen - da schrie er die ganze Verzweiflung seiner finalen Ernüchterung aus der Seele: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ?“ (Mt. 27,46) Das „Evangelium des Phillipus“ (NHC II,3: Spruch 72) erklärt dazu dunkel: „,Mein Gott, mein Gott, warum, Herr, hast du mich verlassen ?` Er sprach dieses am Kreuz. Denn er war abgetrennt von diesem Ort. [...] der, der gezeugt worden war durch den, der [...] durch Gott. Der [...] heraus aus den Toten. [...] sein, aber [...], indem er vollkommen ist. [...] Fleisch, aber diese [...] ist wahres Fleisch, [...] es ist nicht wahr, sondern [...] nur ein Abbild der Wahrheit.“ Das Apokryphon des Johannes (NHC II,1) „Christophanie“ bekundet, die Unsicherheit der jesuischen Parteigänger nach ihres Anführers Tod: (5) „[Und] es geschah [eines Tages], als Johannes, [der Bruder] des Jakobus -- sie waren die Söhne des Zebedäus --, heraufkam zum Tempel, dass [sich] ein Pharisäer mit Namen Arimanios ihm [näherte und] zu ihm sagte: ,,[Wo] ist dein Meister, [dem] du gefolgt bist ?` Und er [sagte] zu ihm: ,,Er ist zu dem [Ort] gegangen, von dem er [gekommen ist].`` Der Pharisäer [sagte zu ihm: ,,Durch einen Betrug hat dieser Nazarener] euch irregeführt und eure [Ohren mit Lügen] gefüllt und [eure Herzen] verschlossen [und euch abgebracht] von den Überlieferungen [eurer Väter].`` [Als] ich, [Johannes], dies hörte, [wandte ich mich] vom Tempel weg [zu einem bergigen und verlassenen Ort]. Und ich war sehr traurig [in meinem Herzen; und ich sagte (bei mir)]: ,Wie [wurde] der Erlöser [eingesetzt ?] Und warum wurde er [in die Welt] gesandt von [seinem Vater] ? [Und wer ist sein] Vater, der [ihn gesandt hat, und welcher Art] ist [dieser] Äon, [zu dem wir gehen sollen]? Was nun [meinte er, (als) er zu uns sagte]: ,Der Äon, [zu dem ihr gehen werdet, ist] vom Typ der [unzerstörbaren] Äonen`? [Aber er] belehrte uns nicht über [diesen, von welcher Art er ist.]`"

 

Dieser Mann - Jesus - war nichts als das Opfer eines geistesgeschichtlichen Irrweges - einer irrsinnigen Konse­quenz, in der er sei­nen Glaubensgeschwistern lediglich um ca. 40 Jahre vorangeschrit­ten war. Sein Glau­benswahn ließ ihn als Einzelperson exakt das gleiche Fiasko erleiden, welches seine esse­nischen Gefährten zum Ende des Jüdischen Krieges erlitten: Kein Bundesgott Jahwe/­Jehova aus Himmelshöhen ließ sich vom blutigen Menschenschicksal rühren !


Verfälschung

 

Nach der selbstprovozierten Hinrichtung des Jehoshua/Jesus übernahm für lange Jahre dessen ältester Halbbruder, der hochangesehene, asketisch lebende „Jakobus der Ge­rechte“, die Sektenleitung (Ap. 15,13-32; 21,18). Er galt als unbestrittener Führer der Urgemeinde und war dem Kephas/Petrus übergeordnet. Ihre Gruppe verharrte in einer Erstarrung, ohne lebendige Weiterentwicklung, bis die Denkanstöße in Gestalt der Neu­deutungen des Saul/Paulus für konzeptionelle Unruhe sorgten. Für die Urjünger galt das essenische Jesuswort vom kommenden Messiasreich. Man könnte sie bezeich­nen als eine „Gemeinde der Wartenden“ (Lk. 12,45f). Noch zu ihren Lebzeiten - so hatte es der gekreuzigte Rabbi Jesus unzutreffend prophezeit - würde nach vielen Tur­bulenzen das Himmelreich hereinbrechen, die poli­tischen Verhältnisse gründlich zum besseren wenden und sie für ihr treues Ausharren fürstlich belohnen: „Wer aber behar­ret bis ans Ende, der wird selig.“ (Mt. 24,13) Also warteten sie - aber vergeblich !

 

Die beiden, Jakobus und Petrus, nannte man „die Säulen“ der jungen Vereinigung. Sie, die dem toten Jesus am nächsten gestanden hatten, wandten sich in ihren Predigten aus­schließlich an Juden; von einem Auftrag zur „Heidenmission“ war ihnen nichts bekannt (Gal. 2,7f). Jakobus, wie seine gesamte Grup­pe der Jesus-Essener, beteten im Jerusale­mer Tempel, im Gegensatz zu den Johan­nes-Essenern, die den Tempel mieden, als sei es die Hölle. Doch beide Gruppen standen voll zum geistigen Urjudentum und glaub­ten, nur wirkliche Juden könnten Mitglieder wer­den. Da die Jesus-Essener aber die al­tesseni­sche Radikalität ablehnten, waren sie auch offener für gewisse Aufweichungs­ten­denzen. Sie wurden aufnahmebereiter auch für die vielen Halb- und Nichtjuden in den Städten. Doch waren sie noch streng der Meinung, diese müssten - gewissermaßen als Eintrittsbil­let zu ihrem exklusiven Kreis - zumindest künst­liche Volljuden werden, durch Beschnei­dung der Penisvorhaut nach jüdischer Sitte. „Wenn ihr euch nicht beschneiden lasset nach der Weise Moses, so könnt ihr nicht selig werden“ (Ap. 15,1+5).

 

Ihrem Vorstandssprecher Jakobus wäre es im Traum nicht ein­gefallen, seinen aus glei­cher Mutter hervorgegangenen Bruder (Jehoshua/Jesus), trotz dessen zuweilen hoch­fahrender Redeweise, als einen Sohn des jüdischen Volksgottes Jahwe anzusehen. Wahr­scheinlich hatte er ihm irgendwann die zweideutige Vollmundigkeit nachgesehen als eine seiner Schnurren, Übertreibungen und harten Grenzgänge. Vielleicht hat er ihn zu Leb­zeiten manchmal am Ärmel gezupft: „Jehoshi, das geht zu weit, du redest dich ja um Kopf und Kragen.“ Der aber wird ihn nur streng angeschaut und geantwortet haben: „Jaköble, das verstehst du nicht.“ Anzunehmen, dass Gottvater einen menschlichen Sohn, einen „Men­schensohn“ gezeugt ha­ben könne, war und ist für jüdisches Denken völlig abwegig. Doch auch Jakobus hielt sich - nach alter Essenertradition - für so etwas wie den Gegenhohe­priester zum damaligen Haupt der sadduzäisch-pharisäischen Jerusa­lemer Priesterschaft, dem Ananias II. Ebenso wie sein Bruder es getan hatte, beschimpfte er in unerträglich her­ausfordernder Weise die korrupte reli­giö­se Führung des Landes, so dass er schließlich im Jahre 60 n.0 (nach Hieronymus, im 7. Jahr des Nero) wäh­rend einem seiner pro­vokativen Tempelbesuche von hochpriesterlichen Bütteln die Tem­pelmauer hinunter­gestürzt, mit Steinen bewor­fen und schließlich mit einem Knüppel erschlagen wurde (Eu­sebius II Kap.23). Vorher schon hatte man ver­geblich versucht, ihn durch einen Pro­zess auszuschalten; von einer Ladung vor den San­hedrin, den ober­sten jüdi­schen Ge­richtshof, wusste Flavius Jose­phus. Der Mord geschah in einer dem Je­rusalemer Oberpriester günstig erscheinenden Zeit­spanne: Der römische Landpfleger Festus war gerade abgereist und der neue Land­pfleger Albinus (ab 63 n.0) noch nicht angekom­men. Jedenfalls rief das unabgespro­chene Vor­gehen gegen die Sek­tenmitglieder und die Untat an dem beim niede­ren Volk aufgrund seiner Bie­derkeit recht angesehenen Jesusbruder so heftige Krawalle hervor, dass der Ananias II. - einer­seits um die Ruhe wiederherzustellen und obendrein wegen sei­ner Eigen­mächtigkeit - von den römi­schen Besatzungsherren abgesetzt wurde (Jüd. Alt. XX Kap.9).

 

Unter den Jesus-Essenern des Jakobus in Jerusalem befand sich auch ein Sektenmitglied namens Stephanus. Er wird als erster Märtyrer bezeichnet, der um seines „Christen­glau­bens an Jesu willen“ getötet wurde. Die ganze Wahrheit ist das nicht. Stephanus ist als über­dreht-eifernder Jude - nach heutigem Sprachgebrauch als „Ultrarechtsradikaler“ - ge­storben, weil er seinen jüdischen Mitmenschen Lauheit, d.h. mangelnden Patriotis­mus, vorwarf. Obendrein erwärmte er sich zwar auch für die iranisch-neujüdische Ur­mensch-/Menschensohn-Idee. Lauthals klagte er die Schriftgelehrten an, dem Gesetz des Moses nicht streng genug nachgelebt zu haben: „Ihr habt das [jüd.] Gesetz empfan­gen ... und habt’s nicht gehalten.“ (Ap. 7,52f) Solch eine Beschuldigung erschien der pharisäischen, „rechts­extremen“ Mehrheit eine derar­tige Beleidigung, dass sie sich zur Tötung durch Steini­gung hinreißen ließ (Ap. 7,58). Aus diesem damals gewöhnlichen Akt des inner­jüdischen Parteienhaders wurde später das erste „christliche Martyrium“ konstruiert.

 

Jahrzehntelang versuchte die jerusalemische Hohepriesterschaft, einvernehmlich mit den politischen Machthabern, das staatsfeindliche Sektenunwesen in den Griff zu bekom­men. „Und um diese Zeit legte der König Herodes (Agrippa I) die Hände an etliche von der Gemeinde, sie zu peinigen“ (Ap. 12,1). Einer der Häscher war der Bluthund Saul/­Sau­lus (ca. 10-65 n.0). Er war aus Tarsus (in der heutigen Türkei) von seinem Vater (wohl einem reichen jüdischen Kaufmann) zum Theologiestudium ins mehr als tausend Kilome­ter entfernte Jerusalem geschickt worden, um dort bei dem berühmten jüdischen Geset­zeslehrer Gamaliel in die Schule zu gehen (Ap. 22,3). Als junger Fana­tiker stellte er sich in den Dienst der Tempelbehörden, um im höchsten Auftrage eine gnadenlose Jagd ge­gen Sekten­angehörige zu betreiben. Viele Anders­gläubige brachte er zur Strecke (Ap. 9,1; 22,3ff). Er gab zu, er habe etliche zu Tode ge­hetzt (Ap. 26,10f). Schließ­lich bat er selbst um Erteilung der Befugnis, mit hochpriesterlichen Haft­befehlen nach Da­mas­kus/­Qumran reisen zu dürfen, um das nazoräisch-essenische Haupt­quar­tier auszu­heben und die Führer zu Prozess und Bestrafung nach Jerusalem zu bringen (Ap. 9,2; 22,5). Es ist völlig undenkbar, dass er in die über zweihundert Kilo­meter entfernte syri­sche Stadt Da­maskus gesandt worden wäre, um über diese weite Di­stanz Inhaftierte her­anzu­schlep­pen. Die Jerusalemer Behör­den besaßen in der syrischen Stadt Damaskus kei­nerlei Befugnisse, einen Men­schen festnehmen zu lassen. Die Stadt lag in einem ande­ren Ver­waltungsbezirk. Keiner der römischen Marionetten in Jerusa­lem hätte in dieser Zeit ge­wagt, die politischen Re­geln derart zu missachten. Zu einem unge­setzli­chen Mord im Umkreis der Tempelmacht konnte man sich wohl hinreißen lassen, nie­mals aber zu einer Kompe­tenzüberschreitung solchen Ausmaßes, nämlich dem be­hördlichen Ein­dringen in einen fremden Distrikt. Solch eine Aktion wäre einer räube­ri­schen Entführung gleich­gekom­men. Wir wissen heute: „Damaskus“ war das Tarnwort für das Qumraner Sekten­haupt­quartier. Die Esse­ner sprachen, wenn sie Qumran mein­ten, vom „Neuen Bund im Lande Damaskus“ (Damaskusschrift B XIX, 33). Erst wer diese Zusammen­hänge kennt, ver­steht auch die Stelle der Apostelgeschichte (9,2): „...er [Saul] bat um Haftbefehle ge­gen Damaskus an die Schulen.“ Natürlich war Da­mas­kus/Qumran Hoch­sitz und gleichzeitig Hoch­schule der Essener. Bei diesem wichti­gen, ja gewis­sermaßen krönenden Haupt­schlag ge­gen die esse­nisch-nazo­räische Sekten­leitung versagte der über­scharfe Poli­zei­meister Saul. Eine from­me Er­schei­nung, eine Vi­sion - so heißt es lange Jahrzehnte später - hätte ihn davon abge­hal­ten, seinen Auf­trag auszufüh­ren. Es wird wohl eher so gewesen sein, dass er in der Biblio­thek und der Schrei­berstube zu Qum­ran/Damaskus einen über­raschenden Ein­blick und damit eine völ­lig neue Einsicht erhielt. Die esseni­schen Weisen werden ihm zugerufen haben: „Saul, Saul, warum ver­folgst du uns, siehe, wir sind so gute gestrenge Juden wie du auch !“ Sein Weltbild wurde schlagartig um­ge­wan­delt. Er musste erfah­ren, dass die Essener (die er für fremdgläubige Spinner oder Abweichler und Umstürzler ange­sehen hatte), ebenso wie er selbst, fest auf der mosai­schen Thora fußten und dass es ei­gentlich keinen unüber­brückbaren Grund für einen recht­gläubigen Juden geben konn­te, diese Leute zu verfolgen. Er begriff, dass er nur als ein Werkzeug der Macht des Ho­he­priesters zu Jeru­salem missbraucht worden war. Was lag schon am derzeitigen Ober­prie­ster, der war austauschbar. Die Gedanken des Juden Schaul, der sich römisch Paulus nannte und eine gediegene hellenistische Bildung besaß, gin­gen in die Weite der grie­chisch-römischen Welt. Vielleicht hatte er damals schon in Qumran die Vision von einer jüdischen Reli­gion, die er hinaustragen könnte über die ganze Erde, zu allen Völkern, um sie unter das jüdische Gesetz der Thora zu bringen.

