29.10.2025
Johannes Bückler, genannt „Schinderhannes“ (1778-21.11.1803).
DER SCHINDERHANNES
Der Räuber Johannes Bückler, auch als „Schinderhannes“ bekannt, galt als Robin Hood des Hunsrücks. Doch der Vagabund war nicht in Gänze fleckenlos und ehrenhaft, was der englische Robin Hood ebensowenig war.
Noch heute faszinieren der englische wie der deutsche „Robin Hood“ die Gemüter. Die Outlaws, welche von den Reichen stehlen und ihre Beute den Armen schenken, sind ein alter Traum der nach Gerechtigkeit suchenden Träumer und linken Fanatikern. Also ein schlitzohriger Verbrecher mit Sinn für soziale Gerechtigkeit, der den Tyrannen auf der Nase herumtanzt.
Doch was ist dran an der Legende? Hat es sie wirklich gegeben, den noblen Banditen? Wie hat sich Robin Hood über die Jahrhunderte verändert? Die Frage nach der Historizität Robin Hoods bewegt noch immer die Gemüter. So gibt es zahlreiche Theorien über mögliche historische Vorlagen des legendären Bandenführers. Keine dieser Theorien kann eindeutig bewiesen oder widerlegt werden. Auf der Suche nach dem historischen Robin Hood werden zunächst die mittelalterlichen Strafregister durchstöbert. Zum Glück wurden diese akribisch geführt und sind zu großen Teilen noch erhalten. Und siehe da: Vom 12. bis ins 14. Jahrhundert gab es immer wieder Verurteilungen von Verbrechern mit verdächtig klingenden Namen. So wurde ein gewisser Robert Hod 1354 für Landfriedensbruch und Wilderei verurteilt. Auch weiß man um die Existenz eines flüchtigen Robert Hod um 1225 in Yorkshire, der in einem späteren Dokument „Hobbehod“ genannt wird. 1262 taucht William Robehod auf, ein flüchtiges Mitglied einer Bande in Südengland. Könnten diese Verbrecher die Inspiration für die spätere Legende sein? Oder waren diese Namen einfach sehr gängig? Das hohe Aufkommen von Robin Hoods unter mittelalterlichen Verbrechern könnte aber auch bedeuten, dass Banditen den Namen als Pseudonym verwendeten. Wenn sich Verurteilte schon so früh mit dem legendären Namen schmückten, hieße das, dass die Legende sehr viel älter ist als gedacht. Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer wieder Versuche unternommen, die Authentizität des Outlaws zu beweisen. Im frühen 18. Jahrhundert wurde ein angebliches Grab gefunden.
Es wird auf 1247 datiert und befindet sich in Kirksley, dem Ort, an dem Robin Hood, der Legende nach, im Hinterhalt ermordet wurde. Die Echtheit des Fundes wird von Historikern stark angezweifelt. Nur eines ist sicher: Über die Jahrhunderte vermischten sich Fakt und Fiktion derartig, dass das Rätsel um Robin Hoods wahre Identität wohl für immer ungelöst bleiben wird.
Die allererste literarische Erwähnung findet Robin Hood im späten 14. Jahrhundert in William Langland’s „Piers Plowman“. Die allegorische Erzählung gilt als eines der wichtigsten Werke der frühen englischen Literatur. Die Figur war also schon im 14. Jahrhundert längst legendär. Eine Reihe von Balladen aus dem 15. Jahrhundert erzählen erste Fassungen der Geschichte. Es ist ein vor-moderner Robin Hood, der mit der heutigen Vorstellung vom noblen Ehrenmann nicht viel gemein hat. Ganz im Gegenteil: Der frühe Robin Hood ist ein gewalttätiger und grausamer Dieb. Er und seine Gefolgschaft – unter ihnen namentlich auch Little John – morden und rauben im Sherwood Forest. Das Teilen des Diebesguts kommt ihnen nicht in den Sinn. Doch teils ähnelt schon der frühe Robin Hood der heutigen Version. Er hat den Sheriff von Nottingham zum Feind, ist ein talentierter Bogenschütze und Schwertkämpfer und hat einen unterhaltsamen Hang zur Trickserei, Komik und Verkleidung.
