17.08.2025

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Bad Krozingen „unterer stollen“ Grab 172. Links Rückseite der Scheibenfibel mit zweizeiliger Runeninschrift, rechts Vorderseite der zweiten Fibel. Bad Krozingen, alemannisch Chrozige/Scrozzinca, ist eine Große Kreisstadt und ein Kurort im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald in Baden-Württemberg. 

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Grab 172 - Paar fast identischer Scheibenfibeln mit zweizeiliger Runeninschrift
bzw. Einzelrune. Bei der stark vergrößerten Inschrift sind die beiden Zeilen in die „richtige“ Reihenfolge gebracht. Darunter bzw. daneben die Übertragung in lateinische Schrift.

Bad Krozingen, der bekannte Kurort im südlichen Oberrheintal, bildet seit vielen Jahren einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt der Freiburger Denkmalpflege. Immer wieder kommt dort auch Überraschendes zu Tage – manchmal erst lange nach Abschluss einer Grabung, wenn die Funde in der Restaurierungswerkstatt behandelt werden und dabei, was gerade für Schmuckstücke aus Edelmetall gilt, ihr früheres Aussehen zurückerhalten. So war es auch bei einem Paar relativ großer, silberner Scheibenfibeln mit roten Almandineinlagen aus Frauengrab 172 des zum frühmittelalterlichen „Scrozzinca“ gehörenden Ortsgräberfeldes. Auf den Rückseiten dieser Fibeln fanden sich bei der Reinigung sehr fein eingeritzte Runen, auf der einen eine zweizeilige Inschrift, auf der anderen nur ein einzelner „Buchstabe“. Anders als in manchen vergleichbaren Fällen machte hier weder das Lesen, noch vor allem die K. Düwel und P. Pieper verdankte Übersetzung nennenswerte Schwierigkeiten: boba leub / agirike steht da in zwei „überkopf“ gegeneinander gestellten Zeilen, was mit Boba ist lieb dem Agirich(k) oder Boba (wünscht) Liebes dem Agirich verneudeutscht werden kann.

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„Die Runeninschriften von Weimar im Lichte der neueren Thüringerforschung“, von Martin Hannes Graf.

