
Bild von Walter Rudolf Leistikow (1865-1908)
Wir, die frohen Schwanen-Seelen,
segeln frei aus dunkler Kammer,
wenn wir dürfen, wenn wir wählen,
fliehen wir des Leibes Jammer.
Alles Schwere fällt von hinnen,
bleibt zurück in Körperhüllen,
wenn wir Seelen uns gewinnen,
um den Ur-Wunsch zu erfüllen.
Weiß wie Wolken, unsere Federn,
luftig auch gleich Sonnenfunken,
fahren wir auf Himmels-Rädern,
glückberauscht wie lichtbetrunken.
Und wir schauen und verstehen,
kreisen um die Weltenbänder,
sehen, wie sich Zeiten drehen,
wechseln ihre Trug-Gewänder.
Höher, höher führt das Schweben,
kleiner werden Erd’ und Sonnen,
hoch über dem Planeten-Weben,
sind wir eins mit Gottes-Wonnen.
Weltenmutter wird uns winken,
breitet weit die Strahlen-Arme,
macht, dass wir in ihr versinken -,
Geist sich der Struktur erbarme.
Aufgelöst in Sphärenklängen,
nur mehr Melodie und Träumen,
schwingen wir in Lichtgesängen,
gleichsam zwischen Rosenbäumen.
Die alten Vorstellungen von Seelen- oder Jenseitswesen erwähnten nicht selten die Schwanen-Jungfrauen. Schwanenjungfrau nennt man weibliche Sagengestalten, die sich durch Überwerfen eines Schwanenhemdes in einen Schwan verwandeln können. Das sind zum einen Walküren, zum anderen wird es auch von Elfen berichtet. Schwanenjungfrauen wurzeln in demselben mythischen Ideenkreis wie im Glauben an die Verwandlung des Menschen im Leben und nach dem Tode. Sie gehören zu den Weisen Frauen und besitzen daher prophetische Gabe. Zuweilen gehen sie Liebesverhältnisse mit Helden ein, stehen diesen bei und berühren sich so mit den Walküren und Fylgjen. So schwebte z.B. in den Fornaldarsögur die Kára in Schwanengestalt über ihrem Geliebten Helgi und brachte ihm den Sieg, bis er sie einst mit seinem Schwert aus Unvorsichtigkeit tödlich verwundete; von dieser Zeit an wich das Glück von ihm. Laut Saxo Grammaticus forderten den Dänenkönig Fridlav drei Schwäne durch ein Lied auf, einen gefangenen Königssohn aus der Hand eines Riesen zu befreien.
Ein Sagenmotiv ist, dass ein unverheirateter junger Mann einer Schwanenjungfrau eine Feder ihres Hemdes stiehlt und sie dadurch daran hindert, wieder zum Schwan zu werden und ihm zu entfliehen, und so erreicht, dass sie ihn heiratet. Meist gehört zur Fortsetzung, dass sie ihm ein Kind gebiert, von dem sie eines Tages erfährt, wo die Feder versteckt ist, so dass sie fliehen kann. Das Motiv des Schwanenmädchens war nicht nur inspirierend für die Musik, insbesondere für den Russen Tschaikowski, sondern auch für die bildende Kunst. Eines der wichtigsten Meisterwerke von Michail Alexandrowitsch Wrubel thematisiert das Schwanenmädchen.
Das mittelhochdeutsche Nibelungenlied erwähnt kurz zwei Schwanenmädchen, als Hagen von Tronje den Schatz im Rhein versenkt. Sie wurden Vorbild für die drei Rheintöchter bei Richard Wagner. Im Wölundslied der Lieder-Edda wird das Motiv erweitert, insofern dort drei Brüder Schwanenjungfrauen heiraten, die alle drei nach sieben Jahren ihren Männern entfliehen. Wölund, der nicht den Versuch macht, seine Schwanenjungfrau zu finden, erleidet ein ähnliches Schicksal wie sie. Er wird gezwungen, bei seinem Herrn, dem König Nidung zu bleiben, und kann sich nur durch Herstellung von Flügeln aus dieser Gefangenschaft befreien.
Die chinesische Version ist urkundlich belegbar seit dem 4. Jahrhundert. Ein Mann stiehlt das Flügelgewand eines badenden Vogelmädchens und heiratet sie. Nachher gebiert sie ihm drei Töchter. Nach ein paar Jahren findet die Frau ihr Gewand und fliegt weg. Später kehrt sie mit drei neuen Flügelgewänden zurück und holt die Töchter zu sich. Dieses Motiv findet sich auch in der chinesischen Niulang-Zhinü-Sage (Kuhhirte und Weberin). In Japan gibt es die Legende Hagoromo Densetsu (jap. 羽衣伝説), die sich bis auf das Ōmi-Fudoki aus dem 8. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Ein Mann stiehlt die Federrobe (Hagoromo) eines badenden Himmelsmädchens (Tennyo), ohne die es nicht mehr zurückkehren kann und zwingt sie ihn zu heiraten. Nach ein paar Jahren bekommt sie die Robe zurück, fliegt in den Himmel und lässt ihren Mann und ihre Kinder zurück.