01.02.2026
Brakteat aus Trollhattan (Schweden), welcher den Gott Tiu-Tyr und den Wolf Fenrir darstellt. Tyr hält seine Hand dem Wolfsrachen hin, er opferte seine Hand, damit der gefährliche Götterfeind gefesselt werden kann.
-o-o-o-o-
Charlotte Behr: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit – Auswertung und Neufunde RGA-E-Band 40 – Seiten 153–229 - Forschungsgeschichte, in: Wilhelm Heizmann and Morten Axboe (eds)
Die Rätselhaftigkeit ihrer Bilder, ihr kostbares Material und die relativ große Zahl der Funde haben dazu beigetragen, dass Brakteaten zu den meist diskutierten archäologischen Funden der Völkerwanderungszeit Nordeuropas wurden. Ziel dieses Berichtes ist es, Fragestellungen und Schwerpunkte in der Brakteatenforschung in ihrer Abhängigkeit zu den sich wandelnden Tendenzen in der völkerwanderungszeitlichen Archäologie Nordeuropas darzustellen. Dabei spiegelte die Brakteatenforschung nicht nur neue theoretische und methodische Ansätze wider, sondern trug auch immer wieder zur Formulierung neuer Forschungsideen bei. Eine solche Forschungsgeschichte erlaubt es nicht nur, den aktuellen Stand der Diskussion beim Abschluss des Ikonographischen Katalogs zusammenzufassen, sondern auch die forschungsgeschichtlichen Bedingungen hervorzuheben, unter denen die zu den Einsichten der Brakteatenforschung führenden Diskussionen stattfanden, und diese im Zusammenhang zu analysieren. Dabei kann nur eine Auswahl der wesentlichen Beiträge zum Verständnis der Brakteaten diskutiert werden, eine vollständige Erfassung und Analyse aller Publikationen zu Aspekten der Brakteatenforschung kann nicht das Ziel dieses Kapitels sein.
5. Brakteaten und Runen
Zur gleichen Zeit, als Thomsen, Worsaae, Müller und Montelius die Brakteaten unter archäologischen Gesichtspunkten katalogisierten, datierten und interpretierten, interessierten sich zunehmend auch die Runenforscher für die goldenen Amulette, da sie die größte Objektgruppe mit frühen Runeninschriften waren. Die erste wissenschaftliche Diskussion der Runeninschriften auf Goldbrakteaten stammt von Wilhelm Grimm. Bereits 1821 hatte der dänische Literaturprofessor Rasmus Nyerup, der auch ein Mitglied der Kommission zur Bewahrung und Sammlung von Altertümern in Kopenhagen war, Wilhelm Grimm einen Satz der oben erwähnten sieben Tafeln mit Brakteaten, die Thomsen 1820 hatte stechen lassen, geschenkt. Sie boten die Grundlage für Grimms bemerkenswerte, wenn auch heute überholte, Interpretationen der Bilder und Inschriften der Brakteaten. So erkannte Grimm bereits, dass die Goldbrakteaten eine Gattung bildeten, deren Objekte demselben Zweck dienten und deren Bilder demselben Themenkreis angehörten. Auch erkannte er, dass auf den anthropomorphen Brakteatenbildern ein Herrscher dargestellt wurde. Er identifizierte ihn als den germanischen Gott Thor, der als Weltbeherrscher den Lindwurm besiegt hatte. Als diesen bösen Geist und Feind der Menschheit hatte er den Vierbeiner auf den C-Brakteaten identifiziert.
Seine Inschriftendeutungen, von denen er selbst sah, dass sie „zum Theil auf Vermuthungen beruhen“, scheinen von seiner Bildinterpretation beeinflusst zu sein. Doch trotz aller Kritik, die vom heutigen Kenntnisstand aus an Grimms Lese- und Deutungsversuchen möglich ist, ist es bemerkenswert, dass er die inhaltliche Zusammengehörigkeit von Bild und Text auf den Brakteaten erkannte, eine Einsicht, die in vielen späteren Studien zu den Runeninschriften unberücksichtigt blieb und erst in neueren Forschungen wieder thematisiert wurde. Die zunehmend genauere archäologische Datierung der Brakteaten war von entscheidender Bedeutung für die Chronologie der Runeninschriften. Die Runenbrakteaten wurden zum ersten Mal systematisch erfasst und beschrieben von George Stephens in den vier Bänden „The Old-Northern Runic Monuments of Scandinavia and England“, 1866–1901. Lesung, Interpretation und Funktion der Brakteateninschriften blieben Forschungsprobleme. Die kontroversen Diskussionen um die Runeninschriften, ihre religiöse, magische oder säkulare Deutung, die Rolle von Zahlenmagie und die Bedeutung von Schriftlichkeit und Schriftkundigen im völkerwanderungszeitlichen Skandinavien haben auch die Erforschung der Brakteateninschriften geprägt. Auf die Überlegung hin, dass auf einigen Brakteatenbildern Brakteaten selbst abgebildet sein könnten, wurden auch die Runeninschriften daraufhin untersucht, ob sich in ihnen ein Terminus für die goldenen Anhänger findet, mit dem ihre Träger sie bezeichnet haben könnten. Klaus Düwel erwog walhakurne, das als ‘welsches Korn’ übersetzt werden kann, auf dem C- Brakteaten aus Tjurkö (IK 184) „als kenningartige Umschreibung for ‘Gold’ und damit für den Brakteaten selbst“. Ein weiterer Begriff, der als Bezeichnung in Frage kommt, ist nach Düwel kingia, der als ‘Spange, Bügelfibel, Brustschmuck’ verstanden werden kann und auf einer Fibel aus Aquincum in Ungarn aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts überliefert ist. […]