„Einleitendes - Etwa im Jahr 1902 kamen anlässlich der in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts begonnenen Ausgrabungen eines umfangreichen Gräberfeldes im Nordosten der Stadt Weimar aus zwei benachbarten Frauengräbern vier Gegenstände ans Tageslicht, die mit Runen beschriftet sind. Es handelt sich um ein Paar silbervergoldeter Bügelfibeln, den Rahmen einer bronzenen Schnalle sowie eine Bernsteinperle. Die Bernsteinperle ist seit 1945 verschollen, die drei übrigen Gegenstände befinden sich im Museum für Vor- und Frühgeschichte Charlottenburg in Berlin. Nach übereinstim-mender Ansicht der Archäologen sind die Gegenstände in die Mitte des 6. Jahrhunderts zu datieren und wurden, nach der Abnützung zu beurteilen, noch zu Lebzeiten der Besitzer resp. Besitzerinnen beschriftet. Die vier Stücke gehören damit zu der grossen Gruppe der kontinentalen Runeninschriften, die überwiegend unter diesem Zeithorizont zu verorten sind. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts postulierte man für den gesamten Fundkomplex ostgotische Einflüsse und Zusammenhänge, was jedoch heute aus verschiedenen und sicherlich berechtigten Gründen bestritten wird. Stattdessen vermutet man nun bei einigen Fundstücken langobardische Herkunft. Frank Siegmund schliesslich ordnet die ganze Nekropole dem alemannischen Kulturmodell Süd zu. Obschon die Runologie zur Beurteilung der sprachlichen Einzelheiten von der Archäologie jeweils gerne genauere Auskunft zur Ethnizität der in einem Gräberfeld bestatteten Personen erhielte, ist man sich in jedem Fall sehr wohl im klaren darüber, dass die Herkunftsbestimmung eines Fundstücks (oder auch eines ganzen Fundkomplexes) wenig über die Herkunft der ehemaligen Träger oder Besitzer der Funde und deren Sprache (und gerade dieser) besagt. Zudem nimmt die jüngere archäologische Forschung zunehmend Abstand von ethnischen Bestimmungen ihrer Untersuchungsgegenstände, was einerseits fachinterne Kontroversen zur Folge hat und andererseits die Distanz zu Disziplinen wie der Sprach- oder Geschichtswissenschaft vergrössert. So steht insbesondere letztere, die es traditionell vorwiegend mit Schriftquellen zu tun hat, vor dem Problem, die in Texten der Völkerwanderunsgzeit und des früheren Mittelalters überlieferten Ethnonyme und Personengruppennamen nicht mehr mit der Sachkultur zur Deckung bringen zu können (beziehungsweise dürfen) oder gar die Namen als Phantome betrachten zu müssen. Grundsätzlich besteht dieses Problem für die Sprachwissenschaft weniger, da sie mit Sprach- und Dialektbezeichnungen operiert, die zwar ethnonymische Hintergründe haben, die aber in ihrer Systematik so etabliert (und praktikabel) sind, dass ein Abrücken von Sprachbezeichnungen wie „Ostgermanisch“, „Westgermanisch“ oder auch „Alemannisch“, „Fränkisch“ usw. nicht mehr denkbar erscheint. Dazu kommt der verhältnismässig hohe Abstraktionsgrad der historischen Sprachwissenschaft, die nicht den Anspruch erhebt, Sprachdenkmäler mit Ethnien zur Deckung zu bringen – zumal für eine Epoche, in der die Dialektunterschiede, wenn sie überhaupt anhand eines genügend grossen Korpus nachvollziehbar gemacht werden können, gering gewesen sein dürften und in der eine ausgeprägte personale Mobilität vorausgesetzt werden muss. Reizvoll bleiben dennoch die Versuche, Geschichte, Sprache und Sachkultur miteinander zu verknüpfen, insbesondere da, wo wie im Falle der Thüringer über Realgeschichte, Sachkultur und Sprache nur wenige wirklich gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Mangels besseren Wissens wird also das Gräberfeld von Weimar traditionell als „thüringisch“ oder „altthüringisch“ bezeichnet, wogegen aus geschichtswissenschaftlicher Sicht nichts einzuwenden ist. Was jedoch die Sprachbestimmung der Weimarer Runenfunde anbelangt, so ist die Annahme von Krause/Jankuhn – „Ihre Sprache darf jedenfalls als thüringisch bezeichnet werden.“ – durch nichts begründet, da nicht geringste Sprachspuren zum Vergleich oder Korrektiv vorliegen. Umso mehr reizen die wenigen runischen Hinterlassenschaften Thüringens zum Sprachvergleich und zu einer erneuten Überprüfung vor dem Hintergrund der jüngeren Forschung.

