23.12.2025

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Diebold Schilling d.Ä., Spiezer Chronik (1485): Feuertod des „Ketzers“ Jan Hus in Konstanz, am 06.07.1415 - Wie steht die Kirche zu den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte? Zählen doch zu ihrem Sündenregister die Heiden-Schmähungen und -Massenmorde, Hexenverbrennungen, der mörderische Umgang mit den Abweichlern und Gegnern. Verleugnet die Kirche also ihre Geschichte, wie der allgegenwärtige Vorwurf lautet ?

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Der Historiker Peter Heather, geb. 1960, lehrt Mittelalterliche Geschichte am „King's Collegein“ London. Er ist Experte für die Spätantike und das Frühmittelalter. Ist Autor zahlreicher Bücher, darunter „Stürzende Imperien. Rom, Amerika und die Zukunft des Westens“ (mit John Rapley). Kürzlich erschien Heathers Werk „Christentum - Aufstieg und Triumph einer Religion“. Mit ihm wird ein t-online- Interview geführt von Marc von Lüpke:

„Das Christentum begann als winzige Sekte, dann avancierte es zur Weltreligion. Wie war dieser Aufstieg möglich? Historiker Peter Heather über das Erfolgsrezept dieser Religion und den Machtkampf zwischen Kaiser und Papst.

Die frühen Christen wurden verfolgt, später bekannten sich römische Kaiser zu dieser Religion, die schließlich Europa dominieren sollte. Dabei hat es immer wieder Momente gegeben, in denen das Christentum durchaus hätte verschwinden können. Peter Heather, einer der besten Kenner der Spätantike, hat mit „Christentum. Aufstieg und Triumph einer Religion“ ein Buch über den Durchbruch dieser Religion geschrieben.

Im Interview erklärt der britische Historiker, was das Christentum so attraktiv und erfolgreich machte, warum diese Religion eine gewalttätige Seite hat und warum Kaiser und Päpste verbissen um Macht und Einfluss rangen.

t-online: Professor Heather, das Weihnachtsfest des Jahres 800 war eines der wichtigsten in der Geschichte Europas und der lateinischen Christenheit. Was ist damals passiert?

Peter Heather: Es war eine historische Sensation, die sich am 25. Dezember des Jahres 800 in Rom ereignete. Karl der Große, König der Franken und Langobarden, wurde von Papst Leo III. zum Kaiser der Römer gekrönt. 476 war das Weströmische Kaiserreich untergegangen, nun war dieser Titel neu vergeben worden. Im Westen Europas gab es wieder ein christliches Imperium. Das machte diese Weihnachten so historisch.

Karl der Große soll die Kaiserwürde angeblich höchst widerwillig angenommen haben. Das dürfte aus dem Reich der Legenden stammen?

Das ist tatsächlich kompletter Unsinn. Karl der Große wusste ganz genau, was er wollte. Der Papst hatte nichts zu melden, der Kaiser hatte ihn vielmehr völlig in der Hand. Denn Leo III. schuldete ihm etwas: Weil der Papst als höchst korrupt galt, hatte man ihn gewaltsam aus Rom vertrieben. Leo III. konnte überhaupt nur in die Stadt zurückkehren, weil Karl der Große ihn beschützte. Und das tat der Frankenherrscher ganz sicher nicht ohne Hintergedanken.

Papst Leo III. war also widerwillig und beugte sich allein den Machtverhältnissen bei der Krönung eines neuen Kaisers im Westen?

Karl der Große setzte Leo III. wieder auf den Papstthron, bereits am Tag danach ließ er sich ohne weitere Fragen zum Kaiser krönen. Der Papst wiederum wollte keinen Kaiser, weil der Kaiser eine einzigartige religiöse Autorität in der damaligen Vorstellungswelt genoss: Denn danach ist er von Gott dazu bestimmt, über die gesamte christliche Gemeinschaft zu wachen. Das war die spätrömische Tradition, und dieser Ideenkomplex war im Jahr 800 noch ziemlich lebendig.

Welche Rolle billigte Karl der Große wiederum dem Papst zu?

Der Papst sollte für den Kaiser und das Gelingen seiner Pläne beten. Karl der Große hatte Leo III. schon 796 kurz nach dessen Wahl in einem Brief in die Schranken gewiesen, indem er ihm diese Aufgabe zuwies. Für sich selbst hatte Karl der Große die Bekämpfung der Heiden vorgesehen und darüber hinaus die Aufgabe, für die ordnungsgemäße Einhaltung und Verbreitung des christlichen Glaubens zu sorgen.