Die ersten Brakteaten waren in Skandinavien hergestellt worden. Auch daran bestand kein Zweifel. Ein Schwerpunkt in der Fundverteilung der frühesten A-Brakteaten, das heißt, derjenigen, die sich stilistisch am stärksten an den römischen Vorbildern orientierten, und auch der frühesten C- Brakteaten, die zeitgleich waren, liegt auf den dänischen Inseln. Deswegen galten insbesondere Fünen und Seeland als die Gegend, in der Brakteaten ‘erfunden’ worden waren. Dieses Argument wurde untermauert und präzisiert in dem Vorschlag von Karl Hauck, Gudme im Südosten Fünens als das Zentrum der Brakteatenentstehung zu betrachten. Diese These beruhte auf der Interpretation des Brakteatenhortes in Gudme II (IK 51,3, IK 391, IK 392, IK 393, IK 455,2), dessen Bildformulare Hauck als „die vorchristliche politische Theologie der Aristokraten von Gudme“ zusammenfasste. Diese politische Theologie wurde mit den Bildformularen von Gudme aus verbreitet. Aus numismatischer Sicht bestätigte Anne Kromann diese These, denn im Gebiet von Gudme waren zahlreiche Goldmedaillons und -münzen gefunden worden, die als Prototypen für die Brakteaten in Frage kamen. Sie hielt es für unwahrscheinlich, dass die Brakteatenidee an mehreren Orten unabhängig voneinander entstanden war. Eine weitere ungeklärte Schwierigkeit in dem Verhältnis der Brakteaten zu den römischen Medaillons ist der zeitliche Abstand zwischen den römischen Medaillons der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts und den frühesten Brakteaten, die zwar ganz unterschiedlich datiert wurden, aber selten vor dem 5. Jahrhundert. Die Zeitdifferenz muss also mehrere Generationenbetragen haben, die es zu erklären galt. Maguire wies darauf hin, dass die Vorbilder für Münz- und Medaillon-Imitationen, wie sie etwa auch aus dem byzantinischen Raum bekannt sind, oft wesentlich älter als die Nachahmungen waren. Er begründete seine Beobachtung damit, dass das Heraufbeschwören des kaiserlichen Porträts entscheidend war nicht jedoch das Porträt eines bestimmten Kaisers, um die übernatürliche Macht der Münzen und Medaillons, wie auch der Medaillon-Imitationen und Brakteaten zu demonstrieren. Diese Schwierigkeiten, die Rolle der Medaillons und der Medaillon-Imitationen, ihre geographische Herkunft und ihre Datierung im Verhältnis zur ‘Erfindung’ der Brakteaten zu bestimmen, zeigen bereits, wie problematisch es ist, ein genaueres Verständnis der Prozesse zu erlangen, die der Entwicklung dieser neuartigen Anhänger und ihrer Ikonographie im skandinavischen Milieu zugrunde lagen. In den Beiträgen zur Diskussion der Entstehung der Brakteatenikonographie wurden zwei grundsätzlich unterschiedliche Betrachtungsweisen archäologischer Objekte deutlich, wie sie seit dem 19. Jahrhundert die archäologische Forschung in Nordeuropa prägten, zum einen der typologisch-evolutionäre, und zum anderen der kulturhistorische Ansatz. So wurde die Herkunft und Gestaltung der Brakteatenbilder entweder mit Hilfe formaler und stilistischer Kriterien oder auf Grund inhaltlicher Überlegungen erklärt. Die unterschiedlichen Hypothesen spiegeln das Bemühen wider, das Verhältnis zwischen Nachahmung der römischen Vorbilder und formaler Umgestaltung einerseits und Motivation zu eigenständischem Kunstschaffen der nordischen Brakteatenmeister andererseits zu klären. Da der vielschichtige Prozess der Aneignung römischer Vorbilder im skandinavischen Milieu, der künstlerischen Umgestaltung und inhaltlichen Neuinterpretation nur lückenhaft belegt ist, sind Entstehung, Funktion und Ikonographie der Brakteaten entsprechend schwierig zu analysieren. Trotz der kontroversen Diskussionen um Entstehung und Deutung der Brakteaten und ihrer Bilder bestand doch immer Einigkeit darin, meist unausgesprochen, dass ihre Bedeutung in allen Verbreitungsgebieten Skandinaviens in gleicher Weise verstanden wurde. In den Untersuchungen, in denen die formale Ableitung der Brakteatenbilder von römischen Vorbildern diskutiert wurde, war nicht nur umstritten, um welche römischen Objekte es sich handelte, sondern auch auf welche Weise sie umgestaltet wurden und ob es sich um ein Vorbild handelte, das dann weiterentwickelt wurde, oder um mehrere, die für die verschiedenen Brakteatenmotive verantwortlich waren. Entgegen Salins These, wonach das Haupt der C-Brakteaten römischer und der Vierbeiner germanischer Herkunft waren, schlug Brøgger vor, wie schon Montelius, die Rückseiten römischer Münzen mit Reiterdarstellungen als Vorbilder für die C- Brakteatenbilder in Betracht zu ziehen. Gjessing unterstützte diesen Vorschlag, wobei er zwischen Aversen, von denen die A-Brakteaten abgeleitet worden seien, und den Reversen, die zu den C-Brakteaten führten, unterschied. Der Neufund des C-Brakteaten aus Gerete auf Gotland (IK 62, 1) veranlasste Sune Lindqvist 1927 einen neuen Vorschlag zur Entstehung des C-Brakteatenmotivs zu machen. Demnach war das Motiv ‘Haupt über Vierbeiner’ aus dem Kaiserbild der römischen Goldmedaillons entwickelt worden und zwar indem der faltenreiche Mantel, der auf den Kaiserbüsten der Medaillonbilder zu sehen war, in das Tier unter dem Haupt umgewan- delt worden war. Forssander führte 1937 diesen Gedanken weiter, indem er das Kaiserbild mit einem erhobenen Arm zum Vorbild erklärte und ausführte, dass die Phantasie der nordischen Brakteatenmeister [...] nicht allzu üppig gewesen sein [braucht], um sie zu veranlassen, aus einem solchen Spiel der Linien ein Tier aufzubauen, wo die zum Gestus gehobene Hand zu Kopf und Hals wird und aus der Faltung des Mantels ein Tierkörper hervorwächst [...].