 

Das geschah etwa im Jahre 36 n.0. Saul/Paulus quittierte den Häscherdienst. Interes­sant ist die Beschreibung seines äußeren Erscheinungsbildes aus den apokryphen sog. Paulus­akten, die von einem asiatischen Presbyter stammen. In den Fragmenten aus der Zeit um 300 n.0 wird er folgendermaßen gezeichnet: „Ein Mann, klein von Statur, kahlköpfig und krummbeinig, gewandt in seinen Bewegungen, er hat zusammengewach­sene Augen­brauen und eine etwas vorspringende Nase, er strahlt von Freundlichkeit. ...“ Dieser kleine, quirlige Mann mit schütterem Haar, blieb also einige Zeit in Qum­ran/Damaskus, um die Lehre des Neuen Bundes zu stu­dieren (Ap. 9,19); eine dreijäh­rige Lehrzeit gab er selbst an (Gal. 1,17f). Die gleichlange Spanne des Studi­ums ver­langten die Essener von ihren Schülern. Wenn es ihm nicht schon vor­her bekannt war, erfuhr er nun, dass momentan zwei Essener-Rich­tungen um Anhän­ger warben: die Schule des Johannes und die des Jesus. Paulus ent­schied sich für die seinen ehemaligen Auftraggebern gegen­über konziliantere, versöhnli­cher eingestellte Gruppe - er wurde Jesus-Anhänger. Als er schließlich mit demselben Fanatismus zu pre­digen be­gann, mit dem er zuerst die Essener­ge­meinden auszu­rotten versuchte, kam es bald zu Auseinan­der­setzungen mit sei­nen neuen Freunden (Ap. 9,29). Was er lehrte, war auf seine Weise ebenso unerhört, wie es die Predigt des toten Jesus gewesen war. Man schickte ihn ins Exil, ins Ausland, in seine Geburtsstadt Tarsus zurück. Sau­lus-Paulus gab nicht auf, er braute etwas zu­sammen - eben sein ganz persönli­ches Jesus­verständnis. Die­ses Jesusbild mag nach jüdi­schem Ver­ständnis noch so ketze­risch und auch für die mei­sten Jesusjünger un­realistisch gewe­sen sein - und doch, er hat­te die tiefste je­suische See­len­neigung gut ver­standen: den Hang zur Selbstvergötte­rung, sein inbrün­stiges seelisch-gei­stiges Hin­ein­wachsen- und Aufge­hen­wollen in Jahwe, den gestrengen jüdischen Va­ter­gott. Was die Jesusjünger, diese schlich­ten, frommen jüdi­schen Gemüter, mit letzter Konsequenz nicht zu denken wagen durf­ten, der jüdische Sohn ei­nes reichen Großbür­gers mit helle­ni­sti­scher Weltbil­dung, der er­füllte posthum dem exal­tierten, über­drehten, aus kleinen Ver­hältnissen stammenden „Zimmer­manns­sohn“ Jes­hua die Lebens­sehn­sucht von der Aner­kenntnis seiner „Gottes­kind­schaft/Got­tessohnschaft“ bzw. seiner be­sonde­ren Nähe zum jüdi­schen Himmelsva­ter.

 

Paulus gestand es ein, sein Jesusbild entsprach nicht dem der Gemeinde, die Jakobus der Gerechte leitete; die Augenzeugen in Jerusalem verkündeten „einen anderen Jesus“ (2. Kor. 15,7). Er wurde, um Rechenschaft abzulegen, in die Hauptstadt zurückbeor­dert, wo man ihn zu disziplinieren gedachte und - weil er sich nicht zurücknehmen wollte - mit ihm heftig zu streiten begann (Ap. 15,7). In den Jahren 49 n.0 und noch einmal 58 n.0 suchte er die noch lebenden Stammjünger seines Idols bzw. seiner Pro­jek­tion in Je­rusalem auf. In der Urgemeinde vermochte er sich kaum oder nur sehr zö­ger­lich durch­zusetzen; bei den Nichtjuden, denen es auf einen „Gottessohn“ mehr oder weni­ger nicht ankam, aber verbuchte er mit seiner Theorie vom geopferten Kind Gottes größere Er­folge. All das jüdisch-persisch-babylonisch-ägyptische Mischvolk aber, das den iranisch-gnostischen Gedanken vom Urmensch-Menschensohn nahestand, öffneten ihm bereitwil­liger Ohren und Herzen. Erst nach den gewaltigen Seelenerschütterungen, welche die Zerstörungen Qum­rans (68 n.0) und Jerusalems (70 n.0) hervorriefen, stellte sich auch die Bewegung des Neuen Bundes mehr und mehr auf die Seite der Pauluslehre, die schillernd, vielgestaltig, geschmeidig, liebedienerisch jedem nach dem Munde redete - aber unter allen ihren Tarnkäpplein im Kern nichts anderes als eine Art Altjudentum für Nichtjuden darstellte. Aber auch für die sinnsuchenden Nazoräer, ins­besondere für jene, die einst in dem le­bendigen Jesus den Messias/Christus zu erken­nen glaubten, bot er Hoffnung und Auf­trieb an. Er rühmte sich, den Juden ein Jude, den Griechen ein Grie­che zu sein, und das trieb er offenbar bis zur Charakterlosigkeit. Er sagte von sich selbst: „Gleichwie ich auch jedermann in allerlei mich gefällig mache und suche nicht was mir, sondern was vielen frommt, dass sie selig werden“ (1. Kor. 10,33), so dass der römi­sche Kaiser Ju­lian (332-363) mit einigem Recht kommen­tierte, Paulus ändere seine Ansichten über Gott wie ein Tintenfisch seine Farbe je nach Unterlage. In Wahrheit aber ging es dem Paulus letztlich darum, seinen privaten Macht­trieb auszuleben. Wer sich ihm nicht unter­ordnete, nicht seines Sinnes war, wurde aus­geschlossen, exkommuniziert (2. Th. 3,14). Der Glaube ist für ihn vor allem Gehorsam (Rö. 16,26). Bekehrung heißt für ihn: zum Ge­horsam bringen (Rö. 15,18). Beständig wiederholt er: Ich ordne an, ich verfüge, ich befehle, ich will es so haben - auch unter hässlichen Drohungen (2. Ko. 13,2; 1. Ko. 4,21; 2. Th.; 1. Ko. 7,40). Er selbst er­kennt keinen Richter über sich an und kritisiert sich auch selbst nicht (1. Ko. 2,15; 4,3). Diese paulinischen Vorstellungen, unter denen die sich bildende Christenkirche organisiert wurde, entsprechen mit wenigen Ein­schränkungen dem altjü­dischen Synagogengeist. Selbstgerechte heuchelnde Verstellung und Herrschsucht bestimmten sein Leben - der angeblich zum („christlichen“) Gutmenschen gewandelte Paulus ist eben doch bis zu seinem Ende nichts als der krasse, tyrannische Saul geblieben.

 

Der für die Öffentlichkeit schändliche Hin­richtungstod ihres Meisters hatte sie ratlos und verzweifelt zurückgelassen; vom Erlöser hatten sie sich wenigstens die Vernichtung des „Frevelpriesters“ in Jerusa­lem und die Vertreibung der römischen Besatzungsmacht er­hofft. Denn für Juden kam der Er­lö­ser/Messias nicht, um von Sünden zu befreien, son­dern um das Volk Israel frei­zumachen von fremden Völkern und Mächten. So ver­heißen messianische Qumrantexte „den Spross Davids, der auftreten wird am Ende der Tage, der über alle Völker herr­schen wird, und alle Völker wird sein Schwert richten“ (4 QIII D 1-5). Paulus verkün­dete nun die dem Judentum eigentlich fremde Lehre des „leiden­den Messias“, indem er den vom Propheten Jesaja erwähnten „Knecht Gottes“ auf Jesus bezog, der mit seinem Tod am Marterholz unsere allgemein menschliche Schuld auf sich genommen hätte. Ein irrer Ge­danke, aber er war so tröstlich, insbeson­dere für alle (nichtjüdischen) Schuldver­sessenen - er kam an.

 

Paulus predigte nicht den Glauben des Jesus, der zum Heil verhelfe, sondern den Glau­ben an Jesus, welcher es sei, der selig machen würde. Der wirkliche Jesus, wie er war, wie er lebte, interessierte Paulus nicht im Geringsten. Jesus war für ihn nur insoweit von Bedeutung, wie er ihn in die Vernetzung seiner eige­nen Ideen einbinden konnte. Jesus war tot, als Lebender hatte er völlig versagt, war schändlich gestorben; er war kein Mes­sias, kein Christus, von dem man so viel er­wartete. Im Konstrukt des Paulus war der ab­geschiedene Jesus wichtiger als der lebendige. Seine Predigt war keine Wiederholung der Jesusworte, vielmehr rang er in oft schwer ver­ständlicher Begrifflichkeit um eine Deu­tung von Tod und Auferstehung des gescheiterten Messias. Der Mann, welcher Jesus niemals begegnet war, ihn keine Sekunde gehört und gesehen hatte, dachte sich etwas derart Verworrenes aus, dass es den Vernünftigen ab­stoßend und lächerlich er­schien, den Ar­men im Geiste aber ein wunderbares, niemals verstandenes verrücktes - aber gerade des­halb „heilig“ anmutendes - Geheimnis wurde. Die Christologie des Paulus verglich den ge­hängten Jesus mit einem Opfertier, dem „Opferlamm“, dem „Sünden­bock“, der zum höchsten jüdischen Feiertag (der Selbstver­söhnung) für die Sünden des Volkes ge­opfert wurde. Ein Gegenstück, dem Sinne nach identisches Tier wurde durch Handauf­le­gung des Priesters mit der gesamten Sündenlast des Volkes beschwert und daraufhin in die Wüste gejagt (3. Mose 16). Mittels dieser rituellen Zeremonie sah der jüdische Kult in geradezu unverschämt billiger Art und Weise vor, die sündhaften Ver­gehen des Vol­kes hinwegzunehmen, also „ungeschehen“ zu machen. Nach den krausen Ideen des Paulus sollte nun ein hingerichteter Mensch, nein, sogar ein „Gott-Jesus“ dieses „Opfer­lamm“ für die gesamte Menschheit gewesen sein. Für Juden die unerhör­teste, empö­rendste aller denkbaren Vorstellungen: Gott Jah­we habe sich selbst, in Ge­stalt eines Men­schen - um menschliche Sünden zu tilgen - schlachten lassen. In diesem Sinne funk­tio­nierte Paulus das verschwendete Leben des Juden Jehoshua in einen nur ihm er­sicht­lichen „gött­lichen Heilsplan“ um.

