09.04.2026

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 Steindrucktafel: »Idee einer mimischen Runenschrift« von Anton August Glückselig (Legis 1829: Tafel II c)

Ein Dr. Alexander H. Schwan (1973-) von der „Freien Universität Berlin“ bemühte sich in einem von „völkisch-germanischen“, also rassistischen Vorurteilen getragenen Artikel, nämlich dem „Runentanz als Skandalon der écriture corporelle“ in „Tanz der Dinge/Things That Dance“ (2019), zu erforschen und rannte damit, was den Kern der Frage anbelangt, offene Türen beim modernen Heidentum ein. Ich gehe streckenweise auf die Darlegungen von Schwan ein und kommentiere ihn. Da heißt es: „Der Runentanz wird als Skandalon der „écriture corporelle“ (körperlichen Schrift) verstanden, da er durch die Einnahme runenartiger Posen versucht, den Körper zu einer lesbaren Schrift zu machen.“ Kernpunkte des „Skandalons“ seien: „Lesbare Schrift: Der Runentanz zielt darauf ab, den Körper in eine veritabel Weise lesbare écriture corporelle zu transformieren. Die Provokation liegt in der Verbindung von Körper, Tanz und Schrift, die oft als rassistisch oder rassistisch-esoterisch konnotiert (Runengymnastik) wahrgenommen wird. Der Tanz wird als flüchtige Schrift im Raum wahrgenommen, die den Tanz der Dinge durch Runenposen darstellt.“ Schmunzelnd darf man bemerken: A.H. Schwan geht die minimalste Selbstreflexion ab, indem ihm sein eigenes Rassismus-Vorurteil gegen die „völkisch-germanische Weltanschauung“ absolut unbemerkt bleibt.

„Die von Marby und Kummer konzipierte Runengymnastik ist auf einer zutiefst rassistischen, völkisch-germanischen Weltanschauung gegründet, verbunden mit okkulten Annahmen und pseudowissenschaftlichen Ideen. So werden die Runen als metaphysische Entitäten konzipiert, denen je nach Zeichen spezifische Heilkräfte bis hin zu epigenetischer Modifkation zugeschrieben werden. Durch das Nachstellen der Runen in der Gymnastik und das langsame Aussprechen, bzw. »Raunen« (Marby 1989: 17) der Runennamen übertrage sich ihre Heilkraft auf die Personen, die die Buchstaben verkörpern. Lediglich mit einem Lendenschurz bekleidet, vorzugsweise aber nackt und im Freien ausgeführt, sollen mit der Gymnastik diverse, auch schwere körperliche Krankheiten geheilt werden. Der völkische Kontext ist dabei immer manifest, entweder als Ausschluss aller nicht-arischen Menschen von der Praxis des Runenstellens oder aber der Annahme, dass die Runen ihre Heilkraft nur bei Ariern entfalteten, auf alle anderen Menschen aber negative, ja zerstörerische Auswirkungen hätten. In besonders perfider Weise verficht Marby gar die Idee einer »Aufrassung« (Marby 1935a; 1935b) durch das Nachstellen von Runen. Dies ist an Marbys Vorstellung gekoppelt, dass überall im germanischen Siedlungsraum alte und vergessene Tanzplätze, sogenannte »Rosengärten« (Marby: 1935b) existierten, an denen früher regelmäßig Runen gestellt worden seien. Indem Marby die Wörter Rasse, Rosen und Runen in einen konstruierten etymologischen Zusammenhang setzt, propagierte er ein Wiederaufleben dieses alten Runenstellens als Grundlage für ein Wiedererstarken der angeblichen germanischen Rasse. In einer ähnlich konstruierten Pseudo-Geschichtsschreibung zum germanischen Tanz spitzt Siegfried Adolf Kummer dieses Runenstellen schließlich zu Runentänzen zu. Mit fingierten Tacitus-Bezügen und einer Rückverlagerung zeitgenössisch-ästhetischer Polemik in das Konstrukt eines arischen Tanzes heißt es bei ihm:

