09.06.2002 / 04.11.2025
Der Begriff Gnosis stammt vom griech. Wort gnosis, das soviel bedeutet wie „Erkenntnis“. Erkenntnis ist das zentrale Anliegen dieser religiösen Bewegung, der die verschiedenen zusammenfließenden philosophischen Anschauungen des Altertums zugrunde liegen. Anfänge der Gnosis sind im 1. Jh.v.0 erkennbar, im 2. bzw. 3. Jh.n.0. stand sie in ihrer Blüte. Es gab mehrere unterschiedliche Schulrichtungen, so dass sich die „Gnosis“ kaum eindeutig charakterisieren lässt. Einige Grundelemente sind jedoch durchgehend anzutreffen, so wie diese, dass dem Menschen auf dem Wege der Erkenntnis seine Erlösung zuteil werde. Überhaupt ist er, der Mensch, das eigentliche Objekt dieser Erkenntnis. Er erkennt sich in der Gnosis selbst, seine Herkunft, seine Bedeutung und das Ziel seiner weltlichen Wanderung. Das erreicht er nicht durch ein verstandesmäßiges Erkennen, die gewünschten Antworten sind nicht aus eigenem Denken zu gewinnen, vielmehr werden sie durch ein sich offenbarendes Erkennen geschenkt. Ganz wichtig ist dabei die Überzeugung, dass die Erkenntnis zwar allen Menschen gleichermaßen möglich wäre, aber nur von einigen Auserwählten in Gestalt eines esoterischen Schatzes gefunden wird.
Eine von allen gnostischen Systemen mitgetragene Idee war der tief verwurzelte urheidnische Gegensatz der beiden Prinzipien: Geist und Materie. Die Gnosis ging von der Existenz einer guten und einer bösen Welt aus, zwischen denen andauernder Kampf herrscht. Das Geistige, Gute, Lichte und Schöne steht gegen die Materie, das Böse und Finstere -, und zwar vom Uranfang an. Dieser Zustand wird etwa so erklärt: Ganz im Anfang war die Welt eine Einheit, doch ein Wesensbestandteil der Urharmonie schied freiwillig aus, verließ sie und aus dem daraus resultierenden Sturz aus der ersten Welt entstand eine zweite, die sinnliche, stoffliche, irdische. Es geschah etwas, was nach Auffassung mancher, nicht hätte sein dürfen. Unbestreitbar schien, dass der Geist sich zur Materie entäußern und in sie hinabsinken, doch die Materie sich nie zum Geist erheben kann. Jene in die Materie gestützten göttlichen Funken sind die menschlichen Seelen, die in dieser Welt als Gefangene des Fleisches nicht heimisch werden können, sich in den Niederungen gefangen fühlen und zurücksehnen. Daraus resultieren Angst, Verlorensein, Herumirren und Heimweh zur guten lichten Urheimat.
Um den Weg der Befreiung zu finden, bedarf es eines göttlichen Offenbarers, der dem Menschen den Weg der Gnosis/Erkenntnis weist. Dieser Erlöser wird gleichgesetzt mit dem Urmenschen oder der Urseele/Weltseele, dem Gottwesen, das auch Vertreter der Einzelseelen ist. Er ist Erlöser und Erlöster zugleich. Er befreit die weltlichen Seele mit seinem Ruf aus der niederziehenden stofflich-sinnlichen Welt. Der ideale Anspruch der Gnosis wäre in dem Augenblick erfüllt, wenn keine personale Offenbarer- und Erlöser-Gestalt das Rettungswerk vollbrächte, weil diese viel zu stark an die Welt gebunden wäre, sondern eine unkörperliche, rein geistige Wesenheit, wie es beispielsweise ein Buch, eine Heilige Schrift oder unsere, rechten Rat raunenden Runen, sein würden. Der gnostische Befreier ist die so beschaffene Personifikation der göttlichen Offenbarung. Dieser herbeigesehnte Erlöser, dieser Rufer der Seelen zu Gott wird heute wieder erkennbar in der Geistgestalt des Od-ing, des Od-Kindes. Es ist die Kundgebung einer germanischen Gnosis.
Erlösung vollzieht sich durch die Offenbarung; allein das befreiende Wort ist maßgebend. Für die germ. Schule war es das Wort: ODING. Es und die damit verbundene Erkenntnis, gewinnt man in der Gnosis nicht auf die gleiche Art, wie man ansonsten zu Einsicht und Weisheit gelangt. Das Wort muss man hören und annehmen, dann wird man sich an seinen Ursprung erinnern, dann erhält man blitzartig die erleuchtende Erkenntnis und ist dementsprechend Erlöster und Gnostiker. Der Mensch erkennt dann sowohl Gott, sein eigenes Ich, als auch die Verworfenheit der Welt. Gnosis bedeutet schlagartige Einsicht, und das Wesentliche daran ist die Wiedererinnerung. Der Mensch muss sich daran erinnern, woher er eigentlich stammt und was er eigentlich ist. Auch heute noch können die Runen den Menschen schlagartig daran erinnern, dass er ein Germane bzw. ein nordischer Mensch ist, der zurück will zu seinem Geistgott und in seine nordische Geistesheimat.
Ausschlaggebend mag wohl zunächst das verlockende Angebot gewesen sein, einfach mehr zu wissen. Die Gnosis bietet ein Mehrwissen an, gleichsam ein Höherwissen. Ihre Schulen versprechen ein grundlegendes Wissen und eine allumfassende Deutung von Erdenwelt und Kosmos. Hinzu kam, dass die Gnosis geprägt war von einem Freiheitsschwung: „Ich bin in das Heiligtum eingetreten; mir kann nichts mehr widerfahren.“ So ergeht es auch noch uns Heutigen. Wer das Oding ergriffen hat, wer von ihm ergriffen wurde, der ist nach Hause gekommen, er bedarf keiner höheren Weihen mehr -, er ist gerettet!
Zu einer strengen Weltverneinung und totalen Askese muss die Gnosis nicht zwangsläufig führen, das Sich-über-die-Welt-Stellen konnte eine Art Erhabenheit und in seltenen Randgruppen sogar Ausschweifung und Zügellosigkeit zur Folge haben. Die stoffliche Unterscheidung von Männlichem und Weiblichem erschien auf der Ebene der Seele und des Geistes als unwesentlich, weshalb das Eins-Werden angestrebt wurde und die Frauen keine der damals gewöhnlichen Zurücksetzungen erfuhren. Überwunden ist hier der Abscheu des iranischen Zervanismus vor dem weiblichen Geschlecht und des sexuellen Faktors. Recht modern anmutend strebte die Gnosis eigentlich eine Vergeistigung und Veredelung und Überwindung der grobmateriellen Sinnenwelt an. In den gnostischen Gemeinschaften und Schulen wurde die jeweilige Offenbarung weitergeführt, wobei man davon ausging, dass der göttliche Offenbarer weiter in die Gemeinde hineinspricht. Dies geschieht vornehmlich durch den Mund des Schulgründer und dessen Nachfolger.
Guntram