13.07.2025
MENSCH UND ODING-RUNEN
Der Runen-ODING- und Odal-Reigen
vermag des Menschen Weg zu zeigen.
Ein AUF und AB ist jedes Streben,
auch jedes Menschen irdisch‘ Leben.
Den Odem schenkt‘ uns Gott Odin,
die Seele schwebt im Atem drin.
Erst wenn das Atmen uns verlässt,
regiert der Tod im Körper-Rest.
Altnordisch meint óðr = Seelenkraft,
welche mit ōðal die Heimat schafft.
Denn Heimat ist ja ein Seelen-Gut,
aus ōði = Seelen-Begeisterungs-Glut.
Aus dem O der Odala-Rune kommt,
der Runen-Geistfluss der uns frommt.
Er stellt des Menschen Leben dar,
symbolisch gleich dem Sonnen-Jahr.
So wie ein Jahrgang soll‘s doch sein,
mit Frühlings-Freud‘ und Wonne-Wein.
Und auch im Herbst, mit Erntezeit,
wird man für Winters Not bereit.
Klug, reif gemacht, erfahrungsschwer,
gedeiht der Mensch erst hinterher.
Sein Weisheits-Fundus füllt sich nun,
bald gilt‘s vom Schaffen auszuruhn.
Dann öffnet sich des Jenseits Tor,
als Seelen-Erlöser tritt Gott Odin vor.
Und nimmt die Seelen, ob reich, ob arm,
zum Jenseits-Flug in seinen Schwarm.
Im neuen Jahr, mit kommendem Glück,
bringt Odin den Seelen-Hauch zuück.
Und ein neues ODING-Sein beginnt,
aus der Lebensquelle, die nie verrinnt.
Im Text der eddischen „Weissagung der Seherin“, der „Vǫluspá“ (18,4), werden dem ersten Menschenpaar die Göttesgaben zuteil: „önd gaf Oðinn, óð gaf Hœnir, lá gaf Lóðurr oc lito góða“, „Atem gab Odin, Seele gab Hönir, Lodur die Wärme und gute Farbe“. Odin, der selbst Seele-Geist ist, schenkt den Lebens-Odem. In seinem Atem-Geschenk gibt er sein Selbst - eben die Seelen-Geistkraft - folgerichtig mit hinein, so spendet er gleichzeitig Atem, Leben, Seele. Seine beiden anderen göttlichen Erscheinungsformen, „Hönir“ (der Schwanengleiche) und „Lodur“ (der Fruchtbringende; germ. „lôdiz“, altnord. „lôð“ „Frucht, Ertrag“) zusätzlich Geist-Seele sowie Wärme und Farbe geben. Wie wären Sinn und Seele genau zu scheiden ? Dazu schreibt der Isländer Sigurdur Nordal: „önd, óðr: Hier wird eine Unterscheidung gemacht zwischen dem Lebensodem und der Seele. Önd bestimmt die Lebens¬funktionen, ist Teil des Lebens und ist Mensch wie Tier gemeinsam. óðr ist der ,göttliche Funke‘ im Menschen, der aufhöhere Mächte zurückgeht.“ (Sigurdur Nordal, „Völuspa“, 1980, S. 48) Der nordisch-mythische Begeisterungstrank, aus dem Speichel aller Götter heißt „Óðrörir“ (Seelenerreger), er schenkt höchste Gelehrsamkeit, Weisheit und Dichtkunst. Von diesem vortrefflichen Met lässt die Götterlegende den Odin noch einmal zusätzlich trinken, da begann sein Geist zu wachsen, er fühlte sich wohl, ein Gedanken führte ihn zum nächsten und er kettete Werk an Werk („Hávamál“, 140-141).