Mit zahlreichen Kriegen hat Karl der Große das erste Ziel energisch verfolgt, aber wie trieb er das andere voran?

Karl der Große versammelte und finanzierte an seinem Hof eine Gruppe von Kirchenführern, Denkern und Intellektuellen, die gemeinsam ein Programm ausarbeiteten, um zum ersten Mal überhaupt ein einheitliches lateinisches Christentum zu schaffen. Es sollten dieselben Bücher für den Gottesdienst, dieselben Bibliotheken für die Ausbildung von Predigern und Lehrern und dieselben Gesetze, Regeln und Hymnen für alle gelten. Das ist ziemlich einzigartig.

Allerdings konnten sich spätere Päpste aus dieser engen Umklammerung durch die Nachfolger Karls des Großen befreien.

Das Reich Karls des Großen hatte keinen langen Bestand, es zerbrach. Bereits unter seinen Enkeln wurde es dreigeteilt, daraus sollten später übrigens Frankreich und Deutschland entstehen. Das lateinische Christentum hingegen wuchs und wuchs, es gab mehr und mehr Christen. In Skandinavien, aber auch in Richtung Osten, konvertierten die Menschen zum Christentum. Oder man zwang sie dazu. Da es aber keine starke säkulare Autorität mehr gab, nutzten die Päpste das Machtvakuum zunehmend.

1087 demütigte Papst Gregor VII. den römisch-deutschen König Heinrich IV. aus der Dynastie der Salier, indem er ihn vor der Burg Canossa bei Eiseskälte auf den Knien tagelang warten ließ, bis er ihn empfing.

Das war eine Demütigung allererster Kategorie – und demonstriert, wie sich die Machtverhältnisse seit Karl dem Großen gewandelt hatten. Gregor VII. war ein gewiefter Machtpolitiker, der den weltlichen Herrschern eine kirchliche Hierarchie weitgehend unabhängig von deren Kontrolle abringen wollte. Das sorgte für massive Konflikte.

Das Christentum war ursprünglich eine winzige jüdische Sekte, die es zur Weltreligion brachte. Ihr Buch „Christentum. Aufstieg und Triumph einer Religion“ schildert diese Entwicklung. Konnten Sie eine Art Erfolgsrezept identifizieren?

In gewisser Hinsicht vermittelt das Christentum letztlich eine überaus optimistische Botschaft. Es geht um die Frage, wie viele Menschen in den Himmel kommen können: Ist es eine große Zahl oder eher eine kleine? Vor Konstantin glaubten die Christen, dass nur wenige in den Himmel kommen. Das Beispiel Jesus Christus hatte jeder Gläubige vor Augen, sein Leiden und Sterben am Kreuz, seine außergewöhnliche göttliche Selbstaufopferung. Erst im 12. Jahrhundert wurde mit der Schaffung des Fegefeuers festgelegt, dass viele gerettet werden. Jedoch unter großen Leiden. Das Fegefeuer war damals eine pragmatische und einleuchtende Kompromisslösung. Betrachten wir es als eine Art religiöses Update, das das Christentum noch attraktiver machte.

Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, hat das lateinische Christentum zahlreiche Aktualisierungen erfahren.

Nehmen wir die im Laufe der Jahrhunderte an Macht hinzugewinnenden Päpste. Ursprünglich waren

sie nicht viel mehr als die Bischöfe der Stadt Rom, die Könige und Kaiser hatte lange Zeit weitaus mehr religiöse Autorität als sie. Papst Innozenz III. beanspruchte dann zu Beginn der 1200er-Jahre ein Maß an religiöser Autorität, die grundlegend neu war. Der Zölibat – also Ehelosigkeit und sexuelle Enthaltsamkeit von katholischen Priestern – ist ebenso alles andere als eine urchristliche Erfindung, sondern wurde erst im 10. Jahrhundert verstärkt gefordert.

Was kam noch hinzu?

Das ursprüngliche Christentum war eher ein urbanes Phänomen, das eine zentrale Botschaft, das Evangelium, vermittelte. Aber drumherum hab es immer wieder Konfigurationen, die auch davon abhängig waren, wo das Christentum hinkam. In der klassischen Nachrömerzeit können wir beobachten, wie die Masse der Bauern auf dem Land für das Christentum gewonnen wurde. Diese Menschen brauchten eine Religion – und zwar eine, die sich langfristig um ihre Seelen kümmerte, zugleich aber auch dafür Sorge trug, dass das Getreide ordentlich wuchs und die Heuschrecken nicht die Ernte zerstörten.