 

Zwar scheint es so, als wäre im altjüdischen Tempelkult das Menschenopfer nicht unbe­kannt gewesen. Vielleicht gehörte wirklich zu einem geheimgehaltenen Ritus, dem man besonders starke Magie zuschrieb, die Opferung eines Menschen. Apion, ein in Rom lehrender Grammatiker, schrieb in der ersten Hälfte des 1. Jh. n.0 - also als Zeitgenosse des Paulus - eine Klageschrift gegen die Juden an den römischen Kaiser Caligula, im Auf­trage der Bürger von Alexandrien. In ihr wird berichtet, König Antiochus IV (175-164 v.0) habe in einem Kämmerlein des Jerusalemer Tempels einen gefangengehalte­nen, aber wohlversorgten Griechen vorgefunden, welcher angab, für einen Opferakt aufge­spart zu werden (Fl. Josephus, Contra Apionem II,7). Ebenso erklärte Damokritos (1. Jh. v.0), dass die Juden alle sieben Jahre einen Fremden aufgriffen, um ihn zu op­fern. Diese Berichte sind alles andere als verwunderlich, wurden doch noch bei den Römern zur Zeit der punischen Kriege Menschenopfer vollzogen. Die Idee des Men­schenopfers ist innerhalb der menschlichen Geistes- und Religionsgeschichte keine sel­tene Ab­normi­tät. Aber die paulinische Predigt, der jüdische Gott habe sich in Men­schengestalt für die Sünden, auch die der Nichtjuden, von Menschen hinmorden lassen, das war und bleibt für die allermeisten jüdischen Geister unannehmbare Gottesläste­rung. Und auch den feineren Geistern unter allen Völkern würde - nach heutigem Ethos - dieser christia­nische Glaubenskern wie ein archaisch-ordinärer, an Obszönität kaum überbietbarer Blutkult erscheinen, wenn er nicht längst ummäntelt wäre durch die lange Gewöhnung. Wer im Tollhause aufwächst, der muss jeder Kritikfähigkeit gegenüber dem Narrentrei­ben verlu­stig gehen.

 

Während die Predigt der Jesussekte nach der Großstadt Alexandrien und durch das fana­tische Tem­perament des Saulus-Paulus zur jüdischen Gemeinde Roms, von dort aber ins römisch beeinflusste Europa getragen wurde, fand die Johannessekte deshalb keine eben­bürtige Verbreitung, weil ihr der reiche fördernde jüdische Nährboden ver­sagt blieb - richtete sie sich doch unüberbrückbar gegen den real existierenden religiösen Judais­mus. Der sich aus dem Neuen Bund des Nazoräertums entwickelnde Jesus-Chri­stianismus - der des Jakobus wie auch jener des Paulus - wandte sich zu allererst an Ju­den, unter Zuhilfe­nahme einer rein jüdischen Ar­gumentation - einer Erklärungsweise, die kein Nichtjude hätte verstehen können (siehe dazu Ap. 13,17-41). Paulus verkün­dete eine Verhei­ßung, die ganz allein den jüdischen Vorvätern gegeben wurde (Ap. 13,32): Aus dem Stammbaum des Ju­denkönigs David hätte Gott den Jesus hervor­kommen lassen, „dem Volk Israel zum Heiland“ (Ap. 13,23). Er lockte: „Ihr lieben Brüder, ihr Nach­kommen Abrahams, euch ist dieses Wort des Heils geschickt worden“ (Ap. 13,26). Als Paulus in der römischen Hauptstadt an­langte, stellte er sich der dorti­gen Judenge­meinde mit den Worten vor: „Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe nichts getan gegen unser Volk und unsere väterli­chen Sitten“ (Ap. 28,17), und er begann zu predigen „von Jesus aus dem Gesetz Moses und aus den Propheten“ (Ap. 28,23). Paulus ver­suchte, unter Zuhilfe­nahme sei­ner guten Kennt­nisse der jüdischen Religions­schriften die Jesuserscheinung rein jüdisch auszudeuten. Die jüdischen Schriftkenner, denen er entge­gentrat, aber waren besser in­formiert, sie erkann­ten sehr rasch, dass die paulinische Deu­tungsmethode nicht stichhaltig war, dass die ge­nutzten Schriftzitate ur­sprünglich anders gemeint waren und anders ver­standen werden mussten. So wurde die Predigt des Paulus von Juden mit vol­ler Berechti­gung abgelehnt: „...und widersprachen dem, was von Pau­lus gesagt ward, widersprachen und lästerten“ (Ap. 13,45). Jeder, der sich die Mühe macht, in den alt­jüdischen Schrif­ten die Worte und deren Sinn nach­zulesen, kommt zu dem gleichen Schluss wie die alten Juden und die moderne wissen­schaftliche Bibe­lexegese, nämlich dass es keine einzige alt­testamentarische Stelle gibt, die sich wirklich auf Jesus bezieht. Wi­derlegte man ihn aber, wurde er rasch beleidigend. Er verstieg sich zu Aussprüchen wie diesem: „Wenn ein Engel vom Himmel käme und predigte anders, der soll verflucht sein!" (Gal. 1,8) Der Held der Apostelgeschichte ist immer Paulus. Wer sich ihm wider­setzte, galt stets als der Gottes­feind und Bösewicht. Seine Jesuspropaganda - aus welchen eigennützigen oder uneigen­nützigen Motiven er sie auch betrie­ben haben mag - war eine fadenschei­nige, aus Sicht der Fachleute unhaltbare Konstruk­tion. Daran zu „glauben“ begannen allein jene, die sich einen Vorteil davon versprachen oder so unwis­send, be­quem oder unfähig waren, dass sie den Wahrheitsge­halt nicht nachzu­prüfen ver­mochten. So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Dazu gibt das „Phillipus-Evangelium“ (NHC II,3: Spruch 87) einen Verständnishinweis: „In dieser Welt dienen die Sklaven den Freien. Im Reich der Himmel aber werden [20] die Freien den Sklaven dienen.“


Der große Bruch

 

Wie aber ist es zu erklären, dass die aus gleicher essenischer Nazoräerwurzel hervorge­gan­gene gegnerische Sektion des Täufer-Johannes zur mandäisch-antijüdischen Radikali­tät ge­langte ? Der Weg dorthin läßt sich verfolgen. Das kann nur als eine Folge des jüdi­schen Bürgerkrieges plausibel gemacht werden. Welche Erbitterung unter den Einwoh­nern Ju­däas herrschte, beschrieb der Augenzeuge Josephus mit erschütternden Bildern aus der Endphase Jerusalems. Das Räuber- und Mörderunwesen brachte eine grenzen­lose Verun­sicherung. Schwärmer, Spinner, religiöse Phantasten, Umstürzler und jeder Ver­nunft ab­holde Starrsinnige schufen eine Atmosphäre des Hasses und des Blutrau­sches, die al­lein durch das harte Durchgreifen römischer Soldatenfäuste zur Ruhe ge­bracht werden konnte. Inwieweit römische Landverweser vorher das ihrige dazugetan hatten, um dieses Chaos (zumindest das seelisch-geistige) noch zu schüren, sei dahinge­stellt.

 

Die Qumraner Schriftrollen beweisen, wie auch das Zeugnis des Josephus, dass die Esse­ner in moralischen Dingen sensibler waren und höher standen als das offizielle Tempel­ju­dentum der Pharisäer/Sadduzäer. Doch sie verankerten sich ebenso fest wie diese im mosaischen Gesetz. Kein Essener hätte demnach den Moses als Betrüger bezeichnen kön­nen, wie es die späteren Mandäer-Nasoräer taten. Die essenischen Gruppen, auch die des Johannes, verachteten die damalige jüdische Führungsschicht, gewiss schätzten sie auch den Jerusalemer Tempel gering, weil sie ihn für entweiht hielten. Er war ihnen ein goldprotzender, ins Gigantische aufgeblasener, in seinem religiös-sittlichen Wert je­doch hohler Bau des schändlichen Fürsten Herodes. Aber deshalb die gesamte jüdische Väter­religion abzuschütteln, lag ihnen völlig fern, das besagt der Gesamttenor der Qumra­ner Schriftrollenfunde unzweideutig. Dann aber muss jenes Ereignis eingetreten sein, wel­ches eine solche Erschütterung hervorrief, dass der eingefleischte Hass gegen Jerusalem, seine Hohepriester und das blindgläubige Juda in ihrem Bewusstsein eine krasse Ausdeh­nung erfuhr, die alles Jüdische in ihnen untergehen ließ.

 

Qumran ist wahrscheinlich nicht von Römern, sondern von jüdischen Rotten im Auftrag des Hoheprie­sters zerstört wurden. Als die staatliche Ordnung schwand, sich der Frei­raum für unge­setzliche Aktionen vergrößerte, müssen die Herrschenden bzw. die Tem­pelobrigkeit in Jerusalem ihre Chance wahr­genommen haben, die unbequemen Queru­lanten in dem nicht fernen Wüstenkloster endlich aus­zuräuchern. Ihren charismatischen Meister, den Täufer-Johannes, hatten die „Finster­lin­ge“ geköpft (Mt. 14,3-11), nun mordeten sie hemmungslos seine Anhän­ger. Das pharisäisch-sadduzäische Judentum zeig­te eine scheußliche Fratze, mit dem Mordstrahl in den Fäusten raste es gegen alle seine Gegner und suchte sie zu vertilgen. Das prägte sich in die Seelen der Geschunde­nen ein. Es kam zur Wandlung der johan­neischen Sektenlehre, sie dehnte ihre Verflu­chung auf die gesamte Judenheit - auch auf die religiöse Idee des Judentums - aus. Im mandäischen Johannesbuch wird von dem Blutbad unter den 366 Jüngern des Johana (Johannes) berichtet, welches der Anlass für die Zerstörung Jerusalems darstellen soll. Denkbar wäre, daß es sich bei den 366 Ermordeten um die Opfer des Überfalls auf Qumran handelt. „Ge­gen Jerusalem und das Judentum schreit alles Blut der Gerech­ten“, liest man im Buch d. Herrn d. Größe. In der Oxforder Liturgiesammlung (XLIV) heißt es: „Staub in den Mund der Juden, Asche in den Mund aller Priester. Der Mist, der unter den Pferden liegt, komme auf die Ältesten [d.h. die Vorsteher], die in Jeru­salem sind.“ Die mandäische Literatur (re. Genza, Buch XV, Kap. II) bewahrte die Wut der Ver­folg­ten in Geschichten wie der folgenden: Die bösen Geister und die sieben Pla­neten be­schlossen, die Menschen zu fan­gen und eine Stadt der Gottlosigkeit zu grün­den, sie bau­ten Jerusalem. „Die sieben Säu­len entstanden, von denen alle Verkehrtheit und Lüge ausgegangen sind.“ Die Juden kamen, ließen sich hier nieder und mehrten sich. Nach­dem sie eine mörderische Frevel­tat begangen hatten, erhielt der göttliche Bote die Er­laubnis vom Lichtvater/Gottvater, Jerusalem zur Strafe zu zerstören. Der Bote erscheint als weißer Adler (oder Falke) und vernichtet mit der Keu­le des Glanzes die Juden und ihre Stadt, Stätte für Stätte. Er spricht am Ende: „Ich zer­störte das Haus, das ohne Güte war !“