Der „thüringische Filter“

Die Kartierung der kontinentalen Inschriftenfunde ergibt eine relativ klare räumliche Isolierung der thüringischen Fundgruppe. Sie ist insofern von Interesse, als sich damit einige Implikationen im Hinblick auf neuere Sichtweisen auf grössere politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge in Europa zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert ergeben. So formulierte der Basler Archäologe Max Martin im Anschluss an Ursula Koch mehrfach die These eines thüringischen „Filters“ zwischen dem fränkisch-alemannischen Süden und Westen und dem skandinavischen Norden im 6. Jahrhundert. Martin geht wie auch verschiedene Runologen davon aus, dass die Kenntnis der Runenschrift im südgermanischen Raum und der hiesige Brauch, Runen zu ritzen, auf nordischen Einfluss nach 531/34 zurückgehe. Das Hauptargument für diese bedenkenswerte, in den Einzelheiten allerdings nicht verifizierbare These, liegt vor allem in der zeitlich-räumlichen Isolation der südgermanischen Runenfunde und des Nachweises ausgeprägter sachkultureller Kontakte mit dem nordgermanischen Raum: Es ist, nach M. Martin, davon auszugehen, dass die Kenntnis der Runenschrift erst nach der Zerschlagung des Thüringerreiches durch die Franken 531 nach Süden gelangen konnte, weil bis zu diesem Zeitpunkt das Thüringerreich als eine Art Riegel oder Filter zwischen Norden und Süden gewirkt habe. Als Vermittler der runischen Schriftlichkeit in den Süden seien somit die Thüringer verantwortlich zu machen. Die sach- und kulturgeschichtliche Realität stellt sich Martin wie folgt vor: „Am ehesten werden aus dem Norden zuziehende Bevölkerungsgruppen […], die wegen des herrschenden Kulturgefälles archäologisch nicht mehr faßbar sind, das Runenbrauchtum mitgebracht haben, das dann wahrscheinlich von einheimischen Personen für beschränkte Zeit übernommen wurde. Was das genannte Kulturgefälle angeht, so scheint im Bereich des Kunsthandwerks auch der ‚nordische Kreis‘ im 6. Jahrhundert der gebende Teil gewesen zu sein.“ Ähnliche Gedanken formulierte Martin bereits 1977 und besonders pointiert im Katalog der Stuttgarter und Zürcher Alamannen-Ausstellung von 1997. Lässt man die Weserrunen und die vermutlich fränkischen von Bad Ems und Freilaubersheim beiseite, so konzentrieren sich die südgermanischen Funde in der Tat auffällig auf den alemannischen und bairischen Raum, und die thüringischen bilden eine Gruppe für sich. Die noch weiter im Osten gemachten Funde (Dahmsdorf 21 etc.) sind wohl wiederum anders einzuordnen. In dem von Martin angesprochenen thüringischen Filter könnten sich die Weimarer Inschriften also tatsächlich verfangen haben und bildeten somit einen, zumindest aus geographischer Perspektive, frühen Beleg für runische Schreibpraxis, die aus dem Norden importiert wurde. Man liest gelegentlich, dass der Schriftkundige aus Weimar die Inschriften ungewöhnlich sorgfältig ausgeführt habe, ja dass die Inschriften „künstlerisch geformt“ seien. Das lässt wenigstens darauf schliessen, dass der Runenritzer seine Arbeit wohl nicht zum erstenmal gemacht hat. Alles weitere bleibt unter dieser Perspektive spekulativ. Aus runologischer Sicht stellt sich die Sachlage allerdings leicht anders dar, da insbesondere im Hinblick auf graphematische Entwicklungen die südgermanischen Runeninschriften wenig mit den zeitgleichen nordischen gemein zu haben scheinen. Eines der Leitfossilien für den fehlenden Zusammenhang zwischen nordischen und südgermanischen Inschriften ist die Graphie des h-Lauts, die im Norden immer mit einem Querbalken erscheint, im Süden immer mit zwei. Auch die sieben Belege für doppelt gestrichenes h aus Weimar (s. zu den Inschriften im einzelnen sogleich) sprechen deutlich gegen nordische Zusammenhänge. Man darf sich darüber hinaus fragen, weshalb das Thüringerreich als beinahe undurchlässiger Block gelten soll, denn vielmehr – dies hat Svante Fischer in seiner Uppsalenser Dissertation betont – scheinen die Thüringer, so sie archäologisch identifizierbar sind, keinerlei Probleme damit gehabt zu haben, sich vor und nach der Niederlage durch die Franken in südlicheren Gegegenden wie in Bayern und Alemannien, niederzulassen, in den meisten Fällen in unmittelbarer Umgebung von Franken. Zudem nehmen, entgegen allen Erwartungen, Grablegungen im thüringischen Kernraum im zweiten Drittel des 6. Jahrhunderts markant zu, was in keiner Weise für einen thüringischen Exodus nach 531 spricht. Fischer hebt zudem hervor, dass im Hinblick auf Kulturkontakte, in denen auch die runischen zu verorten sind, kräftigere Beziehungen zwischen Alemannien und dem Westen und Osten als zwischen Alemannien und dem Norden festzustellen seien. So verfolgt die runologisch interessierte Archäologie trotz nicht zu leugnender sachkultureller Kontakte zwischen Skandinavien und dem Süden neuerdings eine weitere Erklärungsoption für die Herkunft oder mindestens die Beeinflussung der südgermanischen runischen Schriftlichkeit, und zwar geht sie von einem „later East Germanic settlement of runic literati into Eastern Alemannia and Bavaria, following the Avaric invasions of Pannonia in the late 560’s“ aus. In der Tat gibt es (geographische und) graphematische Übereinstimmungen zwischen den Inschriften und Fundstücken von Charnay (Dép. Saône-et-Loire, F), Beuchte (Kreis Goslar), Aquincum (Ungarn) und Breza (Bosnien) mit solchen aus dem alemanni- schen Raum. Graphematisch fällt beispielsweise wiederum die Form der h-Rune mit zwei Querbalken auf, die die Inschrift von Bezenye (Ungarn) mit den südgermanischen (alemannischen) gemein hat. Mit der Erkenntnis dieser allgemein stärkeren Verbindungen der alemannischen Inschriften mit den östlichen Funden ergäben sich möglicherweise Ansatzpunkte für eine erneute Beschäftigung mit der „südgermanischen Lücke“, jenem geographisch-chronologischen Paradoxon der Schriftgeschichte. Erweist sich somit das ‚Thuringian Narrative‘ als Phantom: woher kommt aber die süd- germanische Runenpraxis, und welche Position nehmen dabei die Funde von Weimar ein? Ersteres kann hier nicht weiter zur Diskussion stehen, zu letzterem seien im folgenden einige Ansätze formuliert.