Im 16. Jahrhundert wird Robin Hood endgültig zur ländlichen Folklore. Zum Maifest werden Robin-Hood-Spiele ausgetragen: Dorfbewohner verkleiden sich und spielen die Geschichten um den antiautoritären Banditen und seine Merry Men nach. Zu dieser Zeit tauchen auch Friar Tuck und Maid Marian erstmals in der Legende auf – wohl mit dem Zweck die Kirche auf die Schippe zu nehmen und dem Helden eine romantische Note zu verleihen. Es wird daraufhin üblich, Robin Hood als treuen Anhänger von König Richard Löwenherz darzustellen. Ist er in den Balladen noch eine Figur, die sich gegen jede Autorität auflehnt, ändert sich das nun schlagartig. Mit dem neuen Feindbild in King John, der den Thron in Abwesenheit seines Bruders übernimmt, klagt Robin nun unrechtmäßige Macht an. Die Legitimität der Monarchie wird nie in Frage gestellt, sondern durch Robin als Diener des „wahren“ Königs eher noch gestärkt. Spannenderweise bekommt Robin Hood in jener Zeit selbst einen Adelstitel verliehen. In den früheren Überlieferungen hatte Robin noch dem Stand der Freibauern angehört - ohne jeden durch Blut legitimierten Anspruch auf Land und Gut. In den späteren Versionen wird er nun zum in Ungnade gefallenen Adeligen. Das subversive Potential der Figur, die sich gegen jede Form der willkürlichen Machtausübung richtete, wird also umgekehrt. Robin Hood wird zum nationalen Helden, der die Werte des gerechten Monarchen gegen Korruption verteidigt. Er wird ein Bestandteil der englischen Populärgeschichte, ein Held, der Bauern und Adel miteinander vereint und einer gesamtenglischen Identität Stärke verleiht. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich Robin Hood vom mordenden Banditen zum schlitzohrigen Trickbetrüger und schließlich zum gerechten Adligen. Es zeigt sich: Es gibt nicht den einen Robin Hood. Nein, der Mythos ist wandelbar. Er verändert sich mit der Zeit und passt sich den Umständen der jeweiligen Epoche und den Sehgewohnheiten des Publikums an.
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Juliana (Julchen) Blasius (22.08.1781- 03.07.1851), Geigenspielerin und Bänkelsängerin, war die letzte Räuberbraut des Johannes Bückler, mit dem sie drei Jahre zusammen lebte und von dem sie den Sohn Franz Wilhelm bekam.
Ähnlich verhält es sich auch mit einem deutschen Räuberhauptmann. Er lebte in einer schlimmen Zeit und nicht wenige kamen aufgrund ihrer Armut auf Abwege. Für viele Betrachter gilt der als „Schinderhannes“ bekannt gewordene Johannes Bückler als der Robin Hood des Hunsrücks. Er stahl, raubte Kutschen der Reichen aus und überfiel deren Häuser. Er wurde tatsächlich vom biederen Volk wie ein Held verehrt. In Simmern gibt es sogar ein kleines Denkmal aus Bronze von ihm. Mit der ebenso wenig edlen Räuberlegende aus dem Nottingham Forest hat der „Schinderhannes“ sehr viel gemein.
Auch Johannes Bückler war der Kopf einer wechselnden Räuberbande, die Ende des 18. Jahrhunderts in weiten Teilen des Hunsrücks, gewisse Bevölkerungskreise, in Angst und Schrecken versetzte. Johannes wurde wohl um 1777 im heutigen Miehlen geboren. Er wuchs zu Beginn der chaotischen sogenannten Franzosenzeit auf, als französische Truppen den Hunsrück und weitere Gebiete links des Rheins 1794 besetzt hielten. In den Kriegsgebieten lag die öffentliche Ordnung am Boden, französische Soldaten zogen plündernd und unbedenklich mordend durch die Region. Vielen in der Bevölkerung mangelte es am Nötigsten, weshalb sich etliche mit Diebstählen durchschlugen. So auch Johannes Bückler, der im Alter von 19 Jahren erstmals im Hunsrück verhaftet wurde, nachdem er ein paar Hammel gestohlen hatte. Doch er konnte entkommen und wurde fortan per Steckbrief gesucht. Schließlich schloss er sich Diebesbanden bestehend aus anderen entflohenen Sträflingen und ehemaligen Soldaten an. Es dauerte nicht lange, bis Johannes Bückler zum Anführer einer der berüchtigtsten Diebesbanden dieser Zeit wurde. Der dicht bewaldete Hunsrück bot zahlreiche Möglichkeiten, um unterzutauchen oder Hinterhalte für durchziehende Händler zu legen. Weil er in seiner Jugend Knecht eines Abdeckers, also eines „Schinders“ war, erhielt er den Spitznamen „Schinderhannes“.