Und in vergleichbarer Weise erläuterte Forssander die dem Haupt zugewandten Vögel. Sie seien aus der erhobenen Hand des Kaisers, in der er eine von einer geflügelten Viktoria bekrönte Kugel hielt, umgeformt worden. Diesen Thesen widersprach Peter Vilhelm Glob in einem im gleichen Jahr publizierten Aufsatz in Acta Archaeologica und argumentierte seinerseits, dass die Versuche zweiseitige Prägungen zu machen, um die römischen Medaillons nachzuahmen, sich als zu schwierig und unbefriedigend erwiesen, und deswegen die Bilder von Vorder- und Rückseite in einem Bild vereint worden seien. Da die meisten Medaillon-Imitationen, die man im Norden gefunden hatte, aus einer Männerbüste auf der Vorder- und einem Reiterbild auf der Rückseite bestanden, habe man diese beiden Bilder zusammengefasst. Wie diese Verschmelzung auf einem frühen Beispiel ausgesehen hatte, zeigte nach Glob der Brakteat aus Hjørlunde Mark, Seeland (IK 79), auf dem das Haupt der Kaiserbüste mit ausgestrecktem Arm über einem Pferd mit Reiter, auch wenn nur dessen Kopf gezeigt wurde, abgebildet waren. Obgleich es sich auch hier um einen formalen Erklärungsversuch handelte, so betonte Glob doch, dass die Brakteatenbilder keine „sklavischen Nachahmungen der Bilder einer fremden Kultur“ waren, wie schon die zahlreichen Umformungen am Haupt und Tier zeigten. Wilhelm Holmqvist wiederum zeigte, dass das C-Brakteatenmotiv „zusammengeschmolzen“ sei aus zwei ganz unterschiedlichen Motiven, dem Kaiserbild und dem Reiterheiligen, dessen Darstellungen besonders aus der koptischen Kunst bekannt waren. In einem späteren Aufsatz diskutierte er noch einmal Brakteaten als Zeugnisse für Einflüsse aus dem östlichen Mittelmeerraum. Diesmal jedoch beschrieb er die Hörner der Pferde, die Rosetten vor und die Swastiken hinter den Häuptern, etwa auf den C- Brakteaten aus Gerete (IK 62,1) oder Dödevi (IK 45), als Symbole, die auf die Verehrung der alten Himmelsgötter Ägyptens hinwiesen.
In diese Diskussion mischte sich mit einem Beitrag in Acta Archaeologica 1940 wiederum Lindqvist ein, indem er seine frühere These weiter ausführte und zeigte, dass der Mantel der Kaiserbilder zu verschiedenen Experimenten angeregt habe, die dann zum größten Teil nicht weiter verfolgt worden seien. Das Tier, das aus den Mantelfalten entstanden sei, mutierte erst allmählich zu einem Pferd, während gleichzeitig der Vogel vor dem Haupt größer und detaillierter wurde. Lindqvist argumentierte hier auf der Grundlage einer chronologischen Abfolge der Brakteatenbilder, deren Kriterien er jedoch nicht nannte. Die Unterschiede zwischen den dänischen und den schwedischen Brakteaten, die meist ohne zusätzlichen Vogel und Runeninschriften waren, erklärte Lindqvist damit, dass auf den dänischen Brakteaten der Gott Odin als „runenkundiger Reitergott“ und seine Raben dargestellt seien, auf den südschwedischen Brakteaten jedoch der Gott Thor. Sein Bild sei Odins Bild mit kleinen, wenn auch entscheidenden Veränderungen. Wiederum eine andere Erklärung schlug Heinz Menzel 1951 vor. Er führte die C-Brakteatenbilder auf römische Medaillons zurück, auf denen die Büste des Kaisers zusammen mit der Büste eines Pferdes, das der Kaiser am Zügel hält, abgebildet war. Haakon Shetelig dagegen sah die Veränderungen einzelner Details des kaiserlichen Portraits, wie etwa der Schulterfibel des Mantels, die zu einem Vogelkopf umgestaltet worden war, als ein geringfügiges Versehen an. Bertil Almgren fügte dieser Diskussion ein weiteres Element hinzu, indem er nicht nur römische Münzen und Medaillons als mögliche Vorbilder der völkerwanderungszeitlichen figürlichen Kunst betrachtete, sondern auch die münzähnlichen Kontorniaten des 4. und 5. Jahrhunderts, die erst wenige Jahre vorher ausführlich von Andreas Alföldi behandelt worden waren. Ausgehend von dem A-Brakteaten aus Maglemose-Gummersmark (IK 299) und dem B-Brakteaten aus Skrydstrup (IK 166) verglich er verschiedene römische Münzen, Medaillons und Kontorniaten mit Brakteaten und schloss daraus, dass Einflüsse aus mehreren Richtungen für die Brakteatenikonographie verantwortlich waren. Auch Søren Nancke-Krogh ging davon aus, dass Einflüsse aus verschiedenen Richtungen die C-Brakteatenbilder geprägt hatten. Er lehnte die Thesen ab, nach denen Reitpferde auf römischen Medaillons das Vorbild für die C-Brakteatenpferde waren und schlug stattdessen vor, ausgehend von den Avers- und Revers-Darstellungen der Medaillon-Imitation aus Godøy, Møre og Romsdal (IK 256), die Pferde der abgebildeten Wagenlenker als Vorbilder zu betrachten. In diesem Artikel konzentrierte sich Nancke-Krogh auf die Gruppe der C-Brakteaten, die Mackeprang als ‘westskandinavische Gruppe’ bezeichnet hatte, und deren Häupter durch Vogelprotome charakterisiert sind. Das Vorbild dafür fand Nancke-Krogh auf sassanidischen Münzen des 3. Jahrhunderts, auf denen Vogelhelme abgebildet waren. Durch die kriegerischen Kontakte im 3. Jahrhundert zwischen den Sassaniden in Persien und den Römern, zu deren Bundesgenossen auch Germanen zählten, habe die Kenntnis von Vogelhelmen und anderer Symbole des persischen Sieggottes, wie etwa das Pferd mit goldenen Hörnern, die C-Brakteatenbilder beeinflusst. Anne Kromann wiederum führte verschiedene Medaillonbilder als Vorbilder für die Brakteatenikono- graphie auf. Dabei unterschied sie die A-Brakteaten, deren Vorbild die kaiserliche Büste als Soldat gewesen sei, von den C-Brakteaten, deren Vorbild die zivile Version der Kaiserbüste war, denn hier fehlte die Schulterfibel, die Teil des Militärmantels war. Das Model für die Brakteaten, die den „Kaiser mit erhobener Hand“ zeigten, war demnach die Medaillonvorderseite mit dem Bild des Kaisers in militärischer Kleidung, der in der linken Hand die Weltkugel hielt und die rechte Hand zum Gruß erhoben hatte. Der Vogel auf den C-Brakteaten war möglicherweise vom Adlerszepter inspiriert worden. Kromann diskutierte auch die Herkunft des Vierbeiners auf den C-Brakteaten und trotz ihrer Zuordnung der A- und C- Brakteaten zu den militärischen und zivilen Kaiserdarstellungen, hielt sie Lindqvists These für die wahrscheinlichste, wonach das Tier aus dem Militärmantel entstanden sei. Mats Malmer lehnte die Idee, dass römische Münzen oder Medaillons die Brakteatenikonographie inspiriert hatten, ab und machte den Versuch, die Entstehung der Ikonographie der C-Brakteaten mit Hilfe keltischer Gold- und Silbermünzen, die ein großes Haupt über einem Vierbeiner zeigen und in die letzten vorchristlichen Jahrhunderte datiert werden, zu erklären. In Skandinavien habe man entweder das Bild imitiert oder aber die dahinterliegende Idee kennengelernt und in die eigenen Vorstellungen integriert.