Es kam also der Wunderglaube hinzu?

So ist es. Im Laufe des sechsten Jahrhunderts entwickelte das Christentum die Fähigkeit, sich auch für die übernatürlichen Dinge dieser Welt verantwortlich zu fühlen. Im vorkonstantinischen Christentum, bevor der weströmische Kaiser Konstantin das Christentum im vierten Jahrhundert annahm, kannte man das überhaupt nicht. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass damals irgendein Christ Gott im Gebet um etwas Derartiges ersucht. Die Heranführung der Bauern erforderte also eine große Anpassung des Christentums. Andererseits musste diese Religion für die Kriegereliten der nachrömischen Welt attraktiv bleiben, darunter die Franken. Auch das ist gelungen.

Das Neue Testament verkündet die Parole „Liebe deine Feinde!“, besonders friedfertig waren christliche Reiche allerdings nicht. Wie steht es um die Gewalt im Christentum?

Für das Christentum gilt das gleiche wie für nahezu jede andere Religion: Sie kann den Frieden befördern, sie kann aber auch ungeheuer gewalttätig sein. Nehmen wir das Beispiel der Isle of Wight im Süden Großbritanniens. Dort lebten die letzten heidnischen Herrscher der angelsächsischen Welt: Als die Insel im 7. Jahrhundert vom christlichen Wessex erobert wurde, gestattete man den heidnischen Prinzen noch, sich taufen zu lassen, bevor man sie hinrichtete. Erst die Taufe, dann die Hinrichtung, das erscheint uns heute schon ziemlich zynisch. Und das ist nur ein Aspekt der Gewaltgeschichte des Christentums.

Die Kreuzzüge, die Inquisition und die Gewalt gegen Juden sind weitere.

Absolut. Dazu kommen auch weniger bekannte Ereignisse wie das Konzil von Toledo im Jahr 589. Dort wurde es für rechtens erklärt, widerspenstige Bauern zur religiösen Räson zu bringen: entweder durch eine massive Erhöhung der zu leistenden Abgaben oder durch nackte Gewalt. Nur töten durfte man sie nicht. Wir dürfen auch nicht vergessen, wie stark die Kirche in das Leben der Menschen eingriff und sie überwachte.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gab die Institution der Pfarrvisitation, das bedeutet, dass der Bischof seine Gemeinden besuchte und dort alles auf seine Richtigkeit überprüfte. In meiner Heimat Großbritannien bereiste Ende des 13. Jahrhunderts der Prior Richard de Clyve fünfundzwanzig Kirchengemeinden in der armen und abgelegenen Region der Romney Marsh in Kent und prüfte die religiöse Gemeindefrömmigkeit. Vor allem ging es um die Durchsetzung der Bestimmung des Vierten Laterankonzils von 1215.
Was haben die Sittenwächter mit denjenigen gemacht, die gegen die Regeln verstießen?

Sie gingen mit dem Eifer der Stasi vor, es wurde keinerlei Rücksicht auf das Privatleben genommen. Da mittlerweile die Ehe als Sakrament galt, gab es ein Mittel, die Sexualität der Menschen zu kontrollieren. Ehebruch galt als schweres Vergehen, die Strafen waren überaus demütigend und öffentlich. Im Dorf Woodbridge wurde damals ein gewisser William, der entgegen den religiösen Richtlinien eine Frau geschwängert hatte, „dreimal um die Kirche gepeitscht“.

Wie bekam Richard de Clyve das alles heraus? Indem die Menschen ausgehorcht wurden oder sie bisweilen auch jemanden denunzierten.

Zu diesem Zeitpunkt war das Christentum bereits auf dem Vormarsch. Aber es gab immer wieder Zeitpunkte, an denen diese anfangs kleine Religion auch ohne weiteres hätte untergehen können.
Eine große Rolle spielte sicher die Niederschlagung des Jüdischen Aufstands durch die Römer im ersten Jahrhundert. Die folgende Vertreibung führte dazu, dass auch das frühe Christentum Verbreitung fand. Strittig ist bis heute, wie hoch die Zahl der Christen im Römischen Reich bis hin zu Konstantin dem Großen gewesen ist. Schätzungen gehen von zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung aus, diese Zahl kann unmöglich stimmen.