Hannes schloss sich entflohenen Sträflingen, Bettlern und ehemaligen Soldaten an, die in Scharen durch die Wälder und über die Landstraßen der Kriegsgebiete am Rhein zogen. Mit solchen Weggefährten stahl „Schinderhannes“ mitunter Pferde aus entlegenen Bauernhöfen. 1799 ging er den Gendarmen erneut ins Netz, entkam aber aus dem Gefängnisturm von Simmern: Seine Flucht mit einem aus Stroh gedrehten Seil war so spektakulär, dass die Gauner der Gegend ihn fortan als Helden verehrten und häufig zu ihrem Anführer bestimmten. Bückler wurde tollkühner, lauerte Händlern nach Markttagen auf und griff schließlich fahrende Kutschen am hellen Tag an. Dabei arbeitete er, verständig und schlau, an seinem relativ seriösen Ruf. Er selbst soll es gewesen sein, der die Legende vom gewissenhaften Gauner ersonnen hatte:
Bei Überfällen trennte er manchmal Händler in Juden und Christen - und ließ den Getauften ihren Besitz. Denn nur gegen die Juden führe er Krieg, verbreitet er; Arme und christliche Bauern hätten nichts zu befürchten. Im Volk kursieren bald fantastische Geschichten über einen schillernden Räuberhauptmann mit edlem Herzen. Bückler kleidete sich stets nach der neuesten Mode, gab sich Frauen gegenüber als Charmeur und unterzeichnete Erpresserbriefe an Bauern und Müller mit „Johannes durch den Wald“ - wohl, weil es verklärender klingt als Schinderhannes. Einem jungen Mädchen, heißt es, habe er durch den Wald geholfen, weil es Angst vor Räubern gehabt habe, und sich erst am Ende des Weges zu erkennen gegeben. Er soll, so ging das Geraune, seine Opfer bei Überfällen in Juden und Christen unterteilt haben und nur die Juden ausgeraubt, denn diese hatten traditionell einen übel beleumundeten Ruf als Hehler- und Diebesgesindel, wie es in vielen Spruchweisheiten und Volksmärchen festgehalten wurde: „Trau keinem Wolf auf grüner Heid‘ und keinem Jud' bei seinem Eid !“ Es wurde unterstellt, zusammen mit Bückler hätte sich seine Gefährtin Julchen Blasius mehrfach – teilweise in Männerkleidung – an brutalen Überfällen beteiligt, bei denen die Opfer – wie der jüdische Textilhändler Wolff Wiener im August 1800 in Hottenbach – zum Teil auch gequält worden wäre. Es heißt, aus einem Teil der geraubten Stoffe seien Kleider für Juliane Blasius gefertigt worden. Dem widersprach der Schinderhannes energisch, indem er wiederholt angab, Julchen geraubt zu haben, welche an allen Untaten völlig schuldlos sei. Das spätere Gericht glaubte ihm und verhängte gegen Julchen nur eine geringe Strafe von zwei Jahren Haft. Juliana Blasius blieb, nach Ausweis entsprechender Berichte, bis ins Alter eine adrette, gepflegte, hübsche und fidele Frau. Ihr Sohn wurde Soldat in österreichischen Diensten.
Auf dem Höhepunkt seiner Macht um 1800 hielt sich Bückler, mit Freundin Blasius und seiner Bande, auf der halb verfallenen Schmidtburg im Hahnenbachtal oberhalb von Kirn auf. Die Burg war seit der französischen Annexion 1795 von ihren Besitzern verlassen worden. In ganz Kallenfels, Hahnenbach, Sonnschied und Griebelschied kannte man den Aufenthalt der Räuber, verriet jedoch nichts den Behörden. Im nahegelegenen Dorf Griebelschied feierte die Bande in einem Gasthof, mit den Schönen des Dorfes, sogar einen öffentlichen „Räuberball“. Eine Schwester von Julchen war mit einem von Bücklers Spießgesellen liiert. Noch in späteren Jahren erzählte Julchen gern Anekdoten aus ihrer „Räuberzeit“ und es sei die beste Zeit ihres Lebens gewesen. Daran ist abzulesen, dass sich die Räuber durchaus ehrenhaft ihren Mädchen gegenüber verhielten und alles andere als verkommene, primitive Burschen waren.