Diesen durchaus unterschiedlichen Versuchen, die Entstehung der Brakteatenbilder, besonders der größten Gruppe der C-Brakteaten, zu erklären, ist dennoch gemeinsam, dass rein formale Kriterien benutzt wurden, mögliche Deutungen des Bildinhaltes aber keine Rolle spielten. Noch ganz in dieser Tradition der Betrachtung formaler Entwicklungsstufen machte 1992 der Sprachwissenschaftler Elmar Seebold einen weiteren Versuch die Entstehung der Brakteaten zu erklären, indem er Entwicklungstypologien für A-, B- und C-Brakteaten erstellte. Er argumentierte, dass in Blekinge möglicherweise die Brakteatenentwicklung begann, da hier der nach Mackeprang älteste Brakteat in Torpsgård (IK 354) gefunden worden war. Die folgenden Entwicklungsstufen sah er gekennzeichnet durch das allmähliche Verschwinden römischer und dem Hervortreten germanischer Merkmale. Nach seinen Interpretationen entwickelten sich aus verschiedenen römischen Vorlagen zunächst die Medaillon-Imitationen, die Seebold als bloße Barbarisierungen verstand, erst bei den einseitig geprägten Brakteaten kamen neue als germanisch beschriebene Elemente hinzu. Seine anschließen- den Deutungen der Bilder beruhten auf den vorgeschlagenen Entwicklungsstufen, hatten sie aber offenbar nicht beeinflusst. Dabei interpretierte er die hinzugefügten Vögel, Pferde und Runen als signifikante Attribute germanischer Könige, wobei er sich auf die Interpretation von Texten der römischen Autoren Tacitus und Procopius und dann der Rígsþula bezog. Demnach sei das römische Kaiserbild in das Bild eines idealen germanischen Königs umgedeutet worden, der die Sprache der Vögel verstand, fähig war Weissagungen aus Runen zu machen und die Pferde in den heiligen Hainen verstand. Aus diesem Grund hielt Seebold die Deutung der Brakteatenbilder als Götterbilder, und insbesondere als das Bild des Götterfürsten Odins, für eher unwahrscheinlich. Im Verlauf dieser Diskussionen zur Entstehung der Brakteatenbilder hatten sich auch die Wahrnehmung und die Beurteilung der künstlerischen und technischen Qualität der Brakteaten und der Fähigkeiten der Brak- teatenmeister allmählich verändert. Thomsen hatte die Brakteatenbilder als erstaunlich roh und unvollkommen, ja kindlich beschrieben, auch wenn er die hohen technischen Fähigkeiten, die zu ihrer Herstellung nötig waren, hervorhob. Ähnlich urteilten Worsaae, der die Bilder als schwach, unsicher und glanzlos beschrieb, Salin, der die „nicht sonderlich gelungenen Versuche“ hervorhob und Müller, der „das Brakteatphänomen“ als „Bauernarbeit“ beschrieb. Die Brakteatenmeister handelten „unbekümmert“, machten „ganz sinnlose“ Zusätze zu den römischen Vorbildern und führten „kindlich unbeholfene Experimente“ durch. Unausgesprochen lagen diesen abschätzigen Werturteilen Vorstellungen zugrunde, die sich an den Idealen der klassischen Kunst und ihren Prinzipien der mög- lichst getreuen Wiedergabe der Natur orientierten. Die Archäologen verglichen die Brakteatenbilder mit den römischen Münz- und Medaillonbildern und beurteilten die Veränderungen als „unfreiwillige Missdeutung des Vorbildes“, Ergebnisse „unbeholfener Hände“ oder fehlender Ansprüche an künstlerische Qualität. Ausdrücklich infrage gestellt wurde diese Beurteilung der völker- wanderungszeitlichen Kunst zum ersten Mal 1911 von August Schmarsow im Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen. In seiner Auseinandersetzung mit Salins Ideen zum germanischen Tierstil argumentierte Schmarsow, dass die Brakteatenkunst Ausdruck des „Kunstwollen[s] unter der Herrschaft eines religiösen Vorstellungskomplexes“ war. Schmarsow war hier beeinflusst von Ideen und Formulierungen des Wiener Kunsthistorikers Alois Riegl, der sich gegen die in der klassischen Archäologie seit Winckelmann vorherrschenden Auffassung gewandt hatte, dass die römische Kunst nur die letzte und dekadente Phase der klassischen Kunst gewesen sei, sondern sie nach den Anregungen beurteilte, die sie späteren Phasen der Kunstgeschichte geboten hatte. Demnach war auch die spätantike Kunst nicht etwa von unaufhaltsamem Niedergang gekennzeichnet, sondern im Gegenteil, vom Finden neuer künstlerischer Ausdrucksformen. Diese Neuorientierung erlaubte es auch die völkerwanderungszeitliche Kunst als eigenständige Kunst wahrzunehmen, und die hohen künstlerischen, intellektuellen und technischen Leistungen gerade auch der Brakteatenmeister anzuerkennen. So verglich Forssander die Medaillon-Imitationen, die „verblüffend plump ausgeführt“ seien mit den Brakteaten als „Kunstwerk von ganz anderer künstlerischer Qualität“. Zur gleichen Zeit beschrieben ihren Stil Shetelig und Falk als „zwar barbarisch jedoch von einer ganz eigenen Schönheit“.
