26.19.2025
Den folgenden Artikel der Uni-Greifswalde gebe ich ohne Änderung wieder; mein Kommentar ist darunter extra aufgeführt.
Runen-Inschrift im Kloster Eldena entdeckt - rätselhafte Botschaft aus dem Mittelalter
Die Klosterruine Eldena bei Greifswald - ein beliebter Ausflugsort, bekanntes Motiv des Malers Caspar David Friedrich und nun ein Ort der Forschung für den Greifswalder Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Christer Lindqvist. Denn in der Ruine des Zisterzienserklosters St. Marien östlich von Greifswald findet sich an einem Backstein eine gut leserliche Inschrift, die sich als „þiriX“ transliterieren lässt. Nach wissenschaftlicher Einschätzung stammt sie aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Was hat es damit auf sich?
Bereits 1996 hatten Bauhistoriker im ehemaligen Zisterzienserkloster Eldena eine ungewöhnliche Inschrift entdeckt, die neue Fragen zur Geschichte des Klosters und seiner Bewohner aufwirft. Auf einem Backstein im Ostflügel des Klausurgevierts wurden die Zeichen „þiriX“ eingeritzt. Diese Entdeckung hat der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Christer Lindqvist von der Universität Greifswald nun im Detail untersucht und seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift European Journal of Scandinavian Studies publiziert.
„Die Inschrift datiert vermutlich auf Mitte des 13. Jahrhunderts. Während das erste Zeichen eine mittelalterliche Rune („þ“) ist, könnten die folgenden drei Zeichen sowohl runisch als auch lateinschriftlich gelesen werden“, sagt Professor Lindqvist. Das abschließende „X“ weist zwar eine gewisse epigraphische Eigenständigkeit auf, kann aber aufgrund seiner basalen Form unterschiedlich gelesen werden, beispielsweise als römische Zahl X, als Andreaskreuz oder als Christuszeichen.
Historische Zusammenhänge deuten auf dänische Einflüsse in Eldena hin. Ortsnamen, Rechtspraktiken und Architektur legen die Anwesenheit einer kleinen dänischsprachigen Gemeinschaft bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts nahe. „Vor diesem Hintergrund könnte die Inschrift auf Altdänisch verfasst sein – am ehesten handelt es sich wohl um einen Personennamen, vielleicht Þı̄rir. Denkbar wäre aber auch eine in den Mund des Backsteins gelegte Aussage wie (ek) þerri ‘(ich) trockne‘“, so Lindqvist. Selbst lateinische Deutungen kämen in Frage: So ließe sich „þir“ mit lat. dīrus und der Phrase anguis dīrus ‘unheilvolle Schlange’ verbinden, wobei „IX“ eine christliche Schutzformel (Iesus Christus) darstellen könnte.
Die Deutungsvielfalt zeigt, dass unklar ist, welchen Bildungshintergrund die Person hatte, die die Inschrift geritzt hat – alles vom Handwerker in der Klosterziegelei bis hin zu einem Mönch wäre für den Sprachwissenschaftler denkbar. Welche Wirkung die Inschrift damals entfalten sollte, bleibt offen – sicher ist jedoch, dass sie bis heute fasziniert.
Das Zisterzienserkloster Eldena wurde 1199 gegründet und weist aufgrund seiner Lage und der Verbindungen zum Mutterkloster Esrom in Dänemark starke dänische Einflüsse auf. Die Entdeckung der Inschrift wirft neues Licht auf die Sprach- und Kulturlandschaft der Region und die Zusammensetzung der mittelalterlichen Bevölkerung in Eldena.
Weitere Informationen: Publikation: Lindqvist, Christer. „Eine Runeninschrift im Kloster Eldena bei Greifswald: Interpretationsvorschläge im Kontext der mittelalterlichen Sprachlandschaft Vorpommerns“, European Journal of Scandinavian Studies, vol. 55, no. 1, 2025, pp. 135–173. https://doi.org/10.1515/ejss-2025-2007
Webseite Prof. Dr. Christer Lindqvist:https://ifs.uni-greifswald.de/lindqvist/
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Geschrieben ist Thiurig oder Thiruig ?
Es werden eine Menge komplizierter Begriffsdeutungen angeboten, die aber sämtlich nicht überzeugen können. Die Runeninschrift ist an einer unbedeutenden Stelle der Klostermauern eingeritzt, so dass man von einer Art „Steinmetzzeichen“ ausgehen muss, also einer Hersteller-Markierung. Wahrscheinlich hat sich lediglich ein Maurer aus Thüringen verewigen wollen. Denn 1. Buchtaben, der deutlich rechtsläufigen Inschrift, ist ein Þ (altnord. Th oder D), 2. Buchstaben ist ein I/i, 3. Buchstaben ist eine Kombination von U/u und R/r, (ein einfaches runisches R liegt nicht vor, das würde ohne Bein-Anlehnung an Hauptstamm geschrieben !) 4. Buchstaben wieder ein I/i und letzter Buchstaben ist ein G/g. Die Leseweise des Wortes wäre demnach: Þiurig oder Þiruig bzw. Thiurich, eine mundartliche Form für „der Thüringer“. Die mittelhochdeutschen Benennungen der Thüringer nach Herkunft lauten: Thiruig, Dürinc, Dürenc, nach mittelniederdeutsch: Dorinc, Dörinc. Den Endbuchstaben X, das G/g, hat er besonders markant hervorgehoben, denn es ist, neben seinem Lautwert, auch das Sinn- und Vermehrungszeichen für „Gabe“. Dieses sog. „Malkreuz“ hinter seiner Selbstbezeichnung sollte ihm Glück bringen.
Im Mittelalter waren für Thuringorum und Thuringi die gebräuchliche lateinischen Schreibweisen für den Stamm der Thüringer: Tueringi und Thoringi. Die Bedeutung der Familiennamen Durig, Durick, Dürich wird erklärt mit jemanden der aus Thüringen kam. Ein Thüringer des 12./13. Jahrhunderts konnte schon mit Recht stolz auf seine Herkunft sein. Es wird sich um einen Maurer aus Thüringen gehandelt haben, der in dänischen Diensten war und sich deshalb der im Volk noch üblichen Runenschrift bedient haben.
Die Herrschaftszeit Ludwigs des Springers (1042-1123), Graf von Thüringen (comes de thuringia) und seiner Söhne Ludwig und Heinrich (1124 urkundlich comites de thuringiae), erweiterte Familienbesitz und Macht beträchtlich an Werra (Wartburg), Unstrut/Saale (Neuenburg, Eckartsburg), Fulda (Gudensberg, Kassel) und an der Lahn (Marburg). Der thüringische Hof auf der Wartburg wurde, besonders unter Landgraf Hermann I. (1190-1217), zu einem bedeutenden Mittelpunkt des literar. und musikal. Lebens (Heinrich v. Veldeke, Wolfram v. Eschenbach, Walther v. d. Vogelweide). Nach dem Tod des letzten Ludowingers Heinrich Raspe IV. (1247) begann der Thüringer Erbfolgestreit (bis 1264), in dessen Verlauf die Markgrafen von Meißen ihren Anspruch auf die Landgrafschaft Thüringen durchsetzten.