Es folgten zahlreiche Raubüberfälle, vornehmlich auf Juden. Die Räuber wurden immer dreister und zogen auch über ihr Stammgebiet hinaus ins Saargebiet. In einer Septembernacht 1801 zu Staudernheim tanzte flackerndes Fackellicht über die Fassaden der Hauptstraße. Vier Männer mit Fackeln marschierten durch das Dorf im Hunsrück zum Haus der jüdischen Krämerfamilie Löw. Dort wuchteten sie einen Baumstamm hoch und rammen damit die Haustür ein. Eine der Gestalten blieb als Wache zurück, die anderen stürmten in das Gebäude, mit Messern zwischen den Zähnen. Sie rafften Schmuck und silbernes Geschirr zusammen und zwangen die Löws, ihr Geld herauszugeben. Niemand im Haus wagte Widerstand. Ohnmächtig sah die fremdländische Händlerfamilie mit an, wie ihre Habe in die Hände eines der berüchtigsten damaligen Räuber fiel. Doch der Lärm, den Bückler und seine Gehilfen verursachten, riss den Bürgermeister des Dorfes aus dem Schlaf. Er lieh sich die Flinte eines benachbarten Jägers, lief mit einigen Männern zum Tatort und feuerte auf den Wachposten der Räuber. Schinderhannes sprang mit seinen Kumpanen über die Gartenmauer und floh in die Dunkelheit. Zum ersten Mal scheitert ein Überfall des berüchtigten Räubers an der massiven Gegenwehr einer Amtsperson.
Solche Taten brachten dem Schinderhannes Sympathien bei den ärmsten Bevölkerungsteilen ein, weil in den Dörfern zwischen Mosel und Rhein der Franzosenterror herrschte und scheinbar kein Gesetz und keine deutsche Ordnung galt. Seit neun Jahren führten Europas Monarchen Krieg gegen den französischen Agressor. Ihre Armeen wälzen sich ab 1792 durch die deutschen Lande über den Rhein. Bis 1795 besetzten übergriffige französische Militärs das Gebiet links des Rheins, den Hunsrück, Trier, Aachen und Koblenz.
Um 1800 begann die Schinderhannes-Bande auch Wohnhäuser im Hunsrück zu überfallen. Ein großer Teil ihrer Unternehmungen richtete sich dabei wiederum gegen Juden. Bei Angriffen auf diese Bevölkerungsgruppe war kaum Einmischung von christlichen Nachbarn zu erwarten. Die Franzosen fahndeten bereits nach den Dieben und stellten ein Jahr später eine Polizeitruppe auf. Als ab 1801 allmählich mehr Frieden am Rhein einkehrte, richteten die Franzosen eine neue Polizeitruppe ein. Zudem befahlen sie den Bürgermeistern im Hunsrück und in der nördlichen Pfalz, Bürgerwehren aufzustellen: Der Kampf gegen das Räuberwesen begann nun intensiv. Bückler schickte noch einmal Bauern und Müllern Erpresserbriefe: Wer nicht zahlt, dessen Anwesen werde in Flammen aufgehen. Tatsächlich aber war die Zeit der Banden in Deutschland vorbei, spektakuläre Überfälle wurden zur Seltenheit. Auch bei dem einst furchtlosen Räuberhelden wachsen die Bedenken, wie es wohl ausgehen würde. Häufig setzt sich Bückler über den Rhein in die deutschen Lande ab, wohl in dem Glauben, dort weniger gesucht zu werden. Ein Irrtum. Am 31.05.1802 wurde er auf einem Feldweg im Taunus von einer Polizeistreife angehalten. Weil er sich nicht ausweisen konnte, nahm ihn der Amtmann fest. Erst eine Woche nach der Gefangennahme wurde klar, dass die Polizei einen der Meistgesuchten aufgegriffen hatte. Am 16.06. lieferten die deutschen Behörden Bückler an die Besatzer-Franzosen aus.