Ausgehend von der Grundannahme, dass die Gestalt von Runen über Körperstellungen nachgeahmt werden kann, konzipiert Kummer verschiedene Runentänze, mit genauen Vorgaben, wie einzelne Runen zu tanzen seien. Das Ziel ist hierbei keine künstlerisch überzeugende Bewegungsabfolge, sondern ähnlich wie beim Runenstellen eine meditativ-therapeutische Wirkung, hervorgerufen durch die als metaphysische Entitäten konzipierten Runen selbst. Im tänzerischen Vollzug, etwa im Kreisen um sich selbst mit ausgebreiteten Armen zur Visualisierung einer Kreuzrune, übertrage die Rune auf den Tanzenden angeblich eine spezifsche positive Wirkung. Solche getanzten Runen können auch gelesen werden, wobei analog zur esoterischen Aufladung des gesamten Konzepts die Körperfgurationen nicht erst im Blick der Betrachtenden als écriture corporelle wahrgenommen werden, sondern die Runen sich selbst der Wahrnehmung anbieten. So kann Kummer eine grundsätzliche Lesbarkeit der Tanzschrift »von links nach rechts« (1932: 104) denken, der er ohne jede Problematisierung oder Erklärung eine nichtentziffernde Rezeption zur Seite stellt, bei der »man die Runen von rechts nach links erfühlt« (1932: 104). Bei diesen in freier Natur ausgeführten Runentänzen unterscheidet Kummer kaum zwischen Produktions- und Rezeptionsebene. Auch die grundsätzliche Ausrichtung der Tanzenden mit dem Gesicht nach Norden dient nicht primär dazu, dass hinter ihnen aufscheinende Sonnen- oder Mondlicht zur Silhouettierungen ihrer Körper einzusetzen und so die Gestaltwahrnehmung der gestellten Runen zu erhöhen. Die Nordausrichtung der Körper ist vielmehr esoterisch-ideologisch motiviert und kann, als »höchste Mysterienart der Runenstellungen« (1932: 104), auch so abgewandelt werden, dass ein Tanzender sich selbst als »nordisches Sendezentrum erfühlt und dementsprechend die Runen stellt, Kraftwellen empfängt und sendet« (1932: 104). Ein instrumenteller Gebrauch des natürlichen Lichtes ist dennoch möglich, insbesondere in den Schattentänzen, bei denen die Tanzenden mit ihren Körpern und dem in ihrem Rücken scheinenden Sonnen- oder Mondlicht »Schattenrunen« (1932: 104) auf den Boden werfen, die dann von ihnen selbst – auch dies ein Verwischen der Produktions- und Rezeptionsebene – versuchsweise »zu deuten und zu lesen« (1932: 104) seien.

Theoretischer Bezugspunkt ist u.a. die frühe Runenforschung des deutschsprachigen Prager Autors August Anton Glückselig (1806-1867), der unter dem Pseudonym Gustav Tormod Legis 1829 graphische Gegenüberstellungen zur Analogie von Runengestalt und menschlichen Körperstellungen publiziert (Legis 1829). Legis verwahrt sich zwar ausdrücklich gegen die Herleitung der Runengestalt aus der jeweiligen »Form des Mundes, wie sie sich aus der Aussprache der Buchstaben ergiebt« (1829: 200, Orthographie wie im Original) und referiert so auf ältere Parallelisierungen von Buchstaben und Sprechorganen, etwa in der christlichen Kabbalah (Schmidt-Biggemann 2013: 19-30). Doch seine Steindrucktafel (Abb. 1) zur »Idee einer mimischen Runenschrift« (1829: 200) ergänzt er mit folgendem, mehr verschleiernden denn erklärenden Hinweis, dem Nucleus der hundert Jahre später propagierten Runengymnastik.