Rache der Essener

 

Dies ist eine sagenhafte Schilderung, welche das historische Geschehen mythisch ver­klärt. Fraglos war für die Mandäer aber klar, dass der göttliche Bote, der den Auftrag zur Jeru­salemzerstörung erhielt, gleichzusetzen ist mit dem Täufer-Johannes, der nach Essenerart die Jerusalemer Frevelpriester befehdet hatte und auf deren Anstiften auch umgebracht wurde. Der Mythos wird - in der Art der ihm angemessenen Sprache - wirkliche Ge­schehnisse wiedergeben. Es entspricht ja der historischen Wahrheit, daß es ein Essener namens Johannes war, der den Rachegeist des toten Täufer-Johannes in sich trug und als Jerusalemer Gewalt­herrscher diese Stadt und ihre Menschen von innen heraus zerstörte, während vor den Toren der römische Feind zum Sprung ansetzte. Der Geschichtsschrei­ber Josephus hatte nach eigenem Bekunden selbst dem Essenerverband angehört, war aber gemäßigten Sin­nes und vermied es deshalb den monströsen Jerusa­lem­zerstörer, den Wüterich Johannes, als Essener namhaft zu machen. Er erwähnt ledig­lich einen esseni­schen Hauptmann Jo­hannes, der im Jüdischen Krieg gefallen sei (Jüd. Krieg II 20,4; III 2,1f). Der letzte Be­fehlshaber von Jerusalem, Johannes von Gischala, sah sich im Lichte einer Messiaserwar­tung - das räumt Flavius Josephus ein - so muß er eben doch Esse­ner gewesen sein. Aus welchen Motiven hätte er auch sonst den Tempel in Besitz nehmen sollen, und warum unterstellten sich ihm die Zeloten des Eleazar ? Er kommandierte esse­nische Zeloten und ga­liläi­sche Trup­pen, denen er jedes Mord-, Raub- und Vergewalti­gungsrecht gegenüber der rei­chen Je­rusalemer Oberschicht einräumte. Es kam zu unsag­baren Grausamkeiten, aus­geführt von jüdischen Tätern gegen jüdische Opfer (Jüd. Krieg IV 9,10f), die ge­schichtlich und see­lenkundlich allein erklär­bar sind durch den Zusam­menprall ver­feinde­ter Religionsgrup­pen. So entluden sich jetzt der Neid der verachteten besitzlosen Unterklassen sowie der in Qumran lange aufgespei­cherte Hass auf Jerusa­lem, seine falschen Prie­ster und deren blindergebenes Volk. Das alte Israel ist an seinen inne­ren religiösen und sozialen Spannungen zerborsten. Nach dieser wahnwitzigen Rache der Essener riss ein unüberbrückbarer Graben zwischen den beiden jüdischen Glaubens­rich­tungen auf.

 

Doch kehren wir noch einmal zum Kriegsausbruch zurück: Die blutigen Unruhen, die 66 n.0 in Judäa anfingen, sind von nationaljüdischen Fanatikern entfacht worden. Sie ver­trauten einer Prophetie, die ihnen Sieg über jeden Gegner und anschließende Gewalt über alle Völker versprach: „Männer aus Judäa werden sich der Weltherrschaft bemäch­tigen!“ (Tacitus Hist. V, Kap.13) Aus einer Erhebung gegen die römische Befriedungs­macht entwickelte sich ein wirklicher Bürgerkrieg, in dem sich die Eiferer und Schwär­mer gegenseitig niedermetzelten und die dazwischenstehenden Gemäßigten ebenso be­den­kenlos umgebracht wurden. Josephus gab an: „Betrüger und Räuber nämlich taten sich zusammen, verleiteten viele Juden zum Abfall und reizten sie zum Befreiungskampf auf. Wer die römische Oberhoheit anerkannte, den bedrohten sie mit dem Tode, und offen sprachen sie es aus, daß die, welche freiwillig die Knechtschaft auf sich nähmen, mit Gewalt zur Freiheit geführt werden müssten. Truppweise verteilten sie sich demge­mäß ins Land, plünderten die Besitzungen der Großen, mordeten die Eigentümer und äscher­ten die Dörfer ein.“ (Jüd. Krieg II 13,6) In dieser Zeit ist von jerusalemischen Parteigän­gern die ihnen feindlich gesinnte Essenerschaft mit ihren Untergruppierungen zerschlagen und das Gemeinschaftszentrum Qumran im Jahre 68 n.0 zerstört worden. Es wurde be­haup­tet, dass die 10. Legion des Vespasian das Essenerkloster zerstört habe. Dagegen spricht aber die dortige Fundsituation. Unverhältnismäßig viele jüdische Auf­standsmün­zen fan­den sich aus den drei Jahren der jüdischen Empörung. Sie können nur von den Aufstän­dischen selbst hingetragen worden sein, nicht aber von den Römern. Dieser Be­fund wur­de von der Fachwissenschaft bestätigt, die darlegt: Römische Truppen befanden sich zu keiner Zeit im Sommer 68 n.0 in der Nähe Qumrans, also schon ca. 25 km öst­lich von Jerusalem. Die 10. Legion war in beträchtlicher Entfernung - nörd­lich von Je­richo - verblieben, wo sie das obere Jordantal bewachte. Nun teilten die Ausgrä­ber des Ruinenfeldes Qumran jedoch mit, sie hätten einige wenige „römische“ Pfeil- und Speer­spitzen gefunden. Diese Angaben sind irreführend, weil damalige jüdi­sche Schmie­de sämtliche Waffen nach römischen Mustern als Tributleistungen herzu­stellen hatten und diese dann im Aufstand auch gegen Römer und innerjüdische Feinde benutzt worden waren. Während jener Jahre des blutigen Großreinemachens werden Tempeldiener im Auftrag der religiösen Obrigkeit nicht nur unliebsame Sekten vernich­tet, sondern auch die von den Juden verachteten und gehassten Mitbewohner Palästi­nas, ethnische Min­derheiten wie beispielsweise die Samari­taner, gleich miterledigt ha­ben. Das jüdische Land wurde von einem mörderischen Rausch des Hasses erfasst; es zerfleischte sich, es fraß sich förmlich selbst auf. Einigen Familienverbänden der jo­hanneischen Essenerschaft, wahrscheinlich gemeinsam mit sa­maritanischen und galiläi­schen Sippen, muss die Flucht nach Persien gelungen sein, wo sie zusammenwuchsen und unter dem Namen „Man­däer“ die Jahrhunderte überdauerten.


Samaria

 

Samaria war ein Gebirgsland im mittleren Westpalästina, also nördlich von Judäa, des­sen heiliges Zentrum auf dem Gipfel des Garizin bei Sichem ca. 50 km von Jerusalem ent­fernt lag. Die Bevölkerung wurde von den Juden verächtlich betrachtet, weil es sich um ein assyrisch-babylonisch-altisraelitisches Rassege­misch handelte. Die Samaritaner emp­fanden sich nicht als Juden, waren trotzdem Jahwe-Anhänger und achteten das mosai­sche Gesetz. Sie waren seit dem 6. Jh. v.0, als die Juden nach dem persischen Sieg über Babylon aus ihrem Exil zurückströmten, mit den Neuankömmlingen grimmig verfeindet. So trat ne­ben die orthodoxe jüdische Synagoge eine Art samaritanische Ket­zergemeinde, deren erster Hohepriester Manasse war. In der Qumraner Schriftrolle Psalm-37-Kom­mentar wird dieser „ruchlose Manasse“ (Vers 14/15) erwähnt, ein Um­stand, der nicht unbedingt als ein Beleg für die Gegnerschaft zwischen Essenern und Samariern zu werten ist, denn die Qumraner sammelten überhaupt alte Religionsschrif­ten, nicht alle davon wer­den ihren eigenen Vorstellungen in Gänze entsprochen haben. Im Gegenteil, Essener und Samaritaner müssten sich wegen ihrer gemeinsamen Abnei­gung gegenüber der Jeru­salemer Tempelhierarchie eigentlich recht nahe gekommen sein. Und wirklich, es gab eine Allianz: Die beiden Qumraner Kupferrollen beschreiben Bergungsorte, also Ver­stecke von Edelmetallen von unglaublich hohen Werten, die wohl für den zu erwar­ten­den großen Endkampf „Krieg der Söhne des Lichtes gegen die Söhne der Finsternis“ de­poniert waren. Die angegebenen Ortsnamen führen in das Ge­biet Samaria. In der Es­senerbibliothek zu Qumran befanden sich die Rezensionen des sogenannten samaritani­schen Pentateuchs, also der samaritanischen Heiligen Schrift. Und der spätere Kirchenva­ter Epiphanius bezeichnete die Essener/Ossener sogar als eine samarita­nische Sekte. Die Samaritaner blieben dieser freundschaftlichen Verbin­dung offensichtlich treu, sie trenn­ten sich nicht von der johanneischen Essenerschaft und erteilten in ihrer Mehrheit den Spaltungsver­suchen durch die neue jesuische Esse­nergruppe eine Absage. Die „christli­chen Evangelien“ berichten zwar, Sa­maria hätte die jesuische Botschaft angenommen (Ap. 8,14; 9,31), in Wahrheit aber wissen wir, daß damals neue samaritanische Religi­onsstiftungen vorgenommen wurden. Simon Magnus der Samarier aus Gitta, aber auch Dositheus, Kleobios und Menander traten als Messias auf, um samaritanische Lehren zu verkünden, in denen Jüdisches mit iranisch-babyloni­schen Mythen und griechischen Zu­taten vermischt war. Der große Simon verbreitete eine Botschaft, die jener des Jesus und des späteren Paulus scharf entgegenstand (Ap. 8,9-20). Er hasste die Tempeljuden ebenso wie die jüdischen Jesus-Christen. „Und sie [die Samaritaner] sahen alle auf ihn und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, die da groß ist“ (Ap. 8,10). Wer also mehr Erfolg bei den Samaritaniern hatte, die (abgesehen vom möglichen samarischen Einschlag des Jesus) fremdvölkischen Juden-Apostel mit ihrer neujüdischen Jesus-Botschaft oder die einheimischen Refor­ma­toren, welche die im sa­maritanischen Volk beheimateten Mythen neu erklärten, lässt sich denken. Die christli­chen Evangelien bemühen sich auch hier um eine geschönte Schau, keinesfalls aber stellen sie die geschichtliche Wahrheit dar.

 

Die drei von Jesus verfluchten Ortschaften Chorazin, Bethsaida und Kapernaum (Mt. 11, 20ff) liegen in galiläischem Gebiet. Auch hier im „Heidengau“, wie man Galiläa aus jüdischer Position nannte (Mt. 4,15), muß es kräftige anti­jüdische Strömungen ge­geben haben, sonst hätte es im Jüdischen Krieg der (wahrscheinlich essenische) Kom­mandant Johannes nicht vermocht, mit galiläischen und essenischen Soldaten das bela­gerte Jeru­salem im Innern so schrecklich zu tyrannisieren. Hier im alten essenisch-sama­ritanisch-galiläischen Konfliktpotential fassen wir die Wurzeln für den mandäi­schen Bru­derhass gegen die Juden.
 


