23.04.2016 / 13.11.2025
       
 
 
HIRSCH UND SCHLANGE
 
 
Hirschlein ist der Schlange feind,
so wie der Tag die Nacht verneint.
Schlange flieht der Sonne Stich,
wird es Licht, verkriecht sie sich.
 
So wurden beide zum Symbol
für der Welten Gegen-Pol.
Schlange gilt als Tier der Grüfte,
Hirsch als Herr der Sonnen-Lüfte.
 
Hirsch-Geweih gedieh zur Krone,
Nattern-Maul zur Teufels-Zone.
Erhaben klingt des Hirsches Ruf,
Schlangen-Zischen Ängste schuf.
 
Stolz ragt Hirsches Prunk-Geweih
hoch über niederer Spöttelei -;
Schlangen-Windung gleichet echt,
Kriecherei von Sklav‘ und Knecht.
 
Weistum ist ein dickes Buch -,
das Wissen-Wollen, wie ein Fluch.
Nicht sei nur der Aspekt bedacht:
Hoch und Nieder, Tag und Nacht.
 
Hirsch und Schlange, im Ergänzen,
gleichen Jahres-Herbst und Lenzen,
sind wie Minus und wie Plus -;
scheint Dir das als Rätsel-Nuss ?
 
Schlange ist das Tier der Tiefen,
wo des Goldes Listen schliefen,
Lug und Trug und Raffinessen,
sind der Klugheit beigemessen.
 
Stünd‘ der Hirsch für klaren Willen -
über irdisch schrägen Grillen -,
und die Schlang‘ für Freien Geist,
wär‘s Symbolik die man preist.
 
Der Römer Älian (Claudius Aelianus; ± 170-222 n.0) schrieb auf Griechisch ein Tierbuch, in dem er auf Tierfeindschaften und auf Kämpfe zwischen Tierarten hinwies. Er schrieb: „Ein Hirsch besiegt eine Schlange durch eine außerordentliche Gabe der Natur. Auch die gemeinste Schlange in ihrer Höhle entwischt ihm nicht: Der Hirsch setzt seine Nasenlöcher an den Eingang [der Höhle] der gefährlichen Bestie und bläst darin aus aller Macht, bis er sie mit dem Zauber seines Atems herauszieht; sobald sie ihren Kopf herausstreckt, fängt er an sie zu fressen. Vor allem im Winter machen Hirsche das. Es ist sogar vorgekommen, dass jemand das Horn eines Hirschs zu Pulver vermahlen und dann ins Feuer geworfen hat und dass der aufsteigende Rauch die Schlangen aus der ganzen Umgebung vertrieben hat; sogar der Geruch ist ihnen unerträglich.“
 
Der altdeutsche Gott Frō (altnord. Freyr) ist Herr der Sonne, der Fruchtbarkeit und Vegetation, der über Regen, Sonnenschein und das Wachstum der Erde herrscht. Freyr galt ursprünglich als der göttliche Stammvater der an der Ostsee wohnenden Germanen, der Ingwäonen. Dieser Hochgott der Wanen gilt als Ahnherr des schwedischen Königsgeschlechtes der Ynglinge. Sein runisches Zeichen ist das Ing-Symbol (Ing-Rune.JPG), das einen normalen Sonnen-Kreis darstellt und bei runischer Schreibweise kantig geritzt wurde.
 
Freyr ist Herrscher des Albenreich, seinem Zahngeschenk. Er ist Sohn des Njörd und der Nerthus. Mit ihm und seiner Schwester Freya ging Freyr nach Ende des Asen-Wanen-Krieges nach Asgard, so dass der isländische Historiker Snorri Sturluson ihn zu den Asen zählte und ihn als deren trefflichsten bezeichnen lässt. Seine Gattin war seine Zwillingsschwester Freya, später wurde er der Mann der Riesin Gerd und mit ihr der Vater des Königs Fjölnir. Seine Diener sind Beyla, Byggwir und Skirnir. Ihm gehören das Schiff Skidbladnir und der goldene Eber Gullinborsti, beides von den Dvergr Sindr und Brock geschaffene Gegenstände. Außerdem besaß er ein Schwert, das von selbst kämpfte, und ein Pferd; beide Gegenstände gab er Skirnir, als der für ihn auf Brautschau ging.
 
