SIRENENGESÄNGE

 
SIRENENGESÄNGE
 
Wer heute seine Seele nicht festbindet an den Mast- und Maßbaum des eigengesetzlichen Le­bensschiffes, der ist rettungslos verloren. Ein sinnenbetörendes tausendstimmiges, süß­klingendes Singen und Sagen lockt hinein und hinab ins bodenlose Meer verwirrender, vielgestaltiger Ideen­angebote: Bunte Weltnetz-Präsenzen, Magazine, Zeitungsanzei­gen, CD-Roms, Videos, Seminare, Fernlehrgänge, Kongresse, Aufbaukurse bestürmen uns. Sie winken uns zu wie Lustdir­nen der Großstadt - sie alle wollen unsere Seelen einfangen, sie streben nach Macht  über unsere Gedanken und natürlich über unsere Geldbeutel.
 
Wie leicht versinken wir in den Schaumwogen der Begriffe: Meditation und Kabbala, Yoga, Kundalinigymna­stik, transzendentale Magie, Botschaft der Bibel, Reinkarnation, ägyptisches To­tenbuch, Rosenkreuzertum, Nostra­damus-Testament, Marienerscheinun­gen, Atlantissaga, Hohl­welttheorie, Tao der Physik, Hopi-Frie­densbotschaft, Engelprä­senz, Ufosichtungen, Christusof­fenbarung, Tachionenenergie, Kristallheilung, Zen-Bud­dhismus, Spiri­tuelle Ökologie, Schamanen­reisen, Jesus-liebt-dich, Gaia-Hypothese, Ayur­veda-Heilmedi­zin, Vril-Mythos, Prim­zahl­kreuz, Runenmagie, Godenkunde, Armanentum, Kosmoterik, Ontologische Achse, Germanenherz-Geschwafel usw. usw. Wer wollte da hin­durchfinden, wer will da ur­teilen, was ist nur Schaum und was ist mehr ? Die Verlage überbieten sich gegenseitig, eine Flut „sensationeller“ Druckerzeugnisse auf den Markt zu werfen. Sie stützen damit in geradezu wunderbarer Weise das politische System: „Verwirre und Herrsche !“
 
Wer als Mittel-/Nordeuropäer den massiven Vereinnahmungsversuchen aus buntschil­lernder Fremde zu wider­stehen vermochte, jene ihm angeborene Fremdentümelei nicht zu übermächtig werden ließ (die ja alle fernlie­genden Dinge so sehr viel bedeuten­der erscheinen lässt als die Gebilde des eigenen Kulturkrei­ses), der also - für heutiges Normbewusstsein erstaunlich genug - seinen Nabel am eigenen Körper zu suchen be­ginnt, der vielleicht schon erahnt, dass jede Selbstheilung mit einer Selbsterfahrung und Selbstfindung ihren Anfang nehmen muss - der greift zum keltisch-germanischen Geisteserbe. Aber auch hier wird ihm ein breites Sortiment vorgelegt von schier undurchdringlicher Widersprüchlichkeit. Bei sich selbst ist er noch lange nicht angelangt. Sein Weg nach Hause ist noch unverändert weit. In den Geheimnissen der alten nor­dischen Schriften sucht der Selbster­kenntnis­willige den reinlich-redlichen Rat der Runen. Doch die Ratlosig­keit will nicht enden. Zwar ist der Schüler willig und quält sich zwischen den konkurrierenden Angeboten hin­durch, er wird trotzdem kaum einen Lichtstreif am Horizont wahrnehmen. Er liest über unterschiedliche Runensysteme von 16, 18, 24, 25, 28 und 33 Zeichen. Was ist späte Zu­tat, was freie Erfin­dung der Neuzeit, was entschleiert sich als Irrtum, viel­leicht nur als Spaß am Ex­periment oder gar böswilliger Täuschung ? Wer schließlich mit etwas Glück erkennen durfte, dass nur ein einzi­ger ursprüngli­cher Runenzeichenverband von 24 Buchstaben belegbar ist, dem stellt sich die Frage, ob dieser rechts- oder linksläufig zu lesen und zu deuten sei.
 