Die Inschriften

Die in der Forschung als Fibel A bezeichnete Gewandspange trägt auf der unteren Hälfte der Rückseite des Bügels die gut lesbare Inschrift haribrig, auf dem mittleren, noch festen Knopf, liest man liubi, auf den beiden losen Knöpfen hiba und leob. Die Inschriften auf der Fibel B sind weniger gut zu lesen. Auf der Platte liest man, je nach Betrachtung, eine Folge sig, sin, gis oder nis, die alle zu keinerlei befriedigender Gesamtlösung führen. Auf einem noch festen Knopf liest man zudem hiba, auf einem abgebrochenen Knopf bubo. Der Schnallenrahmen bietet drei Inschriftengruppen: ida : bigina : hahwar, : awimund : isd : leob sowie idun: Die Bernsteinperle schliesslich bietet ohne Unterbrechung einen Text, der seit Feist und Arntz/Zeiss wie folgt wiedergegeben wird: ðiuð ¦ ida : hahwar. Es ist hier nicht der Ort, alle Entzifferungs-, Segmentierungs- und Deutungsprobleme neu aufzurollen, es scheint auch, dass die wesentlichen Elemente in den Fragen der Lesung erkannt wurden, wenngleich aufgrund der starken Abnutzung der Inschriften vieles unklar bleiben muss.

„Die Thüringer, die Weimarer Runen und der ostgermanische Raum“ (2002)

hat Heike Grahn-Hoek in einer gross angelegten Analyse und Gesamtschau der die frühen Thüringer betreffenden Schriftquellen dargelegt, dass man mit recht guten Argumenten von einer terwingischen Herkunft der Thüringer sprechen kann. Wenngleich die sprachliche Verbindung des Thüringernamens mit dem der Terwingen ganz unmöglich ist, ist es doch mindestens vom historischen Standpunkt aus gesehen nicht ganz von der Hand zu weisen, dass jahrhundertelange, ungewöhnlich starke Beziehungen zwischen thüringischen und ostgermanischen beziehungsweise gotischen Völkergruppen bestanden. Daneben macht auch M. Springer auf das früh und mehrfach bezeugte örtliche Nebeneinander von Burgundern und Thüringern aufmerksam; so nahm beispielsweie eine Abteilung von Thüringern an der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern teil. Unter dieser Vorgabe ist es reizvoll zu fragen, ob allenfalls in den Weimarer Inschriften Ostgermanisches erkannt werden kann, ohne dabei aber den Deutungsmodus von S. Feist zu wiederholen. Damit soll also kein Beweis erbracht werden, dass die auf dem Friedhof von Weimar begrabenen Menschen Ostgermanen waren. Aber es wäre immerhin von Interesse zu erkennen, welche Position den Inschriften von Weimar im Rahmen der jüngeren archäologischen, runologischen und historischen Debatten zukommen könnte. Es lassen sich insbesondere drei Punkte nennen, die möglicherweise auf Ostgermanisches hindeuten: 1. Auf der Fibel A liest man auf dem mittleren Knopf liubi. Das Wort – es handelt sich hier wohl um einen Personennamen – ist etymologisch problemlos, es lässt sich zu germ. *leu-baz ‚lieb, geliebt‘ stellen, im Gotischen lautet es liufs und kommt auch in der Ableitung unliufs sowie im Kompositum liuba-leiks vor. Dass es sich um das angesetzte Wort handelt, ist auch statistisch wahrscheinlich, insofern Runeninschriften mit einem Teil leob-/liub-/leub- auf dem Kontinent ausserordentlich häufig sind, wie folgende Aufstellung verdeutlicht:

Schreibenfibel von Schretzheim: leuba
Bronzekapsel von Schretzheim: leubo
Bügelfibel von Engers: leub
Bügelfibel I von Nordendorf: (l)eubwini
Felsinschrift vom Kleinen Schulerloch: leub
Scheibenfibel von Bad Krozingen: leub
Riemenzunge von Niederstotzingen: (-)liub
Holzstab von Neudingen leub / liub
Weimar I: liubi (Fibel A)
Weimar II: leob (Fibel A)
Weimar III: leob (Schnallenrahmen)
Weimar IV: leob (Bernsteinperle)

Es handelt sich um Inschriften, die, wenn sie keinen Personennamen nennen, wohl einen Wunsch zum Ausdruck bringen, dem Träger des Stücks Segen, Liebe, Glück, Erfolg wünschen oder mit einer solchen Beschriftung das Stück selbst individualisieren. Auch apotropäische Funktion wird den leub-Inschriften gelegentlich zugeschrieben. Als möglicherweise ostgermanisch lässt sich insbesondere der Vokalismus -iu- betrachten. Der Diphthong ist die im Gotischen in allen Positionen obligatorische Fortsetzung von germ. eu. Im Althochdeutschen entwickelte sich nach der sogenannten fränkischen Regel der Diphthong vor a, e, o der Folgesilbe zu eo und weiter zu io, der gemeinalthochdeutschen Form. In allen anderen Fällen wurde germ. eu zu ahd. iu, also bei i und u der Folgesilbe, zudem im Oberdeutschen bei a, e, o der Folgesilbe, wenn der dazwischenstehende Konsonant ein Labial oder Velar (ausser germ. h) ist. Die Weimarer Form liubi könnte damit, was den Vokalismus angeht, also oberdeutsch sein, die Form leob fränkisch. Oberdeutsche Sprachform käme prinzipiell dann in Frage, wenn die Lesung der fünften Rune als i zutrifft oder aber wenn man es mit einem Exportartikel aus dem alemannisch(sprachig)en Raum zu tun hat, der in seiner Zeitstellung nach Durchsetzung der fränkischen Regel entstanden wäre; für die fränkische Sprachform gilt dasselbe, sie passte nach der Regel in den mitteldeutschen Raum unter der Voraussetzung ihrer Durchführung. Betrachtet man jedoch die leub-Liste, so ist zu erkennen, dass die alte Form mit germanischem -eu-Vokalismus stark in der Mehrzahl ist und mit Ausnahme der Inschrift von Niederstotzingen, vielleicht Neudingen, dann aber vor allem Weimar, den Vokalismus iu oder eo bietet. In chronologischer Hinsicht könnte man daher argumentieren, die iu- und eo-Belege seien jünger und damit umso mehr oberdeutsch beziehungsweise fränkisch, während alle eu-Belege den kombinatorischen Lautwandel noch nicht durchgeführt haben. Angesichts der arealen Isolation der Weimarer Inschriften und des annähernd gleichen Zeithorizonts aller Inschriften scheint mir jedoch eine areale beziehungsweise dialektale Interpretation naheliegender, und man hätte auf den Weimarer Zeugnissen mit der frühen ostgermanischen Sonderentwicklung zu rechnen, wonach iu der normal-gotischen Form entspricht, eo einer ebenso gotischen, wie sie aber vor allem in indirekter Überlieferung zutage tritt, man vgl. etwa die lat. Schreibweise des Gotenkönigs *Þiuðareiks: Theodericus. Zur Inschrift von Niederstotzingen mag der Hinweis genügen, dass sie erst im 7. Jahrhundert angefertigt wurde. Für die Repräsentation von germ. eu in indirekt gotischer Überlieferung im Hinblick auf den lexikalischen Kern sei auf eine Auswahl westgotischer Namen mit eo- und iu-Vokalismus aufmerksam gemacht: Leovigildus, Leovesenda, Leovesindus, Leoveredus, Liuva, Liuba, u. v. m. Dieselbe Überlieferungsspezialität gilt, wenigstens teilweise, auch für das Wandalische. Zwar sehen runologische Arbeiten neuerdings davon ab, die leob-/ liob-/leub-Überlieferung dialektgeographisch zu beurteilen, doch scheint in dieser Richtung durchaus noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein. Nach Fingerlin/Düwel/Pieper beschränkt sich die Lautgestalt eu nicht auf die älteste Sachüberlieferung in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, sondern reicht mit den Funden von Schretzheim bis gegen 600. Zudem spricht auch die in der Forschung als „fränkisch“ eingestufte Inschrift der Bügelfibel von Engers mit der Form leub gegen die chronologische Argumentation. Freilich gibt es weitere Probleme wie das auslautende -b , welches „auslautverhärtet“ im Ostgermanischen als -f zu erwarten wäre, ferner fehlt nominativisch auslautendes -s (also Rectus-Form liufs, s.o.). Angesichts fehlender Hinweise zu den intendierten Kasusformen in den betreffenden Inschriften bleibt diesbezüglich jedoch alles offen. Im Sinne eines argumentativen Kompromisses könnte man vorsichtigerweise wenigstens von ostgermanischen „Spuren“ sprechen, wofür nicht zuletzt auch das Schwanken von eo- und iu-Graphien in den Inschriften spricht. Bekanntlich bezeichnen die bibelgotischen i-Graphien einen offenen Laut, welcher dem geschlossenen lateinischen e-nahe lag. Gleichzeitig steht bibelgotisches o für einen nach u hin liegenden o-Laut, der relativ geschlossen war. Damit mag das Schwanken in den Weimarer Graphien erklärt werden, wenn- gleich damit natürlich noch kein schlüssiges Kriterium für die Dialektbestimmung vorliegt.