In einem naturreligiös klingenden Hymnus aus dem Stundenbuch „Te Deum“ der Hildegard v. Bingen (1098-1179) heißt es: „O Feuer des Tröstergeistes, … Du bringst auch stets Menschen voll Einsicht hervor, beglückt durch den Odem der Weisheit. … weil du die Gaben des Lichtes verteilst.“
Der Versuch, das ursprüngliche Assoziationsfeld des germanischen Begriffs „auð-oð-od/t“ aufzuhellen und möglichst überblicken zu wollen und ihn in den noch erhaltenen Worten richtig zu deuten, ist natürlich keine leichte philologische Aufgabe. In Zusammenschau mit den Funden und Bildquellen erreichen wir trotzdem eine relative Sicherheit. Beschauen wir den Begriffsfundus: o-Rune = germ. ōþala-, ōþalam, got. ōþal, utal, an. ōðal, ae. œ̄þel, ēþel, as. ōthil, ahd. uodil, afries. ēthel = Stammgut, Heimstätte, Erbgut, Erbsitz, Erbbesitz, Landgut, Eigentum, Heimat, Vaterland (got. haimōþli: Runeninschrift des Goldrings von Petrossa); nhd. Kleinod = Schmuckstück. Aus dem Odal-Grundbesitz der Begüterten erwuchsen: germ. aþala- = Gut, Geschlecht, Art; germ. aþalō-, aþalōn, aþala-, aþalan = Führer, Vornehmer; an. aðal = Art, Begabung, Hof, Erbgut, Eigentum; an. aðal, isl. aðali, ahd. adal, edili = edle Gesinnung, Adel; an. aðild = Recht bzw. Pflicht einen Prozess zu führen; an. aðili = der Führer eines Prozesses. Die mythische Verwobenheit von Heimatboden und Seele, von dem seelischen Gewordensein aus den Gegebenheiten des Werdeortes, drückt sich aus in: an. óðr = Seelen¬leben, Intellekt. Aus der Seelenbewegung und -erregung erwächst die Begeisterung, der Zorn, die Wut, auch Minnewut, also Liebe: idg. u̯āt-, u̯ōt- = angeregt sein, germ. wōda-, wōdaz, wōþa-, wōþaz = wütend, besessen, Wut, Zorn; an. ōði = wütend, rasend; an. ōðr = Erregtheit, Dichtkunst, Dichtung; an. ōðr = wütend, rasend; an. Oðrœrir = Name des Dichtermetes der den Geist zum Rausch (Ekstase) erregt; an. Óðr (Gott, Gatte der gegerm. Göttin Frija/Freya); gegerm. Wôðanaz, germ. Wōdin/Wōdan, altsächs. Uuoden, uþin (725 n.0), ahd. Wuoten, langobard. Godan, isl. Óðinn, nhd. Odin = Geistgott der den Seelenhauch-Atem „önd“ schenkt (Völuspá, 18). Ganz natürlich sind Geist und Geistgott in jedem Falle die Schöpfer, die Anschieber und mitunter auch die drängenden, drohenden Initiatoren zum Fortschritt: urn. utōn, an. ota = vorwärts schieben, anschieben, drohen. Dass die Gottesmacht Schrecken und Furcht auslösen kann, in ihrer oftmals scheinbar unbegreiflichen Willkürlichkeit, ist nicht nur aus der Bibel bekannt: germ. ōhtan, an. ōtti = Furcht, an. ōtta = erschrecken, an. ottask = sich fürchten, besorgt sein. Ein Wassertier ist zur gelegentlichen Verwirrung bei der Ortsnamensdeutung in diese Lautgruppe hineingeraten: idg. udros, germ. otra-, otraz, utra-, utraz, an. otr = Otter, Fischmarder. Die Vorstellungen von der Seele sind von jenen des Schicksals nicht zu trennen. Das Verhängnis wurde als etwas von höheren Mächten Gewobenes verstanden. Das persönliche Glück galt als Schicksalsgeschenk: idg. au̯-, au̯ē- = flechten, weben; idg. audʰ- = Glück, Besitz, Reichtum, germ. auda-, audaz = Gut, Glück, Habe; germ. audaga-, audagaz = glücklich; got. auds, auþs = Habe, Gut, Glück, Vermögen, Wohlstand; got. audahafts = beglückt, begnadigt, beseligt, selig; an. auðlegð, auðræði = Reichtum; got. audags = vom Schicksal begabt, selig; got. audagei = Seligkeit, Glückseligkeit, Glück, Freude; got. audagjan = selig preisen; an. auðigr, auðr, auðugr = reich, germ. auðanōn, an. auðna = Schicksal, Glück, Vorteil, an. auðr = Besitz, Reichtum, Gut, Schicksal, Tod, Norne, Weib, Gewebe; germ. audana-, audanaz = bestimmt; an. auðinn = vom Schicksal bestimmt; an. auðmjūkr = leicht zu bewegen, willig, demütig, schicksalsergeben; an. auðkvæðr = willig; an. auðkendr = leicht erkennbar; an. auðrāðr = leicht zu beraten. Alles Glück und aller Reichtum begannen sich auf der Erde zu manifestieren durch das Urweibliche dessen Sinnbild die nährende, mütterliche Kuh ist.