9. Interpretatio Germanica
Die Ergebnisse Oxenstiernas und Malmers dienten Detlev Ellmers als Anregung zu seiner Brakteatenstudie, die er 1970 publizierte. Darin setzte er sich mit dem Problem auseinander, wie die germanischen Umdeutungen der römischen Vorbilder für den heutigen Betrachter fassbar und erforschbar werden. Er argumentierte, dass die übernommenen Bildformeln dazu dienten, verschiedene mythische Erzählungen der Germanen in komprimierter Form zu zeigen. Er interpretierte den Brakteaten aus Gudbrandsdalen (IK 65) als bildliche Darstellung des Gottes Odin in seinem Kampf während Ragnarök, so wie die Ereignisse im 13. Jahrhundert von Snorri geschildert wurden. Entscheidend für diese Identifizierung war Ellmers methodischer Ansatz. Er bemühte sich stets signifikante Details der Brakteatenbilder zu finden, die einer Identifikation der anthropo- morphen und der Tierdarstellungen und der erzählenden Szenen halfen, in diesem Beispiel die Waffen des Reiters, das Schiff, die beiden Vierbeiner und die Schlange. Auch bezog er die Runeninschriften in seine Deutungen ein, da er davon ausging, dass sie sich direkt auf die Bilder bezogen und nicht unabhängig daneben standen. In einer weitreichenden vergleichenden Argumentation, in der Ellmers zahlreiche archäologische Funde, Darstellungen und Texte besprach, kam er zu dem Ergebnis, dass es sich bei der überwiegenden Zahl der A- und C-Brakteaten um Darstellungen des Gottes Odin handelte, der auf den C-Brakteaten zusammen mit einem Pferd, das ihm geopfert wurde, abgebildet sei. Kennzeichen eines Opfertiers sah er im Hörneraufsatz, Hals- und Gurtbändern und der heraushän- genden Zunge. Dem aus dem römischen Vorbild entwickelten Götterbild sei das bereits vorhandene Bildschema eines Opfertiers hinzugefügt worden. Auf den D-Brakteaten erschien nur das Opfertier ohne den Gott. Demnach handelte es sich bei den niedergelegten Brakteaten um einen Ersatz für Tieropfer, die dem Gott Odin dargebracht wurden. Während einerseits die römischen Vorbilder nach inhaltlichen Vorgaben umgewandelt wurden, betonte Ellmers jedoch andererseits auch, dass die antiken Medaillons das Erscheinungsbild der germanischen Götter mitbestimmten. Diese Überlegungen zum Zusammenhang zwischen römischen Vorbildern und germanischen Neugestaltungen führte Hayo Vierck weiter, als er 1981 in seinem Aufsatz Imitatio imperii und interpretatio Germanica vor der Wikingerzeit das sogenannte adventus-Motiv diskutierte. Er konnte zeigen, wie im Norden das Motiv zwar gezielt verändert worden war, den- noch wohl benutzt wurde um „ideenverwandte Themen darzustellen“. Am Beispiel der adventus-Szene auf der Medaillon-Imitation aus Inderøy/ Vika (IK 86) erläuterte Vierck die Vielschichtigkeit des Übernahme-Vorgangs, indem er mehrere römische Vorbilder identifizierte, die zu der neuen Bildgestaltung im Norden führten, entgegen der Annahme, dass nur einzelne römische Medaillon- oder Münzbilder als Vorbild gedient hatten. Der genauere Nachweis der verschiedenen römischen Vorbilder und ein tieferes Verständnis der Prozesse, in denen man sich römische Motive im Norden angeeignet hatte, trugen zu einem besseren Verstehen ihrer neuen Bedeutung bei. Nicht die Bildthemen als solche, sondern die komplexe Darstellungsweise der Brakteatenbilder, in denen mythische Erzählungen formelhaft verkürzt wiedergegeben wurden, schrieb Nancy Wicker dem, wenn auch kurzlebigen, Einfluss gleichzeitiger spätantiker und frühchristlichen erzählender Kunst zu, in der biblische Geschichten auf ihre wesentlichen Elemente reduziert dargestellt worden waren. Ausgehend von der These, dass der römische Gott Mithras die Verehrung des Gottes Odin prägte, beschrieben Anders Kaliff und Olof Sundqvist allerdings ohne detaillierte ikonographische Analyse die Odins-Darstellungen auf den C- Brakteaten als von den weit verbreiteten Kultbildern der mithräischen Mysterien beeinflusst. Dabei habe es sich nicht um direkte Übernahmen der Szene, in der Mithras umgeben von verschiedenen Tieren den Stier tötete, gehandelt, sondern das Motiv sei mit germanischen mythologischen Vorstellungen verschmolzen worden. Die Randverzierungen zahlreicher Brakteaten wiesen zudem auf eine Sonnensymbolik hin, die in den spätantiken Kulten des Kaisers und des Sol Invictus, aber auch des Mithras eine wichtige Rolle gespielt hat. In seiner Studie zu den komplexen Zusammenhängen zwischen römischem Imperialismus und der Ausbreitung von Schriftlichkeit im nordwestlichen Europa beschrieb Svante Fischer die frühen Runenbrakteaten als Beispiele für die Prozesse, an denen sich ablesen lässt, wie römische Objekte, römische Ideologie und besonders die lateinische Schrift umgeformt wurden, um sie im germanischen Bereich akzeptabel zu machen.