Und nun beginnt das Schwimmen im Thema. Autoren von unterschiedlichstem Bildungsstand und unterschiedlichster Nationali­tät scheinen sich förm­lich einen Spaß daraus zu machen, den Runensucher aufs Glatteis zu führen. Sie stellen in größter Frei­zügigkeit die wahre, traditionelle Zei­chenrei­henfolge nach ihren Vorstellungen um, gestalten neu und deuten dann ihre eige­nen Projektionen und Botschaften her­aus: Runen oder Runenerklärungen würden der Weltkul­tur des untergegan­genen Atlantis entstammen, der jüdischen Kab­bala, einer vorgestern gewährten Audienz bei Gott Odin, den Nornen, altägyptischen Prie­stern, der Seth-Botschaft, den Sumerern, den Göttern vom Sirius, einer vorin­dogermanischen Glozel-Zivilisation, usw. usw. Sehr verständlich ist, wenn sich manche Leser - nach umfäng­lichem, unfruchtbarem Stu­dien - enttäuscht zurück­ziehen, indem sie die Hoffnung aufgeben, jemals festen Grund unter die Füße zu be­kommen. Natürlich kann es innerhalb eines Gedankenmodells jeweils nur ein einziges Strukturprinzip geben. Kein Schöpfer vermag in seinem Werk mehrere Baupläne gleich­zeitig zu verwirkli­chen. Es können folglich nicht meh­rere Ru­nenwahr­heiten nebeneinander in ein und demselben System vorhanden sein. Es gibt Verlage, welche ein halbes Dutzend Runenbücher im Sortiment führen; eines phantastischer und skurriler als das andere. Gezielte Desorien­tierung, was sonst ?!
 
Die erwiesenermaßen einzige direkte, bewusste Botschaft unserer keltisch-germanischen Ahnen ist aus dem rechts-beginnenden bzw. linksläufigen 24er-Runengefüge des ODiNG-FUÞARK zu erfahren. Mit mathematisch-gematrischer sowie ka­lendari­scher Sicher­heit erweist sich die Richtigkeit der Entschlüsselungsgrundlage und mithin der mythisch-philo­sophischen Aussagen des ODiNG-Wizzod. Wer schmerzhafte Fehlgänge vermeiden möchte und den sicheren Wegweiser zu seinen archetypischen Tiefen und Höhen sucht, hier ist er zu finden ! Dies erkannte auch jener Verlag, der 1993 das Buch „ODING-Wizzod - Gottesgesetz und Botschaft Runen“ veröffentlicht hatte. Er zog es einige Zeit später wieder vom Markt zurück, verzichtete auf weitere Ver­kaufsgewinne und stampfte die Restexemplare ein -, nachdem er von zwei fremdvölkischen Autoren auf die angeblich gefährli­che, völkisch-religiöse Bedeu­tung dieses Grundlagenwerkes aufmerksam gemacht wurde. Er ließ seine ungefährlich platte, systemimmanente Trivialliteratur im Programm (wie einige andere Verlage auch), die die Runen völlig realitätsfern und albern christlich fehldeuten, oder fantastisch sogar aus dem altjüdischen Seffirot-System abzuleiten versuchen. Die Wahrheit bleibt eine Rarität in dieser Welt, auch die Runen-Wahrheit ! -- Fast alle Machtbesitzer erachten die Wahrheit als größte Gefahr ! Und die Lüge muss in der Regel per Gesetz geschützt werden !
 
 
Bild: Der an den Dienst einer übergeordneten Macht gekettete Krampus-Dämon hat die Menschen fest am Schopfe und zerrt sie in das Selbstvergessen hinein, oder in den Wahn des Blendwerkes, oder in die Sümpfe der Seichtheit.