Bruderkampf

 

Viele Angehörige dieser Volksgruppen dachten zuerst einmal nicht an Flucht, sondern schlugen nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung zurück und beteiligten sich an den Kämpfen. Die verfemten und gehetzten Bevölkerungsteile Palästinas nutzten die Gele­genheit zur Rache. Vom prächtigen Königspalast zu Jerusalem berichtet Flavius Joseph­us: „Jedoch ist es gar nicht möglich, den Königspalast in gebührender Weise darzu­stel­len; außerdem verursacht die Erinnerung daran nur Qual, weil sie die maßlose Zer­stö­rungswut des von Zeloten gelegten Feuers vor Augen führt. Denn nicht die Römer ha­ben dies Bauwerk niedergebrannt, vielmehr waren es - wie wir oben erzählten - die ein­heimischen Verschwörer zu Beginn des Aufstandes.“ (Jüd. Krieg V,4) Zwei oder drei Jahre nach diesen Tur­bulenzen erschienen römische Belage­rungslegionen im Jahre 70 n.0 vor Jerusalem, bo­ten über einige Monate hinweg mehr­mals vergeblich Friedensver­handlun­gen an, über­wanden dann in wenigen Wochen den Widerstand der Besatzungen und Bollwerke; der Tempel ging in Flammen auf, die Stadt des „Frevelpriesters“ wurde zum großen Teil zer­stört. Josephus schrieb über diesen End­kampf, wie die Verteidiger der Hauptstadt gegen die eigene Bevölkerung in ebenso un­beschreiblich bestialischer Weise wüteten wie unter­einander: „Kein Ge­schlecht, so­lange die Welt steht, war erfin­deri­scher in Werken der Bosheit [...] und schleppten so­zusagen das zögernde Feuer in den Tempel hinein. Ohne Schmerz und Tränen sahen sie ihn von der oberen Stadt aus in Flammen aufge­hen“ (Jüd. Krieg VI,16). Nicht erst diese Schil­derung völliger Gleich­gül­tigkeit, mit der die Stadtverteidiger dem Tempel­brand zusahen - den sie wahrschein­lich selbst gelegt hat­ten -, sondern schon die voraus­gegangenen Be­richte über das Trei­ben im Tollhaus Jeru­salem machten klar, dass die ei­gentliche dem Tempel zugetane jeru­sa­lemische Ober­schicht zu diesem Zeitpunkt bereits geflohen oder abgeschlachtet war. Die Jesus-Sekte konnte rechtzeitig entweichen. Leute aus Nach­bar­provinzen, die auf die Jerusalemer nicht gut zu sprechen waren - Galiläer, Idumäer, Sa­maritaner und kämpfe­risch-beses­sene, wildentschlossene Essener, die die sadduzäischen Frevelpriester und deren fluchbe­ladenes Volk geradeso haßten wie fremdländische Rö­mer - gaben in den Monaten vor dem Un­tergang in zunehmendem Maße den Ton an. Josephus schilderte den Charakter der Ver­teidiger: „Wer den ande­ren an der Misshand­lung seiner Mitbür­ger nicht teilneh­men ließ, galt als selbstsüchtiger Schurke, und wer nicht teilnehmen durfte, bedauerte die Entzie­hung der Gelegenheit zu Grausamkeiten wie den Verlust eines besonderen Gu­tes“, er fährt fort: „Zuletzt fluch­ten sie auch noch dem Volke der Hebräer, um gegen Fremde weniger ruchlos zu er­scheinen“ (Jüd. Krieg Kap. 5). Daraus ist zu ersehen, daß die letz­ten Herren von Jeru­salem - vor der Stadtzer­störung - sich aus Machtgruppierungen zusammen­setzten, die sich keineswegs mit dem religiösen und völ­kischen Judentum identifizierten. Was Fla­vius Josephus als Jude scham­haft verschweigen und gnädig unter den Mantel des Verges­sens decken wollte, war die religiöse Selbstzer­fleischung Altisraels. Was Josephus als sinnlos-unerklärbare Grausam­keit beschrieb, war der letzte, verzweifelte Versuch der Einge­schlossenen, das Kriegs­glück zu ihren Gunsten zu wenden. Es war ein religionsbe­dingtes Morden. Die be­schrie­benen Greuelszenen in­nerhalb der Mauern Jerusalems sind nicht erklärbar mit dem Hin­weis auf Belagerungs­druck, Hungersnot etc., es kann dafür nur eine einzige Erklärung heran­gezogen werden: eben jene des abgrundtiefen Vernich­tungs­willens zwischen ver­feindeten Landsmann­schaften und Religionsgruppen. Gerade im Judentum spielte ja die archaische Tradition des rituellen Opfermordes eine wesentliche Rolle - also die Hin­mor­dung des Gegners zur höheren Ehre und zur Besänftigung der eigenen Stammesgott­heit. Durch blutdamp­fende Opfermordorgien an den vermeintli­chen „Satanskindern“ des „Al­­ten Bundes“ mußte nach Logik der Mitglieder des „Neuen Bundes“ die jahwei­sche Sieg­hilfe zu er­zwingen sein. Und am Ende der vergebli­chen An­strengungen stand die Ver­zweiflung an sich selbst. Der Jüdische Krieg, der in seiner vol­len Dauer also ein Reli­gi­onskrieg, ein Bürgerkrieg und gleichzeitig ein Kampf gegen die römische Besat­zungs­macht war, ließ aus seinem blutigen Chaos drei histori­sche Früchte hervorreifen: 1. ein sich fest an das jüd. Gesetz (Thora) anklammerndes, zusammenhän­gendes Weltju­den­tum; 2. eine das jüd. Gesetz in die Welt der Nichtjuden hin­eintragende neue Religion, das Christentum; 3. eine das jüd. Gesetz ablehnende und be­kämp­fende neue Religion, das Mandäertum.

 

Dass sich die Essener nach dem Jüdischen Krieg in einer neuen Gestaltwerdung - eben im Mandäertum - auflösen mussten, lag in ihrer eigenen Lehre und Struktur zwanghaft be­gründet. Der Grundglaube der Essener war, der kommende große Endkampf gegen alle Fremdvölker würde in verschiedenen Stufen programmäßig ablaufen. Die Abfolge von Kampf und Sieg wären so sicher wie eine Tempelliturgie, die von Anfang bis Ende bereits vor ihrem wirklichen Vollzug feststeht. Mit ihrer Kriegsrolle hatten sie eine ge­naue Kriegsan­weisung ausgearbeitet. Sie dachten, das Ringen fände zwar ganz her­kömm­lich auf der Erde statt, aber himmlische Mächte griffen in dritter Phase ein, um die „Söhne des Lich­tes“ zum Triumph zu führen. Sie waren so sicher, wie es nur zutiefst gläubige Menschen sein können. Sie hatten alles von ihrer Seite her vorgeleistet, sie hat­ten sich den „göttli­chen“ Gesetzen bedingungslos unterworfen, sie folgten ihren Mei­stern, ihren Leh­rern - an ihnen konnte es nicht liegen, wenn der Sieg nicht kommen wollte. Die römi­schen Le­gionen aber schritten unaufhaltsam voran. Sie ließen sich durch keine Prophetien beirren, sie kannten keinen religiö­sen Haß, keine Reinigungsriten, kein Asketentum, keine Gebete zum Gott des Moses, und doch: Sie brachen - Schritt für Schritt unaufhaltsam heranklirrend - jeden Wider­stand und schlossen Jerusalem gleich einem wilden, bösen Tier im Käfig ein. Was lag näher als zu glauben, daß die anderen Schuld trügen: die falschen Tempeldiener, die Frevelpriester und deren Kinder der Fin­sternis. Beim Eintritt in den „Neuen Bund“ hatten die heiligen Männer geschworen, alle Kinder der Finsternis zu hassen - jeden nach seinem Schuldanteil. Wörtlich lautet die Fluchformel in der Gesetzesrolle: „Erbarmungs­los seiest du verflucht, weil deine Werke finster sind, verwünscht seist du in der Finster­nis des ewigen Feuers!“ Jeder aufgenom­mene Essener hatte zu diesen Worten des Vor­sprechers sein „Amen“ gesagt. Sie waren durchdrungen von der Gewissheit, sie seien der treugebliebene „Rest Israels“; auf sie kam es an, durch sie und für sie allein würde der Gott der Väter zur Rettung und glanz­vollen Wiederherstellung des ganzen Volkes her­an­eilen. Der Kampf gegen die römischen Fremdlinge aber verlief unerklärlicherweise nicht nach Vor­ausschau der Kriegsrolle: Kei­ne rettenden Engel mit Flammenschwertern in den Händen flogen herbei. Also be­gan­nen die essenischen Zeloten im belagerten Jeru­salem jene hin­wegzuschaffen, die ein Hinder­nis auf dem Wege zum Heil darstellten. Das große, „heili­ge“ Morden der Jerusa­lemer Ari­stokratie begann, welches Josephus, ohne das notwen­dige Verständnis mitzu­lie­fern, be­schrieben hat. Was lag an denen, die das Heilig­tum Gottes verunreinigten, den Ab­trünnigen, sie mussten um des Endsieges willen der Gott­heit zum Opfer gebracht wer­den. Steht doch geschrieben: „Beim Er­scheinen der Herr­lichkeit Gottes für Israel aus­gerottet werden aus der Mitte des Lagers und mit ihnen alle aus Juda, die sich schul­dig machen in den Tagen seiner Läuterung“ (Damaskusrolle XX 25ff); in anderem Text: „Die Gottlosen Israels, welche ausgerottet und vernichtet wer­den für immer“ (Psalm-37-Kommentar). Hinweg also mit dem fluch­beladenen Schmutz, der die Augen Gottes be­leidigt. Wer vermögend war, sich dem Wohlleben und den Freu­den des Lebens hin­gege­ben hatte, der war nach essenischem Urteil schuldig und sein Leben jetzt verwirkt. Drei große Netze spannt Belial, der Teufel, so meinten sie: Das sei Hurerei, Reichtum und Befleckung des Heiligtums (Damaskusrolle A IV 15f). Doch es half alles nichts, genera­tionenlang waren sie streng und rein durch ihre Leben gegan­gen, immer den end­zeitli­chen Kampf vor Augen, dann waren sie mit­tendrin und ver­säumten es nicht, ihre blutige Pflicht zu leisten - der Sieg aber blieb aus, ein schauerliches Ende der Verzweif­lung kroch in die Herzen der Überlebenden. Das Scheitern mußte zu einem völligen Zusammen­bruch der jüdisch-essenischen Glaubens­lehre führen und aus der Ent­täu­schung heraus zu einem Judenhaß/Selbsthass. Sie sagten sich: Jahwe, der Gott des Mo­ses, hat uns verra­ten, verworfen, wir müssen ihn gründlich missverstanden haben, er will den Neuen Bund nicht - ist er, an den wir glaubten, wirklich Gott, oder ist er etwa der Teufel, so wie die Heiden meinen? Sie wussten, was in ihrer Damaskusrolle (A II,13) geschrieben stand: „... aber diejenigen, die er hasste, führte er in die Irre.“ Die Er­kenntnis, nicht zu den Lieblin­gen, sondern zu den von ihrem Gott Gehaßten zu gehö­ren, musste einen unheilbaren Schock ausgelöst haben. Von ei­nem Essenertum hat man nach den Jüdischen Kriegen nichts mehr ver­nom­men, es löste sich zwangsläufig auf: im johanneisch-mandäischen An­tijuda­ismus und im je­suisch-paulini­schen Christianismus.

 

Dazu bestätigt der Religionswissenschaftler Mark Lidzbarski (S. XV): „Die mandäische Religion [...] setzt eine Umwälzung von ungewöhnlicher Intensität voraus. Ihre Schöp­fer suchten sich überall neue Werte zu bilden; sie schufen eine ganz neue religiöse Spra­che. Das uralte semitische Wort für den Gottesbegriff ilah, das alle anderen Umwälzun­gen in­nerhalb der semitischen Religionen überlebt hat, das noch jetzt im Islam ebenso wie im orientalischen Christentum und im Judentum im Mittelpunkte der Religionen steht, ist aus ihrer Sprache verbannt. Sie gebrauchen es höchstens für fremde Götter, für Göt­zen.“ Die nahe Verwandtschaft zwischen dem Essenismus und dem Mandäismus ist für jeden Kenner der Quellenlage unübersehbar. Das mandäische Schrifttum birgt die näch­sten Paralleltexte zu der gnostischen Symbolsprache des Johannesevangeliums im „NT“. Die Urmandäer waren Essener.