Egon Wamers wählte die Gebärde der ausgestreckten Hand mit abgespreiztem Daumen, wie sie auf zahlreichen Brakteaten und anderen zeitgenössischen germanischen Denkmälern vorkommt, um in einer detaillierten Analyse die ikonographischen Verbindungen zu den Vorbildern in der spätrömischen Kunst, die den Gestus der imperialen Akklamation zeigten, zu demonstrieren. Wamers betonte jedoch, dass mit dem Nachweis ikonographischer Vorbilder „noch nichts über die im Zuge der nordischen Rezeption vollzogenen Bedeutungswandlungen gesagt“ sei. Das Verständnis dieser Wandlungen wird zusätzlich erschwert, da mit der Übernahme von römischen Bildmotiven und eigenen Neugestaltungen tiefgreifende Veränderungen in der Wahrnehmung der germanischen Gottheiten einhergingen. In diesen Studien, in denen Ausmaß und Form des römischen Einflusses und der eigenständigen Umgestaltung in den Brakteatenbildern thematisiert wurden, konzentrierten sich die Forscher ganz überwiegend auf die anthropomorphen A-, B- und C-Brakteaten. Dabei hatte bereits Worsaae darauf hingewiesen, dass auch die D-Brakteaten von römischen Bildmotiven angeregt worden waren. Hildebrand, Söderberg und Salin hatten die stilistische Abhängigkeit der frühen germanischen Tierornamentik vom spätrömischen Kunsthandwerk gezeigt und Günther Haseloff hatte in seiner systematischen Studie, Die germanische Tierornamentik der Völkerwanderungszeit (1981) die typologische Entwicklung der D-Brakteatentiere ausgehend von römischen Vorbildern demonstriert. Haseloff konzentrierte sich noch ganz auf Formelemente und Kompositionen der Tiere. Unter dem Einfluss neuer theoretischer Ideen, die als sogenannte kontextuelle Archäologie zusammengefasst werden, sowie der umfangreichen und methodisch neuen ikonologischen Studien von Karl Hauck verlagerten sich seit den 80er Jahren die Schwerpunkte der Forschung zunehmend auf inhaltliche Deutungen und soziale Funktionen der Tierornamentik. Hauck konnte zeigen, dass die D-Brakteaten in denselben mythologischen Kontext wie die anthropomorphen Brakteaten gehörten. Auch sie waren Heilsbilder, auf denen die „Bändigung der feindlichen Gegenwelt in einer Art Schutz- zauber weiter verbreiteten Formen der Bildmagie“ entsprach. Während auf zahlreichen Brakteaten mit anthropomorphen Häuptern und Figuren der Kampf mit Monstern und Dämonen thematisiert wurde, zeigten die Tiere der D-Brakteaten die Überwindung dieser Monster und Dämonen, wie sie entweder mit ihren ineinander verflochtenen Gliedern unbeweglich und unschädlich oder bereits verendet waren. Hauck unterstützte diese These, indem er die Phantasietiere der Brakteaten mit frühchristlichen Bildern der triumphalen Dämonenüberwindung verglich, auf denen Dämonen in Schlangen- oder Drachenform gezeigt wurden.
-o-o-
Vorrede: Wolfgang Beck und Roland Schuhmann „Futhark“ (2014), Abhandlung bestimmter, die Runenschrit betreffender Probleme, die der Abhandlung zugrunde liegenden Inschriften auch quasi editorisch zu dokumentieren und zu kommentieren. Der schwedische Humanist Johannes Bureus bildete 1599 in seinem Werk „Runakänslanäs Läräspan“ 19 Runensteine ab, in seinem zweiten runologischen Werk „Runaräfst“ von 1603 untersuchte er bereits ca. 150 Inschriten (Stille 2006). Der dänische Humanist Ole Worm bot in seinen 1643 erschienenen Danicorum monumentorum libri sex bereits 144 Inschriten aus Dänemark und Norwegen, die er mit einer Transliteration, einer lateinischen Übersetzung sowie mit einem sprachlichen Kommentar und der Dokumentation der Inschriftenträger versah. Nachdem die moderne wissenschaftliche Erforschung der Runen mit Wilhelm Grimms Werk „Ueber deutsche Runen“ (1821) und Ludvig Wimmers „Die Runenshrift“ (1887) ihren Ausgang genommen hatte, dauerte es nicht mehr lange, bis in den einzelnen Ländern die nationalen Editionen der Inschriten in Angriff genommen wurden. Rudolf Henning legte 1889 eine Ausgabe der deutschen Runendenkmäler vor. Sophus Bugge begann 1891 mit der Herausgabe der norwegischen Inschriten im älteren Futhark. Ludvig Wimmer ließ seit 1893 seine vierbändige Ausgabe der dänischen Runeninschriften folgen, die Neuausgabe erfolgte 1941/1942 durch Lis Jacobsen und Erik Moltke. Die Ausgabe der schwedischen Runeninschriften, die, nach den einzelnen Landschaften geordnet, im Jahr 1900 mit den Inschriften der Insel Öland begonnen wurde, ist bis heute nicht fertig gestellt worden. Anders Bæksted gab 1942 die isländischen Inschriften heraus; eine Gesamtausgabe der Runeninschriften auf den britischen Inseln fehlt bis zum heutigen Tag. Parallel zu den nationalen Ausgaben wurden auch schon relativ früh Editionen herausgegeben, die über die nationalen Grenzen hinweg bestimmte Teilcorpora der Runeninschriften beinhalteten. Bereits 1885 hatte Fritz Burg die älteren nordischen Runeninschriften herausgegeben, Carl Marstrander legte 1952 ebenfalls eine Ausgabe der Runeninschriften im älteren Futhark aus Dänemark und Schweden vor. Wolfgang Krauses Ausgabe der Runeninschriften im älteren Futhark von 1966, die auf seiner älteren Ausgabe von 1937 beruht, markiert nun den vorläufigen Endpunkt der Editionsgeschichte älterer Runeninschriften. Krause, der analog zum Vorgehen von Helmut Arntz, der 1939 die einheimischen Runendenkmäler des Festlandes zusammen mit dem Prähistoriker Hans Zeiss herausgegeben hatte, legte zusammen mit dem Prähistoriker Herbert Jankuhn die bis heute unersetzt gebliebene Ausgabe der Runeninschriften im älteren Futhark vor. Krause, der 1971 noch eine Grammatik der von ihm als urnordisch bezeichneten ältesten Runeninschriften folgen ließ, präsentiert durch die Darbietung der archäologischen Basisinformationen und epigraphischen Probleme, die Diskussion der Forschung und durch die Darbietung sprachwissenschatlicher Analysen eine Ausgabe, die von der Grundanlage her keine Wünsche offen lässt und die daher bis heute zitierfähig geblieben ist. Die Runologie ist heute mehr denn je eine interdisziplinäre Wissenschaft. Ebenso wie sich Runologen der Forschungsergebnisse anderer Disziplinen bedienen, werden Ergebnisse der runologischen Forschungen in anderen wissenschatlichen Disziplinen rezipiert. Die Arbeit mit Runeninschriften setzt gründliche Kenntnisse der germanischen Altertumskunde, der germanischen Religionsgeschichte und der Epigraphik voraus. Vor allem aber ist zur Beurteilung der inschriftenexternen Aspekte einer Runeninschrit archäologisches Wissen, zur Beurteilung der Inschriften internen Aspekte einer Runeninschrift sprachhistorisches Wissen, die Kenntnis der germanischen Einzelsprachen und der indogermanischen Grundsprache