Die Körperformgrabaushöhlung im Agisterstein-Grabblock ist ein sog. Kopfnischengrab (diese haben eine besondere Ausformung für die Aufnahme des Kopfes) das nach bisherigem Forschungsstand in das 12. und 13. Jh. n.0 datiert wird. Der Inaugural-Dissertation von Tanja Potthoff „Die Godesburg - Archäologie und Baugeschichte einer kurkölnischen Burg“, 2009, entnehme ich auf Seite 37 Angaben zum Thema der Kopfnischengräber: „Anthropomorphe Grabgruben, in der Literatur in der Regel als Kopfnischengräber bezeichnet, lassen sich auf vielen Friedhöfen nachweisen und vom 8./9. bis 12. Jahrhundert datieren“, siehe dazu: Morken: HERRNBRODT 1957, 456. Lürken: PIEPERS 1981, 78-84. Während HERRNBRODT die Gräber von Morken zeitlich auf das 10. Jahrhundert beschränken möchte, merkt HINZ mit Verweis auf die dem spätromanischen Chor der Abteikirche Montmajour bei Arles (Frankreich) zuzuordnenden Gräber an, dass sich diese Grabform chronologisch nicht so eng begrenzen lässt: HINZ 1969, 110. Vgl. PIEPERS 1981, 78-84, der die Grabform allgemein vom 9./10. bis zum 12. Jahrhundert datiert. Für Ostfriesland, wo die Grabform ebenfalls verschiedentlich belegt ist, vgl. BÄRENFÄNGER 1997, 55-57.“ Diese Angaben sind aber der Weisheit letzter Schluss leider nicht ! Spanischen Angaben zufolge werden die u.a. auch anthropomorphen Felsgräber zeitlich meist zwischen dem 9. und 11. Jh. eingeordnet, allerdings werden sie von dem Geschichtswissenschaftler Alberto del Castillo Troncoso bereits in das 7. Jh. datiert. Sie müssen aber noch bedeutend älter sein, was - wie ich meine - der Verwitterungszustand etliche dieser Gräber zu erweisen scheint. Die Gretchenfrage bei der Beurteilung des Agisterstein-Kultgrabes bezieht sich auf das Alter der Anlage, die von kirchenchristlicher Seite in mehreren Publikationen als christlich und hochmittelalterlich beschrieben wird. Auf diese Schriften muss eigentlich nicht detailliert eingegangen werden, weil sie keinen Altersbeweis für ihre These beizubringen fähig sind. Ihr Argument lautet stereotyp, es handele sich beim Externsteingrab, um eine Nachbildung des Jesusgrabes in Jerusalem. Ein typisches Beispiel für die dreiste Verstiegenheit christlicher Interpreten sind die Ausführungen des römisch-katholischen Theologe und Kunsthistoriker Alois Johannes Fuchs, welcher in seinem Buch „Im Streit um die Externsteine - Ihre Bedeutung als christliche Kultstätte“, 1934, schrieb: „Das Felsengrab an den Externsteinen wurzelt als Bogennischengrab vollkommen in der christlichen Tradition.“ Das ist absolut falsch ! Der Agisterstein-Grabsteinfelsen weist in keinem wesentlichen Detail Gleichheit mit den in Frage kommenden Jesus-Gräbern (Grabeskirche, Golgata, Gartengräber) in Jerusalem auf. Die aufwendigen Gräber in Judäa waren mit Verschlusssteinen versehen, sie besaßen keine anthropomorphen Vertiefungen, sondern bankartige oder wannenartige Ablagen im Vorgrab.