 

Nach Beendigung des Jüdischen Krieges wurden aus den übriggebliebenen, nach Osten geflohenen Johannes-Essenern die Johannes-Mandäer. Sie waren dem Hexenkessel des jüdischen Bürgerkrieges noch einmal entronnen. Sie hatten es am eigenen Leibe erlebt, wie fürchterlich Juden gegen Juden aus Religion zu handeln vermochten. Diese Erkennt­nis erzwang den radikalen mandäischen Neuanfang. Aus Verzweiflung an ihrem jüdi­schen Volkstum, dem jüdischen Religionsgesetz und Gottesbild brachen sie mit allem, was ihrer Meinung nach in das durchlebte Chaos des Grauens geführt hatte. In ihrem Johan­nesbuch (Kap. 54, 191) wird die „Thora, das Buch des Frevels“ und „Jerusalem, die Burg der Lüge“ geheißen. Auch ihre Einsicht: „Das Buch der Juden kann nicht vom Lichte gekommen sein, sonst wären sie unter sich einig...“, spricht für sich. Sie lösten sich in ihrem Bewusstsein aus der jüdischen Volks- und Schicksalsgemeinschaft heraus, für sie galten fürderhin die „Juden, die Sündhaften“, als das Weltübel schlechthin.


Der Glaube des Jesus


Heute gilt als unstrittig, dass die Essener in ihren Sitten und Riten mehr iranischen als jüdischen Glaubensinhalten anhingen, obwohl sie gleichzeitig den Verheißungen der alt­jüdischen Prophetenschriften vertrauten, ja verschworen waren. Die altiranische Religion ist es, die den Schlüssel zum Verständnis des Essener-Glaubens und des Jesus-Glaubens birgt. Je mehr man sich in das Studium der vorliegenden Urschriften hineinbegibt, umso mehr lichtet sich die Er­kenntnis, dass die tiefsten Glaubensinhalte der Essener iranischen Ideenzügen folgten. Auch der innere Glaube des Jesus (nicht sein typisch jüdischer poli­tischer Aktivismus, den in noch radikalerer Art die Essener pflegten) sowie die Predigt des Saulus-Paulus, ha­ben ihre Hauptquellen in der Religion der persischen Magier. Das entstehende per­sisch-­jüdische Glaubens­gemenge bot zwar nichts Neues - denn andere damalige Wan­der­pre­diger ver­kündeten ähnliches - aber das deshalb nicht weniger Un­zulässige war, dass ein persischer Mythos aus den altjüdischen Prophetenschriften her­aus­gelesen und bewie­sen werden sollte. Dieser Versuch rief bei echten Glaubensjuden (Pha­risäer/­Sadduzäer) berech­tigte Verstimmung hervor. Tempeljuden wie auch Essener er­hofften mit der sehnlichst erwarteten Ankunft des Messias/Christos zunächst eine Be­frei­ung von der Fremdherrschaft, dann aber wei­terschreitend einen politischen Machtzu­wachs, der ihnen den Triumph im Weltmaßstab bescheren würde.


Jesus dagegen hatte außer den Lehren des essenischen Johannes zusätzlich eine Portion Zarathustra mehr verinnerlicht. Er hielt sich für den gottgesandten „Men­schensohn“ der iranischen Theologie - er und der Vater im Himmel seien eine Union. Diese Selbstbe­zeichnung in Wortwahl und Gedanke ist persischen Ur­sprungs. Der parsische Gehmurd ist Ur­mensch/Urseele und wurde mit Gottes Boten, dem Religionsstifter Zarat­hustra, gleichgesetzt. Der Ur­mensch selbst galt in dieser Religion als Inbegriff aller Weisheit und auch als Gottesverkünder, Messias, Erlö­ser, Heiland, Chri­stos. Was die christliche Adams-Mystik her­vorbrachte - Christus als den wieder­auferstan­denen Urmenschen Adam zu verstehen - ist eine Ableitungsform aus nichtsemi­tischen Vorbildern, deren vorchrist­li­ches Alter durch eranisch-indi­sche Gegenbilder zu belegen ist. In den mandäi­schen und manichäischen Texten ist es der „Erste Mann“ (oder auch das „Erste Wort“), der im göttlichen Auftrag die Beleh­rung über die Menschen bringt. Der oberste Gott, der „Lichtkönig“, hat ihn gemeinsam mit der irdischen Welt erschaffen als Gehilfe im Kampf gegen das Böse - alle Engel müssen ihn ehren. Er heißt Manda d’Haije (Er­kennt­nis des Lebens), Enos-Uthra (Mensch der Wahr­heit), Adam (Mann/Mensch). Die Na­men wech­seln, die Vorstellungen bleiben. Der oft mannweib­liche Ur­mensch/Gott­mensch galt als der göttliche Ge­sand­te, als Reiniger, Retter und auch als erlösungs­be­dürftiger Erlöser. Als in die Materie versetzte Gotteskraft erachtete man ihn dem gei­stig-im­ma­te­riellen Weltzustand noch nahestehend. So wurde er wie eine an ihrer Leib­lichkeit „er­krankte“, erlösungs­hungrige Wesenheit verstanden. Das manichäische Dogma vom „erlö­sten Erlö­ser“, gera­deso wie die paulinische „Menschensohn-Opferlamm-Leh­re“ bezogen ihren Grund­impuls aus dem Iranischen. Dort ist der Urmensch Erneue­rer der Welt, Trä­ger der Got­tesbot­schaft und der Gotteskraft - der Erlöser für das ganze Men­schenge­schlecht, aber zugleich der Selbsterlöste, der als erstes Lichtgeschöpf in den Himmel zu­rückkeh­ren darf. Er ist Ausfluß Gottes und zugleich der ideelle Vertreter der Menschen­seelen, die „Gro­ße Seele“ - ein Begriff, der sich auf die Gesamtheit der Gläu­bigen oder Seelen be­zieht. Hinsichtlich des Mikrokosmos vermag dieses Urmenschen­gebilde ebenso die Ein­zelseele und den Geist bzw. das Selbst des Menschen zu symboli­sieren. Es ist der „Bote der Wahrheit“, es verkün­det Wahrheit, Licht und Leben.

Im Zentrum der vielschichtigen indogermanischen Urmenschenlegende, wie sie aus indi­schen, persi­schen und germanischen Mythen erfahrbar wird, steht die Weltentste­hungs-Opfer-Idee, das kosmogonische Opfer. Der Widersacher Gottes, der Böse, greift den Urmenschen an, er tötet ihn. Aus den Säften des Getöteten - einem Prototyp der Lebe­wesen - entstehen die Gattungen des Men­schengeschlechtes. Nach anderen Texten ge­hen aus ihm die acht Stoffe hervor: aus dem Kopf das Blei, aus dem Blut das Zinn, aus dem Mark das Silber, aus den Füßen das Erz, aus den Knochen das Kupfer, aus dem Fett das Glas, aus dem Fleisch der Stahl, aus der Seele das Gold. Dies zeigt am deutlich­sten die kosmische Bedeutung des Urmenschen im vor­christlichen Verständnis. Der alt­nordische Ymir-Mythos der ed­dischen Gylfa­gin­ning stellt das germanische Gegenstück der vedi­schen und avestischen Gottessagen dar. Mit dem indischen Yama und persi­schen Yima sind die gleichen zwittrigen Urmenschenriesen des Weltwerdemythos ge­meint. Die alte Glaubensüberzeugung lautete: Mit seinem Opfertod hat der Urmensch unser aller Leben hervorgerufen, an seiner Seele haben wir alle Anteil; er vermag aber auch immer wieder in starken gottgeistigen Personen zu inkarnieren um im Kampf gegen das Böse die Men­schen wachzurütteln und auf den Gottesweg zurück­zuwenden. Er ist nach solcher theolo­gischer Logik dann als Einzelmensch doch Träger der Weltgesamtheit aller Seelen. Durch sein wiedervollzogenes Uropfer (der Hingabe seiner Leiblichkeit), müßte er - folgen wir diesem Denkgesetz - „durch sein Blut“ das gesamte Menschenle­ben „wieder neu ma­chen“, gewissermaßen mittels einer Art reinigender Neuge­burt.

 

Der von seinem Herkommen reine Lichtleib der Urmenschenseele ging also in die Welt ein und krankt seitdem an dieser Einbindung und Vermischung mit dem Weltstoff. Nach dieser Deutung leidet der Mensch an sich selbst und vermag allein durch Über­win­dung der Materie sich zu befreien und erlösen. Jener iranischen/arischen Urphi­loso­phie lie­gen durchaus vernünftige Einsichten und Folgerungen zugrunde. Dass jeglicher Werdung ein Opferakt vorausgehen muss, dass ohne Hingabe und Aufgabe kein Spros­sen und Ge­dei­hen denkbar ist, solche Einsichten gehören sicherlich zur menschlichen Urerfahrung. Auch dass der Mensch bzw. die Gesamtheit der Menschenseelen - perso­nifiziert in eine symbolische Einheit - sein eigener Retter/Heiland/Messias/Christos sein kann und muss, dürfte ebenso zu den uralten Erkenntnissen der Weisen gehören. Diese Philosophien wurde aber in ungehö­riger Weise mystifiziert und mit jüdischen Auser­wähltheits-Hirnge­spin­sten zu dem uns bekannten verquasten Ideenkonglomerat des Christianismus vermengt. Aus sol­cherart aufgefange­nen theologischen Weltdeutungs­gleichnissen, ver­bunden mit jüdischem Starrsinn und Fanatismus, braute sich im Hirn des vaterlosen Jesus ein arger Trank zu­sam­men, den er glaubte, bis zur bitteren Neige aus­trinken zu müssen. Nach allem, was wir wis­sen, scheint es, daß er irgendwann anfing zu glauben, in ihm fände sich die Seele des göttlichen Urmenschen - des Menschensohnes - wieder­verleiblicht. Er war sicherlich kein reiner Scharlatan, er hatte sich vielmehr un­heilbar in seine Glaubenspsychose der Hybris ver­strickt.

 

Der russische Forscher Nikolaus Notowitsch fand auf seiner Reise 1887 nach Kaschmir im tibetischen Kloster von Ladakh ein Manuskript betitelt „Das Leben des heiligen Issa, des besten der Menschensöhne“, mit Kurzabriss israelitischer Geschichte und einem Jesus-Evangelium, in dem von der Indienreise Jesu berichtet wird: „Damals geschah es, dass Issa [Jesus] heimlich das Haus seiner Eltern verließ, hinausging aus Jerusalem und sich nach dem Sindh begab mit Kaufleuten.“ Er wollte „sich vervollkommnen im göttlichen Wort und forschen in den Gesetzen des großen Buddha“. Es folgt eine detaillierte Schilderung der Erlebnisse und Erfahrungen Jesu in Indien, wo er von den Brahmanen verfolgt wurde, ebenso wie er 29jährig auf der Rückreise in Persien von zoroastrischen Hohepriestern verhört wurde und nachts von Magiern vor der Stadt wilden Tieren ausgesetzt, was er wundersam überlebte und nach Israel zurückkehrte, dort lehrte und gekreuzigt wurde. Die Auferstehung wird als Gerücht erwähnt. (Textübernahme aus unbekannter Quelle)

 

Marcion

 

Angesichts des urmandäisch-nazoräischen Quellenmaterials erscheint auch die Botschaft des Marcion einer neuerlichen Betrachtung wert. Er wurde um das Jahr 75 n.0 im pon­tischen Sinope als Sohn eines reichen jüdischen Reeders, der das Amt des Bischofs einer Christengemeinde innehatte, geboren. Er er­lebte in seiner Jugend hautnah die Ausei­nander­setzung zwischen den jesuischen - wie er meinte „judaisierten Scheinchristen­ge­mein­den“ (deren einer sein Vater vorstand) - und den johanneischen essenisch-nazo­räi­schen Urchristen, die er mit einem gewissen Recht antiju­daistisch einschätzte. In Wirk­lichkeit dachten etliche ideal­judaistisch und agierten deshalb gegen den Real­judaismus, oder sie waren bereits im mandäisch-antijüdischen Sinne abgedriftet. Marcion wandte sich gegen den ei­ge­nen Vater; sein Wissensdurst und ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ließen ihn forschen, wei­te Reisen unternehmen und schließlich eine eigene „wahre“ Christenkirche gründen, die jener „jüdisch gelenkten“ den Kampf ansagte. Er verwarf das mosaische Alte Te­stament und lehrte seine Anhänger, daß Jahwe nicht Gottvater, sondern der Satan sei. Jesus ha­be auf einen nichtjü­dischen unbekannten „guten Vater im Him­mel“ vertraut. Ganz unsinnig erscheint diese Auffassung sicherlich nicht. Da Je­su­s unverkennbar die mosaische (jüdische) Lehre vom rachsüchtigen Jahwe mit der za­rathu­strischen (persischen) vom guten Lichtvater Ahura Mazdah (iran. „Weiser Gott“ - und des­sen Ur­mensch/­Men­schensohn) verband, kann sein persönliches Gottesbild mit dem des Alten Testamentes nicht völlig deckungsgleich gewesen sein. Die Bedeutung der Frage, wieviel Jahwe-Anteil gegen wieviel Ahura-Mazdah-Anteil im Kopf des Jesus mit­einander rangen, tritt angesichts der Tatsache zurück, dass sein Propagandist Paulus ein­deutig zugunsten des Judengottes votierte. Mit seiner antijudaistischen Predigt stand Marcion nicht allein, eine Menge gno­stischer Sekten formulier­ten ähnli­ches; auch ihnen galt der jüdische Stammesgott als gnadenloser Gewaltherrscher oder gar als Teufel und sein offizieller Priesterklüngel in Jerusalem - im Sinne Jesaias - als ein solcher, der mit der Hölle einen Vertrag habe.