notwendig. Die Ausgabe von Wolfgang Krause bietet sowohl für die inschriften-externen als auch die inschriteninternen Belange einer Runeninschrift die notwendigen Informationen. Es steht freilich außer Diskussion, dass sich die Forschung in den nunmehr mehr als 40 Jahren seit dem Erscheinen dieser Ausgabe weiter entwickelt hat. Moderne naturwissenschaftliche Analysemethoden erlauben nicht nur bei den wenigen organischen Inschriftenträgern heute relativ gute Datierungen, die zahlreichen Neufunde seit 1966, die bei Krause fehlen, sind hinsichtlich der Fundumstände archäologisch weit besser dokumentiert als die frühen Funde. Aber auch die historische Sprachwissenschaft hat in der vergangenen Zeit wesentliche Fortschrite gemacht. Es steht außer Frage, dass Krauses heute immer noch maßgebliche Ausgabe der Runeninschriften im älteren Futhark qualitative und quantitative Defizite aufweist. Gegenüber den 222 bei Krause verbuchten Inschriften zählt man heute ca. 370 Objekte (Düwel 2009, 653), die in einer Neuausgabe berücksichtigt werden müssen. Die Runologie muss, um den Anschluss an die moderne Forschung nicht zu verlieren, eine neue verlässliche Ausgabe der älteren Runeninschriften vorlegen. Eine solche Ausgabe ist seit längerem angekündigt (zuletzt Düwel 2009, 653 f.), ihre Konzeption allerdings noch nicht präsentiert worden. Momentan werden im Kieler Runenprojekt, d. h. in der Sprachwissenschaftlichen Datenbank der Runeninschriften im älteren Futhark, alle jemals vorgebrachten Lesungen und Deutungen zu einer Inschrift kommentarlos nebeneinander gestellt. Der sprachwissenschaftliche Aspekt einer solchen Neuausgabe soll im Folgenden diskutiert werden.
Runeninschriften und Sprachgeschichte Die Ausgliederung der germanischen Einzelsprachen gehört immer noch zu den großen Problemen der historischen Sprachwissenschat. Bestehen hinsichtlich des Ergebnisses des Ausgliederungsprozesses - die Dreiteilung in Nordgermanisch, Ostgermanisch und Westgermanisch - wenig Zweifel, so ist der Aspekt der relativen Chronologie weiterhin strittig. Da das Nordgermanische mit dem Westgermanischen, aber auch mit dem Ostgermanischen Übereinstimmungen aufweist, ebenso das Westgerma- nische mit dem Ostgermanischen gemeinsame Züge besitzt, stellt sich die Frage, ob sich das urgermanische Kontinuum zunächst in einen goto- nordischen und einen westgermanischen Zweig, oder aber zunächst in einen nordwestgermanischen und einen ostgermanischen Zweig aufgespalten hat. Immerhin ist man sich weitgehend darin einig, dass sich die Ausgliederung der germanischen Sprachzweige in der ersten Hälte des ersten nachchristlichen Jahrtausends vollzogen hat. Den Runeninschriften im älteren Futhark, die seit ungefähr 150/200 n. Chr. überliefert sind, kommt hierbei ein zentraler quellenwert zu. Wie der Sprachstand der Runeninschriften zu bestimmen ist, bleibt allerdings strittig. Analog zu den verschiedenen Ausgliederungsszenarien wird auch die Sprache der frühen Runeninschriften unterschiedlich charakterisiert. Dabei werden die ostgermanischen Bezüge weitgehend ausgeklammert, weil die Verselbstständigung der ostgermanischen Dialekte mit der Abwanderung der Goten zu jener Zeit begonnen haben dürte, aus der auch die ältesten Runeninschriten überliefert sind. Die Diskussion hat hinsichtlich der Frage, wie sich die Sprache der ältesten Runeninschriten zu den späteren ostgermanischen, westgermanischen und nordgermanischen Zweigen verhält, noch kein einheitliches Meinungsbild erzielt. So wird die Sprache der ältesten Runeninschriten von Herbert Penzl (1985) als Repräsentant einer nord- und westgermanischen Sprachstufe bezeichnet, aus der sich sowohl die westgermanischen Einzelsprachen als auch die nordgermanischen Einzelsprachen herleiten lassen. In leichter Modiikation dieses Modells zeigt Elmer H. Antonsen (1975, 26), dass sich nur die nordgermanischen Sprachen und innerhalb der westgermanischen Sprachen nur die „ingwäonischen“ Sprachen aus der Sprache der ältesten Runen- inschriten ableiten lassen. Das westgermanische Althochdeutsche ist nach Antonsen (1986, 324) mithin als Nachfolger der Sprache der ältesten Runeninschriften ausgeschlossen. Otar Grønvik (1998) hingegen ist der Aufassung, die Sprache der ältesten Runeninschriten sei bereits ausschließlich nordgermanisch; er bezeichnet die „Sprachstufe Urnordisch [als] die älteste Runensprache“ (S. 147). Geht Grønvik davon aus, dass nord- und westgermanische Sprachen in der Zeit vor der Zeitenwende noch in einem näheren Zusammenhang stehen, so plädiert Hans Frede Nielsen dafür, dass sich der Ablösungsprozess der nordgermanischen Sprache in der Zeit zwischen 200 und 500 n. Chr. vollzogen habe - mithin in genau jener Epoche, aus der die ältesten Runeninschriten überliefert sind. Die Sprache der ältesten Runeninschriten, die Nielsen (2000, 32) „Early Runic“ nennt, repräsentiert nach Nielsen die Vorstufe der nordischen Sprachen, die er als „Early Norse“ (S. 255) bezeichnet. Jenen Runeninschriften, die in der Zeit zwischen 150/200 und 500 n. Chr. entstanden sind, kommt somit ein beträchtliches Gewicht bei der Diskussion der Ausgliederungsproblematik zu. Es steht außer Frage, dass sprachwissenschaftliche Fragen nicht losgelöst von bestimmten Inschriftenkontexten diskutiert werden können. Epigraphische Probleme beeinflussen die Schreibsprachenbestimmung: je nach Lesung kann etwa für die Inschrit auf dem C-Brakteaten von Guriles (KJ 116) das Ostgermanisch/Gotische mit laþa, das Nordgermanische mit der auch andernorts belegten Form laþu angesetzt werden. Ebenso können die Fundumstände die Lesung beeinlussen. Der Fundort des C-Brakteaten von Guriles auf der Insel Gotland kann für die nordgermanische Provenienz ebenso instrumentalisiert werden wie für eine ostgermanisch/gotische Provenienz. Einfacher scheinen die Fakten bei den außerhalb des skandinavischen Raums aufgefundenen Inschriftenträgern wie den Lanzenspitzen von Dahmsdorf (KJ 32) und Kowel (KJ 33), dem Brakteat von Körlin (KJ 137), der Spinnwirtel von Leţcani und dem Goldring von Pietroassa (KJ 41) zu liegen, die aufgrund ihrer Fundorte nahezu zwangsläuig für eine Bestimmung als ostgermanisch/gotisch zu sprechen scheinen. Umgekehrt wurde und wird bei einigen der innerhalb des skandinavischen Raums aufgefundenen Runeninschriften wie der Lanzenspitze von Mos (KJ 34), der Relievfibel von Etelhem (KJ 14), dem Scheidenbeschlag von Vimose (KJ 23), der Gürtelschnalle von Vimose (KJ 24), dem C-Brakteaten von Guriles (KJ 116) und der Rosettenfibel von Næsbjerg (KJ 113) mit ostgermanisch/gotischer Schreibsprache gerechnet.
