24.09.2013

SCHACHSPIEL DES LEBENS
 
Ein Menschenleben ist nicht viel,
es ist nicht mehr als nur ein Spiel !
So wie ein Schachbrett ist die Welt,
in die das Schicksal uns gestellt.
 
In einem Kampf-Arena-Kreis,
der vielen Felder -, schwarz und weiß,
bekämpfen sich auf solchem Gitter,
die weißen und die schwarzen Ritter.
 
Licht und Dunkel steh’n im Ringen,
auf Dauer lässt sich keiner zwingen;
im Wechsel siegen Nacht und Tag,
dass Spannung sich erhalten mag.
 
Vier „Türme“ wachen auf den Grenzen,
als herrschaftliche Exzellenzen -;
vier Burgen schmälern Toleranzen,
beschränken Bürgerrecht dem Ganzen.
 
Jede Partei hat brave „Bauern“,
zu dienen, fronen, ackern, mauern;
die Order treibt sie vor, niemals zurück;
ein Opfergang ist ihres Laufs Geschick.
 
Die „Läufer“ sind die wenig trägen,
sie finden ihren Sieg im Schrägen -;
Windhunde eilen durch die Maschen
und füll'n durch Tücken ihre Taschen.
 
Die „Springer“ sitzen hoch zu Ross,
hoch überm Recht und ihrem Tross;
sie arbeiten mit Winkelzügen -;
wer wagt’ es je die Herrn zu rügen ?
 
Einköpfigkeit ist nicht eintönig,
ein jedes Volk braucht einen „König“;
fällt dessen Haupt als höchster Hort,
dann bricht der ganze Leib hinfort.
 
So sind die Völker aufgestellt -;
weltweit auf jedem Platz und Feld,
sind gleiche Ordnungen zu spüren,
nur dass sie andere Namen führen.
 
Doch etwas mehr ist noch im Spiel,
kaum zu berechnen, höchst mobil -;
der stärksten Angriffswaffe Name
ist „Königin“, oder auch „Dame“.
 
Dieser Figur im großen Ringen
will jeder Schachzug klug gelingen;
ob König, Bauer -, Mann für Mann,
die Dame schlägt sie in den Bann.
 
Wer einer Dame Spiel vergisst,
zumeist nachher der Dumme ist !
Drum haltet allzeit gute Wacht,
und achtet was die Dame macht !
 
Und wer die Regeln nicht begreift,
nach eigenen Prinzipien schweift,
den setzt - und sei’s ein Goliath -,
das wahre Leben bald schachmatt !

 

Buchhinweis: Siegbert Tarrasch „Das Schachspiel“ (1931) - Der Tod Siegbert Tarraschs am 17. Februar 1934 fallt in den Beginn der NS-Herrschaft und kennzeichnet das Ende einer glanzvollen Ära des deutschen Schachs. Geboren am 5. März 1862 in Breslau erlernte Tarrasch relativ spät, erst im Alter von 15 Jahren, das Schachspiel, wurde aber bald ein sehr erfolgreicher Spieler. Nach dem Studium der Medizin in Berlin praktizierte er als Arzt in Nürnberg und später in München. Der Beruf hielt ihn aber nicht davon ab, als professioneller Schachspieler zu wirken. Aufgrund seiner zahlreichen Turniererfolge galt er am Ende des 19. Jahrhunderts als einer der besten Spieler der Welt.

Hinzu kam eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Tarrasch schrieb für zahlreiche Tages- und Schachzeitungen und war Autor einer ganzen Reihe von bis heute wegweisenden Turnier- und Lehrbüchern. Seine unterhaltsame und pointierte Art der Darstellung prägte ganze Generationen von Schachspielern. In seinen Büchern, mit 300 Schachpartien, formulierte er die moderne Schachpartie und die Grundsätze der klassischen Schachtheorie. Manche seiner Lehrsätze wurden geradezu sprichwörtlich und sind für viele Schachfreunde bis heute gültige Regeln.

Sein letztes, 1931 veröffentlichtes Buch war zugleich sein erfolgreichstes: „Das Schachspiel - System und Lehrbuch für Anfänger und Geübte“. Nicht umsonst erfreut es sich anhaltender Popularität und ist mit einer Gesamtauflage von mehr als 130.000 Exemplaren eines der meist verkauften deutschsprachigen Schachbücher überhaupt: ein Klassiker der Schachliteratur.

Tarrasch begriff sein Buch als einen Grundkurs, um Schach effektiv und mit Verstand spielen zu lernen. Er verlangt von seinen Lesern die Bereitschaft zur Anstrengung und die notwendige Ausdauer. Für Tarasch muss man zum Schachspielen nicht geboren sein, sondern kann es erlernen. So beginnt Tarrasch mit der Erläuterung der Grundregeln, um dann »vom Einfachen zum Schweren« die wichtigsten Endspiele, danach häufige Mittelspiel-Kombinationen und typische Motive und erst zum Schluss die Eröffnungen abzuhandeln.

Um den Lehrbuchcharakter des Buches zu erhalten und für den Leser die stets aktuelle Theorieentwicklung wiederzugeben, wurde die Erstauflage von 1931 später im allgemeinen Teil gestrafft und um die Eröffnungszüge aktualisiert. Trotz einiger überzogener Behauptungen, Anklänge von Dogmatismus und einer nicht mehr den aktuellen Stand der Schachtheorie wiedergebenden Sicht der Eröffnungen wirkt das Fachbuch, viele Jahrzehnte Jahre nach seinem ersten Erscheinen, immer noch erstaunlich vital, lehrreich und frisch. Nach wie vor bietet es dem Anfänger den Beginn einer lebenslangen Freundschaft und bereichert auch den Fortgeschrittenen um einige der interessantesten theoretischen Positionen. (Lukas Moritz)