 

Die uns heute zugänglichen Zeugnisse aus urchristlicher Zeit er­lauben die Feststellung: Marcion irrte, wenn er meinte, es hätte jemals ein juden­freies Urchristentum gegeben, Marcion irrte jedoch nicht hinsichtlich seines Vorwurfes, die sich organisierenden jun­gen Christengemeinden seien jüdisch beeinflusst und gelenkt. Marcion lebte seit ca. 140 n.0 in Rom, wo er innigsten Kontakt mit der dortigen früh­christlichen Gemeinde unter­hielt. Er war der erste, der versuchte, das junge Christentum aus seiner Verwurzelung im mes­sianischen Judentum herauszulösen. Seine Erkenntnis, dass dafür eine eigene Grundlagen­schrift für die Gemeinden vonnöten sei, veranlaßte ihn, seine Botschaft nie­derzuschrei­ben. Der erste Schritt zur Schaffung eines „Neuen Testamentes“ war getan. Schon 144 n.0 wurde er aus der judäo-römischen Christenkirche ausgestoßen und das Marcion-Evangelium verworfen. Jener Vorwurf der „judaisierten“ Christen­gemeinschaft zeigt, wie bedeutend von Anbeginn der bewusstjüdische Einfluss gewesen sein muss. Aufgrund welcher redlichen oder auch mehrsinnigen bzw. hintersinnigen Motivationen ein Teil des engagier­ten und vermögen­den Judentums diese jüdische Predigt an die Hei­den von Anfang an unterstützte, sei da­hingestellt. Darüber lässt sich nur spekulieren. Sicher ist aber, dass sich auch Juden, wel­che der neuen jesuisch-paulinischen Richtung innerlich völlig fernstan­den, Vor­teile aus deren Anwachsen versprechen mussten. Dass nun der jüdische Stam­mesgott Jahwe zusam­men mit seinem Lobredner, dem Rabbi Jes­hua/Jesus, so erfolgreich den Heiden verkündet wurde, das konnte keinem frommen Juden mißfallen. Für sich selbst lehnte die Masse der Ju­den­heit freilich diesen offen­sichtlichen Ideenmischmasch ab. Von den urjüdischen Ver­hei­ßungen der Thora began­nen sie sich nicht vor der Zer­störung des Tempels 70 n.0 zu trennen. Erst die Katastro­phe der Tempelzerstörung und der bluti­gen Selbstzerfleischung ließ den jüdi­schen Volksgeist zögerlich nach neuen We­gen Aus­schau halten. Einer davon war das sich aus­brei­tende Judäo-Christentum, welches aber gerade wegen seiner irreal anmuten­den my­stischen Unbegreiflich­keit für Nichtjuden eine größere Anziehungskraft ausübte als für die eigentlich (von Jesus) gemein­ten.


Abendmahlwein

 

Gesichert ist, dass das Christentum aus der essenisch-gnostischen Nazorä­er­sekte hervor­ging. Die Lehre des Neuen Bundes stand generationenlang im harten Rin­gen gegen ver­wandte jüdisch-iranisch bestimmte Mitbewerber um die Gunst der Gläubi­gen. Nur die Schwerpunkte dieser Sekten waren unterschiedlich gesetzt. Nach der Auf­lösung des alt­jüdischen Staates verlagerten zwangsläufig die jüdischen Religionsgemein­schaften ihre Aktivitäten aus der Begrenztheit Palästinas und Vorderasiens auf die Ebene der gesam­ten damals bekannten Welt. Starke ausländische Judensiedlungen hatte es vor­her auch schon gegeben, doch erst jetzt quollen sie förmlich über, und ihr Parteienge­zänk erhielt inter­nationale Bedeutung. All die gnostisch-christlichen Richtungskämpfe der ersten beiden Jahrhunderte sind eigentlich nur innerjüdische Rangeleien - wobei jede Partei bestrebt war, sich unter den Nichtjuden Verbündete zu schaffen („Proselyten­mache­rei“). Die Chri­sten „aus den Nationen“ sind vom Ursprung her nichts anderes als ge­worbene und über­redete Judengenossen. Be­reits in vorchristlicher Zeit waren Juden eifrigst dabei zu mis­sionieren, um Anhänger zu werben. Unter Kaiser Tiberius im Jahr 19 n.0 hatte die jüdi­sche Propaganda bei römi­schen Bürgern derart überhand genom­men, dass es deshalb zu einer Gerichtsverhandlung und dem Ergebnis eines öffentlichen Verbotes kommen muss­te (Tacitus, An. II, Kap.8). Die intensive jüdische Glaubens­werbung konnte dem rö­mi­schen Staatswesen ganz und gar nicht gleichgültig sein, denn - wie Tacitus berichtete - war es jüdische Eigenart, die gewonnenen Menschen gegen ihre eigenen Familien und gegen ihre Heimat zu beein­flus­sen; er schrieb: „Die, welche zu ihren Bräuchen überge­hen, beobachten eben dassel­be [die argen Judensitten], und nichts wird ihnen eiliger eingeschärft, als die Götter [ihrer Ahnen] zu verachten, ihr Vaterland zu verleugnen, ihre Eltern, Kinder und Ge­schwister für nichts zu achten“ (Hist. V, Kap.4). Schon Kai­ser Trajan (53-117) stand wieder vor gleichen Problemen, diesmal verursacht von nazo­räisch-christli­chen Juden, also Anhän­gern der Jesus-Sekte. Auffällig ist, daß der Jude Jesus seinen Werbeagenten (Aposteln) dieselbe Empfehlung mit auf den Weg gab, die schon Jahr­zehnte vor ihm prinzipielle jü­dische Verfahrens­weise war. Wie sagte er?: „Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater und die Toch­ter gegen ihre Mutter und die Schwie­ger­tochter gegen ihre Schwiegermutter“ (Mt. 10, 35) und „Wer Vater oder Mut­ter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert“ (Mt. 10,37). Was in diesem Sinne gepredigt wurde/wird, durch die Send­boten des Jesus, das ist purer essenischer Glau­bens­fanatismus, der es bei seinem Überei­fer leichtfertig in Kauf nahm/nimmt, die Zer­­störung aller Bluts­bande zu betreiben. Doch während solch eine Auffor­derung Juden nur noch tiefer in ihr geistiges Judentum hin­eintreibt, peitscht sie die Nichtjuden aus ihrem jeweiligen Volkstum hinaus. Hin­ter die­ser Botschaft kann somit nichts ande­res stehen als die Absicht der Völker­zer­trüm­me­rung - getreu dem altjüdi­schen Prophe­ten­wort: „Alle [nichtjüd.] Völker sind vor ihm [Jahwe] wie ein Nichts und gelten ihm als wertlos und nichtig.“ (Jes. 40,17) Und: „Du wirst alle Völker fressen, die Jahwe, dein Gott, dir geben wird. Du sollst sie nicht scho­nen und ihren Göttern nicht dienen, denn das würde dir eine Fessel sein.“ (5. Moses 7,16ff) Zu beachten ist, dass es sich bei dieser Geistigkeit, um Zeugnisse des alten Hebräertums handelt, die von denen sich das Reformjudentum unterscheidet. Es ist zum Wundern, wieviel alten sauren, bitte­ren Wein dieser Jesus in seine Schläuche des Neuen Bundes füllte. Bezeich­nend ist der lapi­dare Klagesatz, welcher ge­gen seine Apostel von besorgten Bürgern vor­gebracht wurde: „Diese Menschen machen unsere Stadt irre; sie sind Juden“ (Ap. 16,20). Den Wer­be­strategen, welche eigens deshalb ausgezogen wa­ren, um zu­nächst völlig unbekann­ten Menschen deren altver­traute Gedan­kenmuster auszu­schwat­zen, da­für aber andere - im Schwerpunkt jüdische Vorstel­lungen - einzupflanzen, war jedes Mittel der Über­töl­pelung recht. Welcher An­trieb da­hinter­steckte, kann seelen­kundlich nur als „Wil­le zur Macht“ gedeutet werden. Wer sei­ne Mitmenschen aus ihren ver­trauten Ge­dankenkreisen heraus­führt, um sie in neu er­rich­tete Ideengebäude hinein­zuleiten, will Gewalt über sie gewinnen. Solch ein „Angler-Be­dürf­nis“ ent­springt allemal egoistischen Im­pulsen, mögen die vorgeführten Motive noch so anmutig daherschreiten. Die Psyche des Paulus ist ein delikates Stu­dien­feld. Er ge­währt uns selbst einen guten Einblick: „Ob­wohl ich frei bin von jedem, habe ich mich doch selbst jedem zum Knecht gemacht, da­mit ich die mei­sten gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude gewor­den, da­mit ich Juden gewinne. De­nen, die das [jüd.] Gesetz hal­ten, bin ich wie einer geworden, der das [jüd.]Gesetz hält, um sie zu gewin­nen. De­nen, die ohne [jüd.]Ge­setz sind, bin ich wie einer geworden, der ohne [jüd.] Gesetz ist, um sie zu gewinnen. Den Schwachen bin ich wie ein Schwacher gewor­den, um die Schwa­chen zu gewinnen...“ (gekürzt, 1. Kor. 9,19ff) Ganz gleich, ob mit kal­tem, zielge­richte­ten Verstande oder aus krankhafter Be­sessenheit heraus - letzt­lich ging es doch nur darum, den Gott des Stammes Israel zum Weltengott über alle Völker zu er­heben. Die jüdische Volksreligion stellte Paulus nicht in Frage, er wollte sie keines­wegs überwin­den: „Die Be­schneidung [der Penisvor­haut] ist wohl nützlich wenn du das [jüd.] Gesetz ein­hältst; hältst du das [jüd.] Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnit­tenen [Juden] schon ein Unbeschnittener [Nichtjude] gewor­den.“ (Röm. 2,25) und: „Wel­chen Vor­teil haben die Juden, oder was nützt die Be­schneidung [der Penisvor­haut]? Fürwahr sehr viel, zum ersten: Ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat.“ (Röm. 3,1), aber „ist Gott [Jahwe] allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott? Ja frei­lich, auch der Heiden Gott.“ (Röm. 3,29) Die Ver­kündung des Paulus lautete letzt­lich: Wer gesetzes­treuer Jude ist, soll es bleiben, denn er hat von Haus aus das Wis­sen um Gott. Wer aber ein dem jüdischen Religionsgesetz ent­fremdeter Jude oder Nicht­jude, al­so Heide, ist, der möge zur je­suischen Form jüdischer Religion greifen. Klar und eindeutig sagt er: „Heben wir denn das [jüd.] Gesetz auf durch den [christl.] Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das [jüd.] Gesetz auf.“ (Röm. 3,31) Wer demnach als Nichtjude das pau­linische „Evangelium“ annimmt, übernimmt und anerkennt auch gleichzei­tig den jüdischen Stammes­gott Jahwe und die jüdischen Gesetzesschriften, die „Thora“. Ebenso gleich­zeitig akzeptiert er damit seine ei­gene Zweitrangigkeit gegen­über der Ju­denheit und seine Nichtig­keit in den Au­gen des von ihm selbstgewählten Gottes - dem seine Propheten Worte wie diese in den Mund legten: „... so will ich dir die Hei­den [Nichtjuden] zum Erbe geben und die Welt zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen; wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen.“ (Psalm 2,8,9.) Wir soll­ten eigent­lich nicht erst Psychologen befragen müssen, um zu erfahren, welche see­lisch-gei­stigen Brü­che und Verwerfungen bei Christ­gläubigen dar­aus resul­tie­ren müssen.