Auch wenn Kummers und Marbys Ideen zu Runengymnastik und Runentanz in den 1930er Jahren nur in begrenztem Maße Realisierung erfahren haben, fordert dieses Randphänomen den Diskurs der écriture corporelle in mehrfacher Weise heraus. Zunächst ist die völlige tanzwissenschaftliche Ausblendung dieses Phänomens zu konzedieren und als Problem zu markieren. Die vorhandenen wissenschaftlichen Arbeiten zur Runengymnastik stammen aus der Kultur- und Sozialwissenschaft; eine kritische, explizit tanzwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Ideologie der Runengymnastik, insbesondere vor dem Hintergrund des Körper- und Tanzverständnisses im Nationalsozialismus, hat bisher nicht stattgefunden. Dies ist umso gravierender, als das Phänomen Runengymnastik bzw. Runenexerzitien auch nach dem Ende des Nationalsozialismus weiter propagiert wurde und bis heute im rechts-esoterischen Raum praktiziert wird. Die maßgeblichen Veröffentlichungen zur Runengymnastik aus den 1930er-Jahren wurden unverändert wiederaufgelegt und durch Darstellungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ergänzt (Spiesberger 1982). Zusammen mit einem Seminarangebot u.a. auf dem Monte Verità bei Ascona, verhalf dies der Idee der Runengymnastik zur neuen Verbreitung. In der jüngeren Gegenwart werden zur Runengymnastik gehäuft YouTube-Dokumentationen und -Tutorials publiziert, mitunter auch ältere Texte von Marby als Hörbuch ins Netz gestellt. Neben dem Aufzeigen der Forschungslücke zum Thema Runentanz steht vor allem die Frage im Raum, wie jene Parallelisierungen von Tanz und Rune zu bewerten sind, die nicht im unmittelbaren völkisch-ariosophischen Kontext stehen, aber einige ihrer ideologischen Präsuppositionen teilen. Als solche sind etwa die ahistorische Runenvordatierung anzusehen, die Behauptung einer Analogie von Runen- und Menschengestalt, wie sie bereits Legis 1829 propagiert, vor allem die Sicht auf die Rune als einer metaphysischen Entität mit heilsbringender Wirkmacht. Alle diese Aspekte finden sich deutlich formuliert in Texten Rudolf von Labans, chronologisch vor und ideologisch unabhängig von den Werken von Kummer und Marby entstanden, aber mit diesen verbunden in der Referenz auf ältere Runendeutung. So heißt es in Die Welt des Tänzers, Labans theoretischem Hauptwerk der 1920er Jahre: »Der fliehende, flehende, fliegende Mensch ist dargestellt in der Rune ᚠ , ›fe‹ oder ›f‹ im griechischen ›φ‹ in unserem heutigen ›f‹« (Laban 1920: 73). Drei Jahre später überhöht Laban die Annahmen der völkischen Runenforschung über die vermeintliche Ursprünglichkeit und behauptete Höherwertigkeit der Runen und konzipiert ein essenzialistisches Verständnis von »Schriftrune« (Laban 1923: 238), der er wie später auch die Theoretiker der Runengymnastik eine eigene Handlungsmacht zuweist. Auf erschreckende Weise stellt dabei 1923: 238) In demselben, mit modernitätskritischen Positionen angereicherten Text vergleicht Laban die »Tanzrune« mit »der kosmischen Schrift, die die Gestirne in die Unendlichkeit zeichnen« (1923: 238). Damit nimmt Laban die Idee vorweg, dass die Konstellationen der Sterne als Schriftzeichen gelesen werden können, wie sie zehn Jahre später von Walter Benjamins in dessen Text Über das mimetische Vermögen (1933) formuliert werden. Im Rekurs auf das Ende von Hugo von Hofmannsthals lyrischem Drama Der Tor und der Tod (1893) trifft Benjamin die prominente Setzung, dass das Lesen aus Tänzen allen anderen kulturell herausgebildeten Lektüretechniken vorausgeht: »Was nie geschrieben wurde, lesen. Dies Lesen ist das älteste: das Lesen vor aller Sprache, aus den Eingeweiden, den Sternen oder Tänzen. Später kamen Vermittlungsglieder eines neuen Lesens, Runen und Hieroglyphen in Gebrauch« (Benjamin 1977: 2013). Zu beachten ist hier die eigentümliche Reihung von »Runen und Hieroglyphen«, die sowohl der alphabetischen als insbesondere der historischen Abfolge widerspricht und die Vermutung nahelegt, Benjamin habe, wenn nicht die Ursprünglichkeit indogermanischer Schrift aus den Runen, so doch zumindest deren ahistorische Verortung an den Anfängen von Schriftgenese geteilt. Angesichts der Tatsache, dass neben der ahistorischen Vordatierung der Runen vor allem die Parallelisierung von Runen- und Körpergestalt sowie die Bedeutungsaufladung der Runen als Heilmittel auch jenseits von Runengymnastik und Runentanz im engeren Sinne beobachtet werden kann, stellt sich die grundsätzliche Frage, wie sich der Runentanz zur Ideengeschichte des Tanz-Schrift-Vergleiches verhält. Ist die Idee des Runentanzes als das Skandalon der écriture corporelle zu verstehen, als jener Aspekt, der innerhalb der Tanz-Schrift-Analogie Ambivalenzen sichtbar macht, die diese Analogie immer schon bestimmen? Zeigen sich hier in völkisch-rassistischer Verzerrung Grundzüge einer pseudoreligiös aufgeladenen Verschränkung von Tanz und Schrift, die ohne diese Verzerrung auch für andere Verknüpfungen von Tanz und Schrift, etwa im postmodernen und zeitgenössischen Tanz, geltend gemacht werden können? Wird gerade hier auch die Problematik einer Tanz-Schrift-Analogie sichtbar, der beständige Rekurs auf Dualismen von Schrift- und Nicht-Schrift, Weiß und Schwarz oder die Auf ladung von Körperlichkeit, das Schrift-Werden von Körpern? Die Neigung zur kontrafaktischen Deutung realer Körperlichkeiten, das Einbeziehen von Imagination und das Operieren mit Spekulation und Potenzialität durchziehen die gesamte Geschichte der écriture corporelle. Dies ist für sich genommen nicht sofort problematisch, vor allem dann nicht, wenn, wie etwa bei William Forsythe, Tanz und Schrift so verschränkt werden, dass die Behauptung einer Analogie beider Größen als solche selbstreflexiv verhandelt wird. Fehlt aber diese Selbstreflexivität und wird ohne jede kritische Distanz die Rückkehr zu einer gesetzten Ur-Einheit von Tanz und Schrift in Aussicht gestellt, so geschieht dies immer auch in Parallele zu ideologischen Präsuppositionen des Runentanzes. Umso wichtiger erscheint es, nicht nur darauf zu verzichten, die Tanz-Schrift-Analogie mit soteriologischen Ideen von Heil und Heilung im Sinne Rudolf Labans aufzuladen, der der »Tanzrune […] Erlösung durch ihr Gewaltenspiel« (Laban 1923: 238) zuweist. Gerade angesichts des Skandalons des völkischen Runentanzes wäre herauszustellen, dass die Idee der écriture corporelle gerade keine glatte Ästhetik von Ursprung, Identität und Lesbarkeit bedient. Tanz als Schreiben und Schrift zu denken, heißt so, Tanzen als radikal unlesbare [...].