2. Das Wort ðiuð auf der Bernsteinperle ist nur im Gotischen belegt: ðiuð Na ‚das Gute‘; es ist ein relativ häufiges Wort, zudem in Ableitungen und Komposita belegt. Zugrunde liegt ein primäres Adjektiv, von dem denominal (ga)ðiuðjan ‚segnen‘ abgeleitet ist, deverbal davon wiederum ðiuðeigs ‚gut, gepriesen‘ sowie ðiuðiqiss ‚Segen‘ (Lehnübersetzung von gr. ‚Segensspruch‘). Nach Heidermanns lassen sich die Belege von germ. *ðeuða- gruppieren in einen ostgermanischen Zweig *ðeuða-, einen nord- und westgermanischen *ga-ðeuðja- sowie einen westgermanischen *ðeuða-, wobei letzteres im Konsonantismus an *ðeuðo- ‚Volk‘ angelehnt ist. Der Vergleich mit an. ðyðr ‚freundlich, sanft‘ und dem seltenen ahd. githiuti ‚aufmerksam‘ ist damit zwar naheliegend, doch weisen jene Adjektive bereits einen jüngeren Entwicklungsstand auf (Anlehung an *ðeudō-). Einzig der von Wagner jüngst analysierte Freisinger Personenname Diudolf weist noch auf die Form mit wurzelauslautender stimmloser Spirans zurück. Wagner rekonstruiert für das Bestimmungsglied des Namens ein i-stämmiges Adjektiv *ðiuði- ‚gut‘, das er als Grundlage des runischen ðiuð ansieht, insofern dieses die Substantivierung des Adjektivs darstellen soll. Unter der Prämisse, dass mit dem Nachweis jenes westgermanischen *ðeuð(i)- in Diudolf auch die runische Form westgermanisch ist, wäre die Angelegenheit bereinigt. Ohne Umstände lässt sich aber ðiuð auch als Akkusativ Singular jenes gotischen a-stämmigen Substantivs verstehen (vgl. got. ðiuð taujan ‚Gutes tun‘), dem keine i-stämmige Grundlage vorausgeht. Denn jene allein erklärte ja den -iu-Diphthong im Ahd., der nur unter der Voraussetzung eines folgenden i, j oder u erklärbar ist. Andernfalls wäre aufgrund des auf den Diphthong folgenden Dentals *ðioð oder *ðeoð zu erwarten, entsprechend beispielsweise ahd. thiot, theot. Eine Form +thiut ist nicht bezeugt. Im Hinblick auf Pragmatisches ist wie bei der liubi-Inschrift wiederum zu bemerken, dass ein solches Wunschwort gut in den runischen Kontext der Kontinentalgermania passt; dies auch und insbesondere in der grammatischen Form des unveränderten Akk. Sg., wie er in der Inschrift vorliegen könnte. Auch in diesem Fall handelt es sich nur um ein Indiz einer möglicherweise ostgermanischen Spur.