Als Freyr von Odins Sitz Hlidskialf aus in Jötunheim die schöne Riesin Gerda entdeckte, verliebte er sich in sie und litt sehr unter Liebeskummer. Darum ritt Skirnir auf Freyrs Pferd nach Riesenheim, überwand die Waberlohe und kam bei der Riesentochter an, wo er zunächst Gymirs Hunde und den Hirten (ein Bruder Gerdas?) passierte.
 
Dann bot Skirnir der Gerda kostbare Brautgeschenke an: elf Äpfel der Idun und den Ring des Odin, doch sie lehnte ab. Auch die Drohung, sie und ihren Vater mit dem Zauberschwert zu erschlagen, stimmte Gerda nicht um. Erst, als Skirnir drohte, sie mit Runenzauber zu verfluchen (mit dem Thursen-Stab Thursen-Rune.JPG), so dass sie hässlich würde und den Riesen Hrimgrimnir heiraten müsste, gab sie die Abwehr auf und willigte ein, Freyr neun Nächte später im Barri, einem „Hag der Heimlichkeit“, zu treffen.
 
Als Lohn für seine Arbeit durfte Skirnir das Pferd und das Schwert behalten, doch besonders das Schwert wird Freyr zu Ragnarök (periodisches Weltenende) vermissen, wenn ihn der Feuerriese Surtr töten wird. Doch vorher wird Freyr den Riesen Beli, einen Bruder von Gerd, mit einem Hirschgeweih erschlagen, was auf die uralte Vorstellung von der Hirsch-Macht gegen Schlangen und Dämonen zurückgeht. Auch die Christenkirche wollte von dem Mythos provitieren und erklärte ihren Jesus als Hirschlein, das von Wölfen gejagt würde.
 
Des Frō-Freyrs Statue in seinem Tempel im schwedischen Uppsala war für ihren gewaltigen Penis berühmt. Diese Ausstattung ließ ihn die Römer mit dem Priapos gleichsetzen. Außerdem lässt es darauf schließen, dass er, wie Carnun und Pan ein Gott der erotischen Extase war. Sein fliegendes Schiff Skidbladnir, das immer günstigen Wind haben soll, wird als die Wolken gedeutet, sein selbst kämpfendes Schwert als Strahl der Sonne.
 
Im „Gylfaginning“ heißt es, Freyr wäre der trefflichste (beste) unter den Wanen. Er herrscht über Regen und Sonnenschein, das Wachstum der Erde, konrolliert die natürlichen Vorgänge auf dem Land und vermag den Menschen Wohlstand zu gewähren. Man soll ihn für Fruchtbarkeit und Frieden anrufen oder um sich aus physischen oder psychischen Fesseln zu befreien. Er verkörpert die Kraft des kosmischen Feuers, der Lebensenergie, welche unkontrolliert in den Wahnsinn treiben kann.
 
Seine Krafttiere sind Eber, Hirsch und Pferd. Zum Julfest wurden durch Handauflegen auf die Borsten des heiligen Herden-Ebers (Jul-Galdr), der als Opfer bestimmt war, bei einigen Stämmen Gelübde geschworen.
Seine Frau ist die Göttin Gerda, Tochter des Riesen Gymir. Naturmythologisch stellt Gerda wohl  die unter Schnee und Eis begrabene Pflanzenwelt dar. Neben ihr dürfte Freyr allerdings auch unzähliche unerwähnt gebliebene Liebschaften gehabt haben, denen er als Gott der Fruchtbarkeit und Ekstase verpflichtet war. Ihm wohnte eine hohe, teils recht archaische sexuelle Kraft inne.
 
In Schweden wird Freyr besonders verehrt, mehrere Ortsnamen in Ostschweden verweisen auf einen Freyrskult bzw. das Frosblot (Freyrsopfer). Das Reichskleinod der schwedischen Könige hieß Sviagriss (Schwedenferkel) und war ein besonderer Ring. Bei den Opferfeiern der norwegischen Jarle von Hladir wurde der erste Trunk dem Odin, die folgenden Njördr und Freyr geweiht. Freysgodi („Priester des Freyr“ und/oder der Freya) hießen die ihm verbundenen Goden.