Weder die Arkosolien also Rundbogen- noch die Kopfnischengräber des Hochmittelalters sind typisch christliche und kirchenchristliche Grabanlagen, sie beginnen erst - nach heutigem Kenntnisstand - sich bei wenigen Vermögenden aus den privilegierten Schichten nach der fränkischen Eroberung Sachsens einzuführen. Der Gedanke ist zwar überraschend und scheint recht gewagt, aber was spräche dagegen, das Agisterstein-Grab als den für diese Grabform vorbildgebenden Prototypen anzusehen ? Die altheidnische Tempelstätte hat mit Sicherheit, nach ihrem grandiosen, trimphalen Umbau zur christlichen Turmkapelle, Aufsehen erregt und Pilger wie Neugierige von weit her herbeigelockt. Dadurch könnte die bis dahin unbekannte, attraktive Form des Kopfnischengrabes in die damals eng vernetzten Klerikerkreise Europas gelangt sein. Man muss sich die Zeitläufe genau anschauen, um zu verstehen, dass mein vorgetragener Gedanke nicht völlig irreal ist: Im Jahre 776 zwang König Karl einen Teil der frankenfreundlichen Edelinge der Sachsen, mit ihm einen Vertrag zu schließen, danach wurde Sachsen als Reichsmark dem christianisierten Frankenstaat einverleibt. Nach dem Sieg der fränkischen Berufsarmee gegen die Bauernkrieger aus Sachsen mussten sich die Sachsen, unter Androhung von Todesstrafen, allesamt taufen lassen, sie huldigen aber noch lange zu einem großen Teil insgeheim ihren alten Göttern. In den Jahren 841-843 erhoben sich die unteren Stände des Sachsenvolkes im sogenannten „Stellinga-Aufstand“ und verlangten ihre alten heidnischen Rechte und Freiheiten zurück. Daraufhin ist im Jahre 843 das Reich „Karls des Großen“ im Vertrag von Verdun aufgeteilt worden und das Ostfrankenreich entstand, aus dem Deutschland hervorging. Schon der sächsische Verfasser der „Sachsengeschichte“, Widukind von Corvey (um 925-973), bekannte sich in vollem Stolz zum Heldentum seines Sachsenstammes. Der rasche Zerfall des Karolingerreiches, nach Kaiser Karls Tod, brachte schon im Jahre 911 dem Herzog von Sachsen, Otto der Erhabene, das Angebot, das Reich zu leiten und im Mai 919 - unter Zustimmung der Franken und Sachsen - wurde der sächsische Fürst Heinrich (876-936), aus dem Geschlecht der Liudofinger, zum ersten ostfränkisch-sächsischen König Heinrich I. ausgerufen. Die die politischen Reichs- und Kirchenangelegenheiten bestimmenden Oberschichten im Ostfrankenreich waren, trotz ihrer oft allzu groben und machtwilligen Weltlichkeit, christlich ideologisiert, was sie nicht hätte abhalten können, sächsische Vorfahren und Einrichtungen der Altväter zu achten und zu loben. Schamhaft verteufelt wurde die vorchristliche Vorzeit keinesfalls, denn man war stolz auf die Reichsleitung durch die sächsischen Liudolfinger, welche nach der Kaiserkrönung von Otto I. der Große (912-973) und dessen Sieg 955 über die Ungarn in der „Schlacht auf dem Lechfeld“, die gradiose Zeit der Ottonen-Kaiser einläutete, vom Jahr 919 bis 1024 (Otto I., Otto II., Otto III.). Nicht unbeachtet darf auch bleiben, dass es sich bei dem altsächsischen Vornamen Od-Odo-Otto (Urbedeutung: Seele, Stammgut) um keinen biblisch-jüdischen Namen, sondern um einen uralten zentralen Heilsbegriff aus der germanischen Eigenreligion handelt. Doch die große Anzahl von Kopfnischengräbern die wir auf der Iberischen Halbinsel finden, lässt unseren Blick und unser Sinnen über weitere europäische Räume gleiten. Und dazu gibt es eine absolute Berechtigung, denn schon zu megalithischen Zeiten gab es außerordentliche Völkerwanderungen von Haplogruppen, wie z.B. die Besiedelung Asturiens, Kantabrien, Galicien, also Nordwestspaniens, durch Nordmenschen. Dort siedelten auch viele Germanen, Westgoten (seit dem maurischen Sieg im Jahre 711) und von hier aus - einem Hort rein europiden Menschentums - hat sich die „Reconquista“, die Rückeroberung Iberiens gegen den islamisch-maurisch-afrikanischen Ausgriff erfolgreich vollzogen.