Was der auf dem Gebiet der Runen völlig unbewanderte Schwan übersieht, ist der Umstand, dass die von ihm geschmähten Autoren Marby und Kummer von einer 18er Runenreihe ausgingen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat, welche nämlich aus der Fantasie des Guido List entsprungen ist. Damit bewegte sich die gesamte völkische Runentanzerei im Fiktiven und Irrealen. Diesen wichtigsten Aspekt zu erwähnen versäumte der schreibfleißige Herr Schwan. 

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Anton August Glückselig, auch Gustav Thormund Legis-Glückselig (1806-1867) war ein in Prag ansässiger deutschsprachiger Historiker, Schriftsteller und Kriegsveteran. Er wurde als vierter von fünf Söhnen von Bartoloměj Glückselig, einem Prager Lehrer an der Königlichen Normalschule. Er absolvierte das Akademische Gymnasium in Prag und studierte ab 1823 Philosophie und Geschichte an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag. Er brach sein Studium jedoch ab und trat in die Armee ein, genauer gesagt in das 5. Jagdbataillon. Er lebte in Leipzig , wo er am 24.04.1828 als Kriegsinvalide erklärt wurde. In den 1820er Jahren widmete er sich den Slawistikstudien und schrieb über die nordischen Slawen und ihre Mythologie. Um 1830 kehrte er nach Prag zurück, heiratete dort und widmete sich fortan dem Verfassen historischer Artikel und Bücher, hauptsächlich über Prag. Er signierte seine Werke mit Dr. Legis-Lucky. 1836 ernannte ihn die Ständeversammlung zum Krönungsgeschichtsschreiber. Er veröffentlichte ein repräsentatives Lithografienalbum und ein Buch mit der Beschreibung der Krönung Ferdinands V. Besonderes Augenmerk widmete er dem Veitsdom. In den Jahren 1852–1856 gab er die reich illustrierte Chronik von Böhmen und den Medauer Kalender von Litoměřice heraus. Er gehörte den böhmischen Provinzpatrioten deutscher Nationalität an. Sein umfangreiches literarisches Werk basiert stets auf dem Studium historischer Quellen, persönlicher Kenntnis der beschriebenen Objekte und ist von einer romantischen Handlung geprägt. Von größtem Wert sind seine topografischen Werke über die Sehenswürdigkeiten und Denkmäler Prags, die er als Reiseführer für ausländische Besucher verfasste. Ebenfalls bedeutend ist seine Edition des Manuskripts von Jan Nepomuk Zimmermann über die aufgelösten Prager Klöster und Kapellen. In seinen Publikationen legte er stets Wert auf hochwertige Typografie und lithografische Illustrationen. Im Alter lebte er bei Graf František Thun-Hohenstein auf Schloss Děčín , für den er das Archiv organisierte. Er heiratete Terezia Lippoldová aus der Region Litoměřice , mit der er drei Kinder in Prag großzog.“