16.02.2026
- Vignette auf „Satan und Ischariot 2“
- in der Reihe der Illustrierten Reiseerzählungen.
Judith Silverhill
Karl May war kein Schwätzer, war kein Tor,
er hatte Geist, Fantasie und Humor.
So putzig wie er manche Typen beschrieb,
da wurden dem Leser die Zeilen lieb.
Man konnte sich kugeln vor Vergnügen,
Bei May musste immer das Gute siegen.
Das Arge und Ekle wurde verlacht,
so hat Karl May seine Reime gemacht.
Gut hat er sich umgeschaut im Land,
hat seine Mitmenschen gut erkannt.
Beschrieb ihre Schwächen und Stärken,
in allen seinen über achtzig Werken.
Im dreibändigen „Satan und Ischariot“,
beschrieb er seine heiße Jagd und Not,
mit den Verbrechern Thomas und Harry,
über die Kontinente, auf wilder Safari.
Dabei war ein ganz besonderes Früchtchen,
eine jüdische Diebin machte Geschichten.
Es ist die hübsche Judith Silverhill,
die sich nie bescheiden und bessern will.
Ein ganz und gar verkommenes Weib,
mit schwarzer Seele und glattem Leib.
Es geht um gestohlenes Erbschafts-Geld,
das ist ihr das wichtigste auf der Welt.
Auch Morde nimmt sie leicht in Kauf,
kein Schurkenstreich verhilft ihr auf.
Endlich hält sie der lange Dunker fest,
ihr Gaunerkumpan seine Dirne verlässt.
Die Millionen sind bei Old Shatterhand,
so endet das Stückchen im Ami-Land.
Der wahre Erbe kriegt sein Geld
Shatterhand bleibt des Westens Held.
Dreibändige Reiseerzählung von Karl May, die als Abschluss einer Trilogie (nach „Die Felsenburg“ und „Krüger Bei“) Old Shatterhand und Winnetou auf der Jagd nach den verbrecherischen Brüdern Harry („Satan“) und Thomas („Ischariot“) Melton zeigt. Die Schurken werden über Kontinente verfolgt, wobei der biblische Verräter-Bezug im Namen zentral ist.
Judith Silberstein, auch Judith Silberberg oder englisch Judith Silverhill, ist die Tochter von Rebekka und Jakob Silberstein. Die Mutter Rebekka ist verstorben. Sie ist etwa 18 Jahre alt begleitet ihren Vater auf der Reise nach Mexiko.
Judith Silberstein - von Claus Bergen
„Sie ist ein Mädchen mit orientalischen Zügen von ungewöhnlicher Schönheit. Der Anzug ... bestand aus Schnürstiefeln, weißen Strümpfen, rotem, mit dunklem Sammet umsäumtem Rocke und einem blauen Mieder, welches mit silbernen Hefteln und einer ebensolchen Kette geschmückt war. Ein kleines, mit einer Feder verziertes Hütchen saß auf dem vollen, in zwei Zöpfen hinten weit herabhängenden Haare. Diese Kleidung passte wohl mehr auf einen Maskenball“.
In ihrer deutschen Heimat verlobte sie sich mit dem Artisten Herkules, ließ diesen jedoch schon bald wegen eines Reserveleutnants „mit rotem Kragen und blitzenden Knöpfen“ sitzen, von dem sie wegen seiner Schulden aber auch bald nichts mehr wissen wollte. In Mexiko wird sie die Vertraute Harry Meltons, verrät den Herkules an ihn, als dieser nach seiner Flucht von Almaden alto noch einmal ihretwegen dorthin zurückkehrt. Sie hilft sogar ihrem Vater nicht, der auch im Bergwerk arbeiten muss (glaubt jedoch, er würde dort bevorzugt behandelt). Als sie sich dem Yumahäuptling „Listige Schlange“ zuwendet, wird auch sie ins Bergwerk gesteckt. Nach ihrer Befreiung durch den Ich-Erzähler Old Shatterhand hat sie kein Wort des Dankes für ihn. Sie will Listige Schlange heiraten, da dieser ihr Reichtümer verspricht. Sie folgt ihm auf ein „Indianerschloss“ (eine alten Aztekenburg) und lebt dann zeitweilig in San Francisco in einem Palast, wo es wegen ihrer zahlreichen Verehrer zu einem Streit kommt, bei dem der Häuptling erstochen wird.
In New Orleans lernt sie Jonathan Melton kennen, der ihr ebenfalls verfällt und ihr mit den erschlichenen Millionen imponiert. Auch nachdem sie von den Verbrechen der Meltons erfährt, hält sie zu ihnen. Dabei handelt sie nicht aus Zuneigung; es geht ihr nur um den Reichtum. Am Ende entgeht sie auffälligerweise jeder spektakulären „Bestrafung“ und wird mehr oder weniger sang- und klanglos ihrem Schicksal überlassen - man könnte auch sagen, Old Shatterhand hat mit dem Thema abgeschlossen und sie, auch innerlich, gehen lassen.
Dunker machte kurzen Prozess mit ihr; sie wurde gebunden und in eine Schlafdecke gewickelt; die zwei Nijoras, welche ihm dabei halfen, hoben sie zu ihm aufs Pferd und ritten mit ihm davon. [...] später wurden wir von Dunker eingeholt – er hatte sich, wie er lachend erklärte, der Lady mit Eleganz entledigt und sie einigen sehr roten Gentlemen anvertraut – Später treffen wir, als letztes zu dem Thema, noch auf die verräterische Formulierung: Judith hat nie wieder von sich hören lassen.
Hintergrund: Bekanntlich hatten etliche, wenn nicht alle Figuren in Karl Mays Erzählungen ihre Vorbilder in seinem realen Leben, man denke z. B. an den Anstaltsgeistlichen Kochta als Vorbild für den Bruder Jaguar, oder Murad Nassyr als Verkörperung des Verlegers Münchmeyer. Wer für Judith Silberstein Pate gestanden hat, wissen wir nicht. Die Dame ist durchtrieben bis in den Grund und verdreht mal diesem, mal jenem den Kopf, aber der geneigte Leser hat trotzdem immer den Eindruck, dass sie durchaus eine gewisse Faszination auf Old Shatterhand ausübt. Dumm ist sie jedenfalls nicht, und ihre Kälte hat zwar nicht Old Shatterhand, aber dessen Erfinder durchaus auch in sich.“