09.11.2025
LIEBT EUCH !
Kindlein liebt Euch, liebt Euch sehr,
liebt des Leibes Lustverkehr !
Beißt ins Fleisch die Wollust-Spinne,
erwachen Sehnsucht, Trieb und Minne.
Lasst die Sinne zwanglos tanzen,
stört Euch nicht an Vorwurfs-Wanzen.
Liebes-Sucht war nie ‘ne Sünde,
dafür gab's nie echte Gründe.
Vergesst der Christen Leibes-Hassen,
damit beschwatzen sie die Massen.
Kein deutscher Gott hat Lust verboten,
der Bibel dienten jeh nur die Devoten.
Die „Zehn Gebote“ sind ein Schmarrn,
sie krochen aus Herrn Moses Darm.
den Dampf hat er nur ausgeschieden,
stellte den Wüsten-Geist zufrieden.
Wir ehrten niemals Wüsten-Geister,
gelten sie sonstwo auch als Meister.
Des Orients Götter sind uns gleich,
im deutsch-germanischen Geisterreich.
Germanische Götter sind sinnenfroh,
mit Anstand und Sittenpflicht sowieso.
Bei wohler Achtung jedweden Weibes,
mit Danksagung des labenden Leibes.
Vom Liebesverbot ist nirgends zu lesen,
Minnegesang zeigt deutsches Wesen.
Allein die christlichen Narren beichten,
„unkeusche Gelüste“ einzudeichen.
Gestehen den Pfaffen geiles Verlangen,
die selbst Unterleibs Trieben anhangen.
Vergesst den kirchlichen Sünden-Wahn,
gebt gesunden Impulsen freie Bahn !
Die christenkirchlichen „7 Todsünden“ sind: Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit. Sie stellen eine Liste von menschlichen Grundhaltungen dar, die im katholischen Glauben eine verunholdete Rolle spielen. Zusammen mit der Völlerei („Gula“) gehört die Wollust („Luxuria“) zu den „fleischlichen Todsünden“, die den restlichen fünf geistigen gegenübergestellt werden. Die Stunde der Wollust sei der frühe Morgen, verkündete Evagrios Pontikos, der christliche Mönch („Wüstenvater“) bereits im vierten Jahrhundert. Als Wochentag war ihr der Freitag zugeordnet, als Gestirn die Venus (Frija-Tag).
Die Bibel ist voller widerlicher Sexualität – doch mit dem Sex hatte die Kirche schon immer Probleme. Noch heute wird sie von Vielen als reine „Spaßbremse“ wahrgenommen, die ihren Gläubigen die Freude im Bett nicht gönnt. Jüngst warf der schweizerische Theologe Alberto Bondolfi den dominanten Religionen vor, Sexualität viel zu biologistisch zu sehen. Mit Blick auf die katholische Kirche ist der Vorwurf nicht von der Hand zu weisen.
Weitreichenden Einfluss auf die Haltung der Kirche hatte der sogenannte Heilige und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354-430), obwohl der in seiner Jugend ein bekannter Schürzenjäger gewesen ist. Für ihn war Sexualität etwas Sündhaftes, dabei hatte er vor allem die sexuelle Lust im Blick. Diese Einstellung erklärt sich aus seinem Lebenslauf: Bevor Augustinus Christ wurde, hing er dem Manichäismus an. In dieser Religionsströmung wurde alles Körperliche verteufelt und Askese gepredigt. Der vergeistigte Mensch galt als Ideal. Diese Einstellung brachte Augustinus nach seiner Konversion in das Christentum ein. Er fand: Alles, was nicht der Vernunft gehorcht und sich ihr unterordnet, ist sündhaft. In seinen „Bekenntnissen“ beschreibt er recht detailliert seine Erfahrung, dass sich Sexualität nicht der Vernunft unterordnet – denn bei ihr verliert der Mensch die Kontrolle über seine Körperfunktionen. Deswegen war sein Urteil extrem: Sexuelle Lust ist Sünde. Aus seiner Sicht hatte Sexualität nur in einer Hinsicht eine Berechtigung: Wenn es einem Ehepaar in diesem konkreten Moment um die Zeugung von Nachkommen ging. Sonst degradiere Man(n) die Ehefrau zur „Dirne“, christlich überspitzter Unsinn also.
Als ein fanatischer und durchsetzungseifriger Theologe seiner Zeit verbreitete sich Augustinus‘ Lehre zum Leidwesen der Gemäßigten sehr schnell. Trotzdem wurde sie nach und nach, auf den Druck der Gemeinden hin, relativiert – man könnte auch sagen „aufgeweicht“. So galt Sex ab der Neuzeit auch in Ordnung, wenn man nicht unbedingt ein Kind zeugen wollte. Man durfte es nur nicht willentlich ausschließen ! Der katholische Glaubensdruck blieb also trotzdem. Diese Frage stellte sich wieder, als der Zyklus der Frau immer weiter untersucht wurde und bestimmt werden konnte, an welchen Tagen sie fruchtbar war und an welchen nicht.
Was hieß das für die kirchliche Sexuallehre? Nachdem mehrere Beichtpriester eine entsprechende Anfrage an den Vatikan geschickt hatten, entschied die Apostolische Pönitentiarie: Man sollte Ehepaare in dieser Frage nicht unnötig verunsichern. Papst Paul VI. ließ die „Kalendermethode“, nach überlangen Bedenken als legitime Verhütung zu. Gleichzeitig verurteilte er jedoch die damals aufkommenden chemischen Verhütungsmittel – weshalb er weithin auch als „Pillen-Paul“ bekannt wurde.