Woran machen Sie Ihren Zweifel fest?

Wir wissen, dass 85 Prozent bis 90 Prozent der Gesamtbevölkerung des Reiches Bauern gewesen sind. Das Christentum hat sich aber erst im sechsten Jahrhundert systematisch auf dem Land ausgebreitet. Wenn nun jemand behauptet, dass bis zu 15 Prozent der römischen Bevölkerung Christen waren, dann würde das bedeuten, dass die gesamte Einwohnerschaft der Städte des Imperiums aus Christen bestand. Wir wissen aber, dass selbst in Antiochia, der Stadt mit der ältesten und beständigsten christlichen Bevölkerung, nur rund ein Drittel der Bevölkerung zwei Generationen nach Konstantin christlich war.

Stellt sich die Frage, warum Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert Christ wurde und damit dieser Religion langfristig den Durchbruch verschaffte?

Vermutlich war Konstantins Familie christlich beeinflusst und geprägt. Das dürfte ein wichtiger Impuls gewesen sein; die Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 gegen seinen Rivalen Maxentius, die er angeblich im Zeichen des Christusmonogramms gewann, müssen wir mit aller gebotenen Vorsicht betrachten. Göttliches Wohlwollen behaupteten zahlreiche Herrscher in der Geschichte. Tatsächlich ist Konstantins Bekehrung als Teil der Transformation der Eliten des Imperiums zu betrachten.

Lässt sich überhaupt von einem einzigen Christentum in dieser Zeit sprechen?
Nur mit Abstrichen. Es waren zunächst autonome, weitgehend selbstverwaltete christliche Gemeinden, die ihre eigenen Bischöfe wählten und nur gelegentlich Kontakt miteinander hatten. Zu diesem frühen Zeitpunkt gab es innerhalb des Christentums keine zentrale Autoritätsstruktur, es existierte ein breites Spektrum an Meinungen und Ansichten zur Religion. Wir sollten dieses frühe Christentum als eine fromme Sekte betrachten, die ihren Mitgliedern hohe Verhaltensstandards abverlangte. Bereits die Aufnahme war langwierig und bestand aus einem jahrelangen Prozess. Die Taufe stand übrigens an dessen Abschluss, nicht Beginn.

Nach Konstantins Bekehrung ging es relativ schnell mit der fortschreitenden Etablierung des Christentums.

Das klassische griechisch-römische Heidentum war binnen 80 Jahren nahezu beendet. Als die alten Tempel der spätrömischen Welt geschlossen wurden, ging eine Ära zu Ende. Heute macht man sich angesichts des schieren kulturellen Gewichts des Christentums in der europäischen Kultur kaum bewusst, dass sein Siegeszug nicht zwangsläufig gewesen ist. Mit dieser Vorstellung aufzuräumen, ist ein Ziel meines Buches.

Sie haben es in einer Zeit geschrieben, in der das Christentum in Europa immer mehr Mitglieder verliert.

Ein Großteil der europäischen Bevölkerung versagt dem Christentum mittlerweile die aktive Treue. Aber die meisten Menschen auf unserem Kontinent sind selbstverständlich kulturell vom Christentum geprägt. Auch wenn sie nicht in die Kirche gehen und ständig den Zustand ihrer Seelen hinterfragen.
Die frühen Christen sahen das Ende der Welt nahe. Heute kommt angesichts der Klimakrise und zahlreicher Konflikte auf dem Globus teils Endzeitstimmung auf.

Das vorkonstantinische Christentum glaubte tatsächlich, dass das Ende der Welt nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Was eine ziemlich apokalyptische Vorstellung war. Damit ist die Tatsache verbunden, dass diese frühen Christen oft nicht heirateten, es gab nicht einmal christliche Gebete für die Ehe. Denn die Ehe war etwas, was die Seele gefährden konnte, sie lenkte davon ab, sich auf den Himmel zu konzentrieren.

Eine letzte Frage: Wie gläubig sind Sie selbst?

Ich bin kein Atheist, ich halte mich eher für einen anglikanischen Agnostiker. Wahrscheinlich ist es auch einfacher, ein Buch über das Christentum zu schreiben, wenn man kein wahrer Gläubiger ist.
Professor Heather, vielen Dank für das Gespräch.