Prämissen Bei der Edition von Runeninschriten können - dies ist gängige Praxis - bestimmte Teilcorpora berücksichtigt werden: Neben dem Kriterium des Fundorts (Nationalstaaten, Regionen, Städte) können die Zeitstellung (älteres und jüngeres Futhark), die Materialität der Überlieferung (Runensteine, Goldbrakteaten, Wafen) und auch die Pragmatik der Inschriften (magisch, kultisch oder profan) eine Rolle spielen. Die Edition von Teilcorpora erlaubt dabei ein intensiveres Eingehen auf spezifische Probleme der Einzelinschriften, die in einer Gesamtausgabe nur summarisch abgehandelt werden können. So ermöglicht beispielsweise Robert Nedomas Untersuchung der Personennamen der südgermanischen Runeninschriften (2004, 17) „einzigartige Einblicke in den Sprachstand des 6. Jahrhunderts und der Zeit um bzw. knapp nach 600“, die ein besseres Bild der voralthochdeutschen Sprachstufe und der damit verbundenen Entwicklung vom (West)Germanischen zum Althochdeutschen vermiteln. Wie oben bereits ausgeführt, kommt innerhalb des Corpus der Runeninschriten im älteren Futhark den ältesten Inschriften der Periode von ca. 150/200-ca. 500 n. Chr. eine besondere Rolle im Kontext der Sprachgeschichte zu. Es erscheint daher gerechtfertigt, diese Runeninschriften als gesondertes Corpus zu betrachten und hinsichtlich ihres linguistischen Aussagewertes auf phonologischer, morphologischer, semantischer und etymologischer Ebene zu untersuchen bzw. darzustellen. Dies kann/soll eine Edition leisten, die sich auf jene Inschriten im älteren Futhark beschränkt, die als semantisch lesbar und deutbar bezeichnet werden können. „Eine semantisch lesbare Inschrift ist in allen Teilen lesbar und verständlich. Alle Schriftzeichen müssen berücksichtigt werden, und die Zeichensequenzen müssen vollständig auf belegte oder rekonstruierte beziehungsweise rekonstruierbare sprachliche Einheiten beziehbar sein und den etablierten Regeln der germanischen Grammatik genügen“ (Düwel und Nowak 2011, 375). Es sollen mithin runeninschriftlich ixierte sprachliche Äußerungen behandelt werden, die als Ein-Wort-Inschriften ent- weder Namen (z. B. Besitzer, Ritzer, Dedikant), Appellativa, Formelwörter wiedergeben oder die als Mehr-Wort-Inschriten (z. B. Runenmeisterformeln) komplexeren Charakter haben und das Kriterium der Textualität erfüllen. Der Einbezug von Inschriften der ältesten Schicht, die wie z. B. das Speerblat von Rozwadów (KJ 35) oder die Spange von Tu (KJ 15) ohne weitgehende Konjektur undeutbar bleiben, ist im Rahmen einer solchen Ausgabe überflüssig, weil sie für die historische Sprachwissenschaft (zunächst?) keine verlässlichen Daten liefern. Ausgeschlossen müssen aus diesem Grund ebenfalls die sogenannten Futhark-Inschriten (KJ 1–8) und nicht-lexikalische Inschriften bleiben. Eine Edition, die den Schwerpunkt auf die inschrifteninternen, mithin sprachlichen Aspekte einer Runeninschrift legt, darf die inschritenexternen Aspekte (Beschreibung des Inschriftenträgers, Dokumentationder Fundgeschichte, archäologische Datierung) nicht vernachlässigen. Sie sollte neben einer Abbildung die Lesung der Inschrift, ihre Transliteration, ihre Transkription, einen ausführlichen sprachlichen Kommentar, der die etymologischen, morphologischen, semantischen und syntaktischen Aspekte berücksichtigt und schließlich auch eine Übersetzung der Inschrift bieten. Dabei ist - anders als in der Kieler Datenbank (siehe oben) - nicht intendiert, alle jemals vorgebrachten Lesungen und Deutungen zu einer Inschrift kommentarlos nebeneinander zu stellen. Alternative Lesungen und Deutungen werden in sprachlicher Hinsicht diskutiert, Ziel bleibt dabei nicht lediglich die Abwägung von Alternativen, sondern die Etablierung einer plausiblen Lesung, die sprachwissenschatlich begründbar ist. Eine solche sprachwissenschaftlich orientierte Edition wird mithin die Daten aus vergleichbaren Projekten wie der Concise Grammar of the Older Runic Inscriptions (Antonsen 1975) und der Sprahe der urnordishen Runeninshriften (Krause 1971) zusammenzuführen, zu aktualisieren, zu systematisieren und hinsichtlich der Neufunde seit 1975 (unter anderen Illerup Ådal, Nydam, Skovgårde/Udby, Hogganvik) und der linguistischen Forschungsliteratur zu ergänzen haben. Die Referenten arbeiten seit einigen Jahren an einer Edition, die diese Aspekte berücksichtigen wird. Sie soll im Folgenden exemplarisch vorgestellt werden.