Ein Gericht verurteilte ihn wegen der Beteiligung an mehr als 50 Vergehen - darunter drei Morde, 20 Raubüberfälle und 30 Diebstähle - zum Tode. Mainz, 21.11.1803. Auf dem Hinrichtungsplatz oberhalb der Stadt leuchtet eine rote Guillotine, umstellt von 300 Soldaten. Seit Stunden warten Zehntausende Schaulustige auf die Verurteilten: Bückler und 19 Komplizen. Flugblätter erzählen die Geschichte vom edlen Räuber Schinderhannes; nicht wenige Zuschauer sahen in ihm einen Volkshelden. Endlich kündigten dumpfe Trommelschläge die fünf Leiterwagen mit den Verurteilten an. Auf dem ersten saß Schinderhannes, mit einem roten Hemd bekleidet - dem Zeichen des Mörders. Er wirkt gelassen, als er auf die Guillotine stieg: „Ich sterbe gerecht, aber zehn von meinen Kameraden verlieren das Leben unschuldig. Das ist mein letztes Wort“, ruft er der Menge zu. Dann verbeugt er sich, wie ein beliebter Volksschauspieler, dessen Stück bravorös beendet war.
Das Finale des Musicals Julchen (Schinderhannesfestspiele 2010)
greift den Mythos Schinderhannes nochmals auf
und verklärt auch die Liebe zwischen Hannes und Julchen:
Julchen & Hannes
Das Julchen und der Hannes,
im Augenblick begann es.
Grad wie ein Zaubertrick,
Liebe auf den ersten Blick.
Wer hätt’s den beiden zugetraut,
dem Räuber und der Räuberbraut,
dass sie trotz aller Schwierigkeiten,
sich lieben konnten in den Zeiten,
und für sich ein kleines Stück,
abschneiden vom großen Glück.
Denn wie von unsichtbarer Hand,
verbindet sie ein Liebesband.
Es lässt sie leben, hält sie fest.
Die Geschichte kennt den Rest.
Nur drei Sommer währt die Liebe.
Verrat ist was für Tagediebe,
und ein scheußliches Komplott,
führt den Hannes auf’s Schafott.
I: Doch Liebe kann unsterblich sein,
sie gräbt sich ins Gedächtnis ein,
der Mythos trägt die Liebe weiter,
Gedanken sind wie goldene Reiter. :I
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DER SCHINDERHANNES
Johann Bückler, Schinderhannes,
manche sagten: „Ja der kann es,
nimmt den Reichen, gibt den Armen,
denen will er sich erbarmen !“
Schlimme Zeiten stehn im Lande,
gepresst von der Franzosen-Bande.
Linksrheinisch schröpfen sie die Gaue,
dass sich deutsches Leben staue.
Die fremden Soldaten requirieren,
das arme Volk ist am Krepieren.
Lastträger haben nichts zu lutschen
und die Krämer fahr‘n in Kutschen.
Mancher Rächer wird zum Räuber,
nicht jeder Kerl gerät zum Täuber.
Trotz und Gewalt bestimmen Zeiten,
still bleiben nur die Ganzgescheiten.
Der Hannes führte seine Rotten,
wenn auch die Behörden spotten,
zur Räuberfahrt im Soonewald,
die Wetter waren nass und kalt.
Das Räubern war kein Hönig-lecken,
Franzosen lauerten hinter Hecken.
Doch Hannes lud die Gesellen all,
auf die Kirner Ruine zum „Räuberball“.
Da floss der Rote, dampfte Braten,
sie lachten froh der dunklen Taten.
Der Hannes und sein Julchen, fein,
durften noch einmal glücklich sein.
Sie führten Krieg gegen die Reichen,
fette „Geldkatzen“ auszustreichen.
Feind war‘n die Franzen und der Jud,
das ging auf Dauer schwerlich gut.
Schon bald ergriff den Hans ein Jäger,
im Taunus war das Amt nicht träger.
Man quetschte sein Geständnis raus,
da kam was zusammen, Ei der Daus !
Alle Taten kamen ans Tageslicht,
von denen das Volk bis heute spricht.
Das war nicht in des Hannes Sinn,
man lieferte ihn den Franzosen hin.
Im okkupierten Mainz stand die Guillotin,
da mussten die deutschen Täter hin.
Dreissigtausend Zuschauer kamen dazu,
wünschten den Räubern die Ewige Ruh‘.
PS: Wie nicht anders zu erwarten, schrieb der judenstämmige Carl Zuckmayer ein stark schmähendes Schinderhanneslied.