 

Aus einem Zweig des jüdischen Essenertums ist die christliche Weltreligion emporge­bracht worden. An der Hauptwurzel der Essener-Nazoräer stand die Verheißung des jüdischen Propheten Jeremias, der jüdische Stammesgott Jahwe wolle mit den Treuge­bliebe­nen von Israel und Juda einen neuen Bund schließen (Jer. 31,31f). Von einem „Neuen Bund“ (oder einem „Neuen Testament“, wie es Martin Luther nannte) mit nichtjüdi­schen Menschen war niemals die Rede! Die geistesgeschichtlichen Quellen sind auf Dauer nicht zu verstopfen - es sprudeln die lebendigen Wasser, und sie raunen der blindgläubi­gen Christenheit zu: Euer Glaube ist eitler Trug !

 

Viele Menschen haben diesen jesuisch-paulinischen „Abendmahlwein“ trotzdem getrun­ken und sind dadurch an Leib und Seele krank geworden und zugrunde gegangen. An­derthalb Jahrtausende lang ist im Namen Jesu Christi gemordet worden: bei Heidenver­folgungen, Kreuzzügen, Glaubenskriegen, auf Scheiterhaufen und in den Foltergrüften der Inquisition. Doch der doppelzüngige Glaube an ihn überlebte alle Verblendungen und Verbrechen, die auf sein Geheiß hin geschehen sind. Noch heute stehen sie dro­hend über dem Haupte eines jeden, der frei sein will vom Judengott Jahwe und seinen Ver­kündern Moses, Jesus und Paulus. Wenn wir bedenken, dass dieses Jesuswort vom „gerech­ten Feuertod“ (Mt. 13,42) für die, die ihm nicht folgen wollten, hunderttau­senden „Ketzern“ und „Hexen“ im christlichen Mittelalter ein schauriges Flammenende be­scherte - wenn wir bedenken, dass das Jesuswort vom „Krieg um seinetwillen“ (Mt. 10,34) unzählige Verfolgungen und Metzeleien hervorrief, bis auf und über den Drei­ßig­jährigen Krieg hin­aus, der unse­rem deutschen Land einen unwiederbringlichen Blut­zoll abzwang, - dann dämmert dem einen oder anderen vielleicht die Ahnung, es könne die johanneische Fluchformel „Ver­dammt sei Jesus !“ nicht ganz so töricht gewesen sein, wie es uns der unehrliche Werbe­künstler Saul-Paulus hinzustellen beliebte (1. Kor. 12,3).

 

Der unbestechliche Philosoph Friedrich Nietzsche sagte: „Ich begreife nicht, wie ein Deutscher je christlich emp­finden konnte.“ Denn, so meinte er, „der Christ ist nur ein Jude ,freieren‘ Bekenntnis­ses.“ Gleichermaßen erklärte der britische Premierminister D’Israeli: „Chri­stentum ist Juden­tum für Nicht-Juden.“ Karl Marx, ebenfalls einer jüdi­schen Familie entstammend, stellte fest: „Das Christentum ist ganz aus dem Judentum entsprungen [... es] ist der gemeine Gedanke des Judentums.“ Der Jude Heinrich Heine spottete, die Christen seien Men­schen, „deren Religion nur ein Judentum ist, welches Schweinefleisch frisst“. Wenn­schon solche Aussprüche grobe Vereinfachungen von viel feinnetzigeren Zusammenhän­gen sind, so ist doch daran richtig, dass das Chri­stentum den Versuch un­ternahm (und wei­terhin unternimmt) die Völker der Welt gei­stig zu altjudaisie­ren, obwohl seine Ideenan­gebote mehrheitlich keineswegs originär aus der jüdischen Re­ligionskultur herrühren. Diese Erkenntnis mag manchen Betrachtern gera­dezu unerhört erscheinen und wird es deshalb auch blei­ben. Und doch ist sie schon zum Beginn unserer Zeitrech­nung ausge­sprochen worden. In der mandäischen „Apoka­lypse“, dem Schlußteil des „Buches des Herrn der Größe“, er­scheint das Christentum als organische Fortset­zung - als eigentli­che Vollendung des Ju­dentums - Jesus gilt dort als der „Prophet der Juden“ - vor „Chri­stus dem Verführer“ warnen diese Zeitzeugen: „Glaubt ihm nicht, denn in Zauberei und Blendwerk geht er einher !“

 

Dieser herbe Vorwurf bestätigte sich ohne jeden Abstrich in den historischen Realitäten. Wir können nur spekulieren, wodurch er ursächlich veranlasst wurde: durch die „ägypti­schen“ Taschenspielereien des Jesus, von denen die jüdischen Quellen berichten, oder auch durch die jesuische Abkehr von den ursprünglichen essenischen Grundregeln des rigorosen Kampfes gegen Jerusalem und Rom. Paulus, der erfolgreichste Verkünder des Rabbi, bekannte sich zur Verstellung und Heuchelei zum Zwecke der Menschenfische­rei, ohne jede Scham. Er stellte die entscheidenden gedanklichen, moralischen Weichen für das geschichtliche Wirken der Christenkirche, indem er Betrug zum Vorteil und zur hö­heren Ehre der eigenen Gottesidee legalisierte. Der perfide „Jesuitismus“ (ab 1534) war also keine nur unschöne, bedauernswerte Entgleisung, er folgte vielmehr den nach­weis­bar uran­fäng­lichen Prinzipien christlichen Täuschungswillens: Obwohl die Christen­predigt den „Müh­seligen und Beladenen“ (Mt. 11,28) das Himmelreich versprach, während eher ein Ka­mel durch ein Nadelöhr ginge, denn ein Reicher ins Gottesreich gelangen würde (Mt. 19,24), setzte sie sich ebenso von Anfang an dafür ein, daß die Unterpri­vilegierten der Obrigkeit untertan zu sein und ihr Los in Demut zu tragen hät­ten. Getreu den je­suischen Vorgaben sowie der paulinischen Geständnisse, wurde Jahwe - in Einheit mit seinem Verkünder-Rabbi Jesus - gleichzeitig zum Gott der Juden und der Heiden (Nichtjuden), der Ausbeuter und der Ausgebeuteten, der Pfeffersäcke und der Bettel­mönche angeprie­sen. Könnte das je ein ehrliches Evangelium gewesen sein ? Die Arme-Leute-Religion ver­trug sich vortrefflich mit jener Religion der Herr­schenden-von-Gottes-Gnaden. Vertrug sie sich nur, oder er­gänzte sie sich nicht doch in einer vorher nie ge­kannten zynischen Doppelzüngigkeit ? Die Botschaft der Nächsten­liebe vertrug sich schein­­bar widerspruchs­frei mit Plan und Tat der Völkervergewalti­gung, jedes Menschen­antlitz - sei es willig oder unwillig - an die „Richt­stätten“ des Sinai und Golgathas zu zer­ren.

 

Mit welch schamlosen Täuschungen haben die paulinischen Missionare ihren Gott den Völkern aufgeschwatzt: Den Nordeuropäern ist er als der „Weiße Krist“, den Negern als Neger, den Chinesen als Chinese aufgeschwindelt worden. Könnte das die Art ehrli­cher Makler sein ? Kein Mensch und kein persönlich gefasster Gott vermag allen alles zu sein, damit er gleichzeitig von allen verehrt würde - irgend jemanden muss er dabei zwangsläu­fig betrügen. In welcher Verstellung der jüdische Messias als „deutscher Hei­land“ unse­ren Vorfahren vorgestellt wurde, ersehen wir beispielsweise aus dem altsäch­sischen Ge­dicht „Heliand“ (um 830). Kaiser Ludwig der Fromme hatte die in stabrei­menden Ver­sen angelegte Geschichte angeregt. Hier wurde Jesus, der nationaljüdische Wander­predi­ger, als ein mächtiger germanischer Volkskö­nig beschrieben, die Jünger als seine adligen Gefolgsleute. Doch auch die vielfältigsten Überlistungen reichten niemals aus: Die Erfah­rung hat gelehrt, dass immer nur da, wo die weltlichen Gewalten den Glau­bensboten ihren starken Arm liehen, ein durchgreifen­der Schritt zur Christia­nisie­rung eines Volkes hat gemacht werden können. Und danach folgte immer das, was die Maoris von Neu­see­land den Missionaren vorhielten: „Ihr lehr­tet uns gen Himmel sehen, aber während wir dahin schauten, kamen eure Brüder und nahmen uns die Erde, die uns ge­hörte.“

 

Müssen es sich die Menschen dieser Erde wirklich unabänderlich gefallen lassen, dass man sie aus christlichen Augen fortwährend als Bekehrungsobjekte betrachtet, dass man be­ständig um sie herumschleicht, um zu erspüren, wie man doch noch in ihr Herz ge­langen könnte, um sich dort einzunisten und um ihre Seele einzufangen ? Sollte nicht endlich Ach­tung vor anderer Art und Denkweise einkehren ? Gehört nicht auch zum angebore­nen menschli­chen Elementarbesitz das Grundrecht auf Treue zum angestamm­ten Volks­tum, den eigenen Welterklärungsmodellen, den eigenen Göttern und ganz allgemein zur eige­nen „Ta­fel der Wertungen“ ?

 

 

Quellenauswahl:
Karl Neumann, Julians Bücher gegen die Christen, 1880
Richard Reitzenstein, Das mandäische Buch des Herrn der Größe und die Evangelienüberlieferungen, 1919
Richard Reitzenstein, Das iranische Erlösungsmysterium, 1921
Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, 1922
Richard Reitzenstein u. H.H. Schaeder, Studien zum antiken Synkretismus aus Iran und Griechenland, 1926
Joachim Jeremias, Jerusalem zur Zeit Jesu, II.Teil - Die sozialen Verhältnisse, 1929
Martin Luther, Die Bibel od. d. ganze Hl. Schrift d. Alten u. Neuen Testaments, 1930
Emil Jung, Die Herkunft Jesu, 1934
Robert Eisler, Das Rätsel des Johannesevangeliums, in: Eranus-Jahrbuch 1935, 1936
Eduard Meyer, Geschichte des Altertums Bd. 4, 1939
Benz, Geist und Leben der Ostkirche (Brief des Lentulus S. 16), 1957
Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg, Bd. I; II; II,2 Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1959, 1963, 1969
Hans Bardtke, Die Handschriftenfunde am Toten Meer - Die Sekte von Qumran, 1961
Mark Lidzbarski, Mandäische Liturgien, 1962
Otto Huth, Das Mandäerproblem des AT im Lichte der mandäischen Quellen, in: Jb. d. Symbolforschung Bd.3, 1962
Erich Brock, Die Grundlagen des Christentums, 1970
Johannes Lehmann, Jesus Report - Protokoll einer Verfälschung, 1970
Johannes Lehmann, Die Jesus G.M.B.H., 1972
Gnosis und Gnostizismus, Wege der Forschung Bd. CCLXII, Kurt Rudolph, Hrsg., 1975
Flavius Josephus, Jüdische Altertümer, übersetzt von Heinrich Clementz, 1979
Michael Baigent, Richard Leigh, Verschlußsache Jesus, 1991
Gerd Lühdemann, Jungfrauengeburt? Die wirkliche Geschichte von Maria und ihrem Sohn Jesus, 1997

 

Bild: „Schleier von Manoppello“ aus Muschelseide, soll nach Auffassung der kath. Kirche das Gesicht des Jesus darstellen

 
 
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