die wahrten das Wissen vom weiblichen Walten.
Vielwissende Frauen gab's viele im Land,
sie wurden als „Weiße Frauen“ bekannt.
sie führten die Völker mit fraulichem Fug.
Die Volksmütter mahnten auf Thron und Turm,
bei Frieden und Freude, in Streit und Sturm.
und Runengeritze auf Zauberzweigen.
Sie übten die Sudkunst mit sorglichen Händen,
aus Sprudeltöpfen die Saelde zu spenden.
selbst Recken reisten um redlichen Rat.
Sie weihten der Welten wonnige Weiden
dem Heimatvölkchen der Hügel, der Heiden.
sie wussten ums Wispeln der weisenden Boten.
Sie wussten der heimlichen Winke zu warten,
jenseitiger Zeichen vielfältigste Arten:
das Schmauchen des Rauches am Opfer-Lei,
der Fladen und Flecken Fasern und Falten,
des garenden Gutes Gaukelgestalten;
durch Loh und um Lei, die listlichen Lüfte.
das Wispern und Wabeln der wissenden Welle.
im moorigen Moosgrund den Munkeltanz;
der lichtreinen Rosse rätliches Regen,
ihr Scharren, Schnauben, Stampfen und Stegen.
im seligen Suchen die Sinne zu schärfen,
im ratklugen Ringen zu ramen, zu reifen,
Stäbe des Schicksals ergreifend begreifen,
zu lösen, zu liezen, zu wikhen, zu wesen.
der mästenden Nässe Menge zu mehren;
mit „Lagu und Lauka“ und huldreichen Listen.
der wissenden Weiber gedeihliche Gunst,
aus göttlicher Mutter vermittelte Gaben,
erwirkten zum Wohle das waltende Wetter,
erschlugen den Schädling mit Hagelgeschmetter;
der Winde, der Wolken gewaltiges Gären -;
des Jahrganges Regel vom Lenz bis zur Rüste,
der Gauen und Marken, in Bergland und Küste.
und mitten im Kraftfeld, im Wirkungsgitter,
da flossen des ewigen Lebens Fluten,
dort war des Mondes Macht zu vermuten -;
da kringelte Kraut gegen Krankheit und Not -
die Mittel der Mütter besiegten den Tod.
durch Lagu und Lauka Genesung zu geben,
Gesundung von Siechtum und Todes-Sein,
durch Lina und Lauka und Lunen-Schein.
„Hebammen, Heilerinnen und Hexen“ von Franz Irsigler und Rita Voltmer (mit der heute gewünschten Sichtweise.)
„Die Hexenprozesse waren eine der schlimmsten von Menschenhand angerichteten Katastrophen der europäischen Geschichte.“ Dieser jüngst von Wolfgang Behringer und Günter Jerouschek formulierten Wertung ist sicher zuzustimmen. Trotz und vielleicht gerade wegen ihres katastrophalen Charakters sind die frühneuzeitlichen Hexenjagden immer noch ein großes Faszinosum für Wissenschaftler und interessierte Öffentlichkeit. Die Veröffentlichungen der modernen interdisziplinären Hexenforschung, die Arbeiten über Hexenglauben und Hexenverfolgung vermehren sich fast täglich und kommen gemeinsam mit Wiederabdrucken längst überholter ‚Hexenliteratur' auf den Markt. Nicht weniger intensiv befassen sich fundamental-feministische, esoterische und neuheidnische Zirkel mit den vermeintlichen Hexen der Vergangenheit. Gleichwohl überschneiden sich diese beiden Rezeptions-, Reflexions- und Diskurskreise kaum, wissenschaftliche Erkenntnisse werden von letzteren in der Regel nur interessengeleitet aufgegriffen, meistens jedoch völlig ignoriert oder abgelehnt. Daher verwundert es nicht, wenn in Film, Fernsehen, Yellowpress, historischen Romanen und Internetseiten immer noch mit großer Hartnäckigkeit Klischees, Vorurteile und Fehleinschätzungen über die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen verbreitet werden, die sich - provozierend formuliert - in einem Satz zusammenfassen lassen: Kirche und Staat hätten, motiviert von einer aggressiven Frauenfeindlichkeit, im Mittelalter zumeist rothaarige und besonders hübsche oder alte und besonders hässliche, insgesamt fast neun Millionen Frauen, vorzugsweise Hebammen und Heilerinnen, von lüsternen und perversen Inquisitoren als Hexen verfolgen, foltern und verbrennen lassen, um damit die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft zu disziplinieren, ihr geheimes Wissen um Heilkunde, Verhütung und Abtreibung auszurotten und sie gleichzeitig aus dem Berufsleben zu vertreiben, um Männer, nicht zuletzt Ärzte, von unnötiger Konkurrenz zu befreien.
Gegen diese, allenfalls mit Halbwahrheiten geschmückte mythisierende Opfergeschichte, gepaart mit naiver Verschwörungstheorie, hat es die wissenschaftliche Erforschung der Hexenprozesse mit ihren vielschichtigen, keine einfachen Erklärungen anbietenden und oftmals auch divergierenden Ergebnissen immer noch schwer, in der breiten Öffentlichkeit gehört und rezipiert zu werden. Eine Einführung in die komplexe Thematik der europäischen Hexenverfolgungen kommt daher nicht umhin, sich gerade mit jenen historischen Fakten auseinander zu setzen, die den häufigsten Fehlinterpretationen unterworfen sind. […]
Die Zahl der heilkundigen Frauen, deren Rat und Hilfe so begehrt waren, dass sie von den gelehrten und den praktischen Medizinern, den Chirurgen, Badstubern und Barbieren als Konkurrenz empfunden wurden, war immer gering. Die meisten Frauen, die gerichtsnotorisch wurden - und nur von diesen wissen wir Genaueres -, waren des Lesens und Schreibens nicht mächtig; sie hatten also keinen oder höchstens mittelbaren Zugang zum Wissen der gelehrten Mediziner, die in ihren Schriften auch Erfahrungen der medizinischen Praktiker dokumentierten. Auch das in den Kräuterbüchern und diätetischen Schriften gesammelte Wissen blieb den weisen Frauen weitgehend verborgen. Einzelne Rezepte, Kräutermischungen oder sonstige Heilmittel wurden gelegentlich durch Heilerinnen und Heiler aus dem geistlichen Stand vermittelt, wie zum Beispiel durch Mitglieder von Pflegeorden oder Beginen, deren Rat oft gesucht wurde.
Aus den Hexenprozessakten erfahren wir nur ausnahmsweise Details über die Heiler- und Heilerinnenpraxis, die eine Einschätzung des Umfangs und der Qualität des medizinischen Wissens erlauben. Etwas mehr bieten Strafgerichtsakten von Verfahren, die nicht notwendig zu einem Hexenprozess führten. Sie zeigen eine eigenartige, manchmal gefährliche Mischung naturmagischer Praktiken, verbunden mit pseudochristlichen Segens- oder Zaubersprüchen, die aber nicht nur zur Heilung von Krankheiten, sondern auch als Liebeszauber, Wiederbringzauber, Wetter- und Brandsegen oder für den Blick in die Zukunft eingesetzt wurden….“