Die anthropomorphen (menschenkörperangepassten) Felsengräber Spaniens und andeswo, der oftmals größeren Begräbnis- und Weihestätten, werden zumeist in feiester Willkürlichkeit als „mittelalterlich“ (9. und 11. Jahrhundert) und „christlich“ definiert, obgleich eine Datierung, beim Fehlen von Grabbeigaben und Knochenresten, unmöglich ist. Offiziell heißt es in der jüngeren Netz-Enzyklopädie: „Trotz diversen Zweifeln an der Chronologie ist heute klar, dass die meisten in der Spätantike und im Mittelalter verwendet wurden.“ Die Nekropole „de Saelices-Castrillo de la reina“ (Burgos) besteht aus etwa dreißig Gräbern, die alle auf derselben felsigen Plattform ausgegraben wurden. Alle Gräber sind mehr oder minder deutlich von Südwesten (Kopflage) mit Blick nach Nordosten ausgerichtet. Sie werden - ohne dass man das ernst nehmen müsste - auf das 9.-11. Jh. geschätzt. Mehrere aus Fels gehauene Kopfnischen-Sarkophage finden sich bei der Nekropole „La Nava“ (südl. Burgos, Spanien), des angeblich 14. Jhs. Die Nekropole von Santiuste (Provinz Palencia, Kastilien-León) ist eine kleine Grabstätte, angeblich des 8. Jhs., bestehend aus fünf in den Sandsteinfelsen gehauenen Gräbern, die erwachsenen Personen entsprechen. Die Gräber sind symmetrisch und haben eine anthropomorphe Form, im Allgemeinen mit einem abgerundeten Kopf, einer Trapzoidbox und abgerundeten Fußenden. In einigen Fällen ist die Spitze mit dem Kopf wie ein Hufeisen geformt. Wie an vielen anderen Orten schien ein Felsvorsprung mit Blick auf das Ciruelos-Tal angemessen, um einen Toten in „La Covacha de las Monjas“oder „de los Moros“, einem kleinen Bauerndorf, zu Zeiten von Alfons III. (866-910), zu begraben. An diesem Ort, unter den Mulden und Leisten der Gesteinsmasse befinden sich ein Dutzend Gräber, die das einzige Überbleibsel einer ansonsten spurlos verschwundenen Siedlung sind. Keiner kann überzeugend sagen, wie alt die Gräber wirklich sind. Die Spanier nennen diese alten in den Fels oder aus Felsgestein gehauenen Grabtröge „Tumbas antropomórficas“ oder auch „Tumbas Olèrdolana“ (nach einer Ortschaft bei Barcelona) oder „Tumbas visigoticas“ (Westgoten-Gräber). Die kleine Nekropole, im Volksmund „Tumba del Moro“ genannt, östlich von Segovia (La Cabrera, Madrid) aus westgotischer Zeit, weist zehn Gräber auf, neun einfache und eines mit einem anthropomorphen Profil. Letzteres allein ist direkt aus dem Felsen herausgehauen und fast genau mit dem Kopf nach Norden ausgerichtet. Nach den Funden wurden die Gräber zwischen dem 6. bis 9. Jahrhundert datiert. Sie weisen eine ungefähre Länge von 1,85 Metern auf, eine Breite von 0,48 und eine Tiefe von 0,40 Metern. Darin wurden menschliche Skelettreste gefunden. In den Jahren von 494-506 erfolgt die Eroberung großer Teile der Iberischen Halbinsel durch die Westgoten. In mehreren Schüben wanderten sie in Spanien ein und siedelten sich in Innerspanien an, wie die großen Reihengräberfelder in Segovia, Madrid und Burgos zeigen. Diese Gräber - es sind etliche Kopfnischengräber darunter - lassen eine exaktere Datierung zu. Ich zitiere die Inaugural-Dissertation von Antonel Jepure, „Das westgotenzeitliche Gräberfeld von Madrona (Segovia)“, Textband, Würzburg / Madrid, 2006, wo über die in Madrona vorkommenden Varianten folgende Beurteilung gegeben wird; S. 50f: „Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass etwa eine anthropoide Innengestaltung, d.h. mit Kopfnische und Schulterbereich, für Bestattungen in Madrona sehr geschätzt waren, womit also der Innengrundriß ausschlaggebend für die Sarkophagwahl gewesen sein könnte.“ Der der Arbeit zugrunde liegende Fundstoff stammt aus den rund 660 Bestattungen des Gräberfeldes von Duratón, welches sich auf der kastilischen Hochebene befindet, unweit der Stadt Segovia gelegen. Auf den Seiten 53 bis 55 werden als Kopfnischengräber vorgestellt: Grab 137, 151,154, 198, 226 und weitere abgeschwächte Formen. Auf S. 78 weist der Autor darauf hin, dass Gräber zum Vorschein kamen, die teilweise quer zu ihren benachbarten Gräbern lagen, wobei es sich um es sich um SW-NO-orientierte (wie Agisterstein-Grab) und NO-SW-orientierten Bestattungen handelte. Wir haben hier die gesuchten Gräberform bereits aus dem 5. und 6. Jahrhundert vorliegen. Zumindest bei den in SW-NO-Gräbern Liegenden dürfte es sich um bewusste westgotische Heiden gehandelt haben. Das Ergebnis meiner Untersuchungen ist die Feststellung vom Fehlen einer wissenschaftlichen Monographie über Ursprung und Alter der Kopfnischengräber, wobei beispielsweise der Verwitterungsszustand einzelner Grabsteine geprüft werden müsste. Sind sie möglicherweise auf bedeutend frühere Enstehungszeiten zu datieren ? Sicher ist hingegen jetzt schon, dass diese Grabsteinformung bereits zur Westgotenzeit nachweisbar ist und nicht erst im Hochmittelalter.
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Westgoten-Zeit-Grab - Zeichnung von Antonel Jepure, Seite 53 - (Modena S. 90)
2. - Das uralt-urgläubige Kultgrab am Agisterstein
(Arkosolien - Rundbogengräber)