3. Die Zeichengruppe hahwar, die sowohl auf der Bernsteinperle als auch auf dem Schnallenrahmen problemlos gelesen werden kann, wird im allgemeinen als Personenname aufgefasst und übereinstimmend als *ha[n]h[a]war mit dem Vorderglied germ. *hanha- ‚Pferd‘ und einem Zweitglied n ara- zu got. wars ‚behutsam, nüchtern‘ gedeutet: mit Nasalschwund und Ersatzdehnung beziehungsweise als Reflex einer Nasalierung und Ersatzdehnung von n vor x (got. h) sowie Schwund des Bindevokals a nach schwerer Silbe. Im frühgermanischen Onomastikon ist insbesondere das Zweitglied sehr selten. Es ist aber in der Frühzeit fast ausschliesslich im Ostgermanischen bezeugt, so z.B. got. Thauruaro/Thuruaro bei Jordanes oder griesch. bei Prokop. Erst später werden allmählich auch west- und nordgermanische Zeugnisse überliefert. Sollte es sich beim Zweitglied um ein anderes Element handeln, so könnte man nebst ahd. war allenfalls wart in Betracht ziehen, es sei an den Dänenkönig Hâwart aus dem Nibelungenlied erinnert, dessen Vasall und dänischer Markgraf Iring, gut bekannt aus der frühen thüringischen Sagenwelt, zusammen mit dem Landgrafen Irnvrit von Thüringen an Etzels Hof zieht. Bemerkenswert ist unabhängig vom Grundwort insbesondere der semantische Gehalt des Bestimmungsglieds jenes Personennamens, denn es weist auf eines der herausragenden Spezifika der frühen Thüringer: die Beziehung zu Pferden, die aus den archäologischen Befunden hervorsticht, die aber auch rechtsgeschichtlich von Bedeutung ist und in den Schriftquellen bis ins 4./5. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Legt man dem zweigliedrigen Namen als Grundwort jenes *wara- zugrunde, so liesse sich der Name vorsichtig etwa mit ‚behutsam im Umgang mit Pferden‘ übersetzen.

Zusammenfassung

Die Ausführungen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Verfolgt man die in den letzten Jahren verstärkte Erforschung der thüringischen Beziehungen zur Ostgermania, so lassen sich dafür sprachlich anhand der Inschriften von Weimar einige wenige Argumente finden, nämlich die typisch ostgermanische iu-Graphie für germanisches eu; sodann das im Appellativwortschatz nur im Ostgermanischen beimatete Wunschwort ðiuð und schliesslich die als Personenname identifizierte Zeichengruppe hahwar, deren mutmassliches Zweitglied -war ebenso in den ostgermanischen Raum weist. Freilich mag man Argumente dagegen anführen wie besonders die wenig ostgermanisch anmutenden Kasuskennzeichen in den Namen (bigina f., idun statt *idon usw.). Mit dieser knappen Analyse ist noch wenig gewonnen. Auch wenn sprachlich auf Ostgermanisches hindeutende Züge wahrscheinlich gemacht werden können, besagen diese wenig über die Sprache der völkerwan-derungszeitlichen Thüringer. Denn letztlich steht hinter jedem Runenzeugnis ein schreibkundiges Individuum, dessen ethnischer und sprachlicher Status (wenn er überhaupt bestimmt werden kann) noch nicht viel aussagt über die Provenienz des beschrifteten Stücks oder über die Sprache und Herkunft der Person, die das beschriftete Stück besessen hat. Sicher ist einzig, dass die Runeninschriften von Weimar in einem kontinentalgermanischen Rahmen zu verorten sind.“ (Der wissenschaftliche Erklärungsapparat wurde weggelassen !)